Detroit - Kritik

Detroit / AT: Untitled Kathryn Bigelow Project; Untitled Detroit Riots Movie

US · 2017 · Laufzeit 143 Minuten · FSK 12 · Historienfilm, Drama · Kinostart
Du
  • 6 .5

    Ja, das ist schon alles mitreißend, und der Cast spielt größtenteils absolut hervorragend (Boyega!). Eine gelungene Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema sieht aber anders aus. So ist der Film nicht an den eigentlich viel spannenderen gesellschaftlichen Verhältnissen und Rahmenbedingungen des dargestellten Konflikts interessiert, sondern nutzt ohne Hinterfragung seiner Entstehungsmechanismen ein moralisches Chaos, um eine historisch relevante Wende zu einem Gut-Böse-Kammerspiel zu reduzieren. Verstehen, was genau die Bevölkerung zu solch drastischen Aufständen und die Polizei zu dermaßen harten Reaktionen treibt, wird kein Zuschauer ohne gründliche Vorkenntnisse. Und einen zur Besonnenheit aufrufenden Beitrag zur friedlichen Klärung solcher Verwürfnisse kann diese Aneinanderreihung ungerechter und frustrierender Ereignisse auch kaum leisten. Vermutlich möchte Bigelow nicht weiter Öl ins Feuer gießen, liegen mit den Milwaukee Riots vergangenes Jahr ähnliche Ereignisse doch gar nicht allzu weit entfernt, über was mich ihr Film jetzt genau aufklären sollte, ist mir allerdings unklar. Konsequenterweise hätte ihr Film also nicht den Titel "Detroit", sondern "Algiers Motel" tragen sollen.

    • 9

      Kathryn Bigelow erinnert uns eindrucksvoll, zu was das Medium Film und Kino im speziellen fähig ist. WAS für eine intensive, immersive Grenzerfahrung. Ein Film, der von der ersten Sekunde an komplett fesselt und dessen emotionale Spannung sich nahezu unerträglich steigert. Die Inszenierung ist perfekt. Ein grimmiges, wütendes Stück amerikanischer Zeitgeschichte. Wenn zum Abspann die Roots ft. Bilal erklingen, ist man psychisch und physisch am Ende, möchte einfach nur schreien.
      Bigelows mit Abstand stärkster Film und für mich das wichtigste, ja auch beste Stück Kino des Jahres 2017. Wertung hat Luft nach oben.

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      • 8 .5
        Andy Herman 07.12.2017, 17:11 Geändert 07.12.2017, 17:14

        Ein stark inszenierter und intensiver Film. Ich habe im Vorfeld nichts über dieses Ereignis, welches der Film porträtiert, gewusst. Umso mehr hat mich das Ganze mitgenommen. Das Darstellerensemble ist grandiös und ich denke mal, dass es sich bei den Golden Globes und den Oscars nächstes Jahr bemerkbar machen wird. Kathryn Bigelow nimmt uns mit in das schmutzige und zerstörte Detroit Ende 60er, wo die Aufstände der Schwarzen gegen die Polizei auf ihren Höhepunkt sind. Die Story konzentriert sich dann auf das eigentliche Ereignis im Algiers Hotel, wo es zu kriminellen Taten der Polizisten gegenüber der Schwarzen kommt. Da nimmt der Film auch am meisten Spannung auf. Unglaublich intensiv wird das Verhalten der Charaktere aufgebaut und wird zu einem, auf eine Ortschaft beschränkten, Psychothriller. Die ganze Atmosphäre des Films lässt einen tief eintauchen in diese Zeit.
        Für mich ein sehr einfühlsamer und gelungener Film, die die Thematik sehr gut und fair darstellt. Daher absolut sehenswert, einer der besten Filme von 2017.

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        • 6

          Sicherlich stark und glaubwürdig gespielt. Leider wird aber eine schreckliche aber eben auch simple kurze Geschichte in die Länge gezogen. Historisch war es eben so, aber eine richtige Aufbereitung wäre spannender gewesen. Auch den Kontext du den Auschreitungen wird nicht gezogen. Es wird geschildert, wie alles begann, aber nicht wie es endete. Stattdessen geht es plötzlich nur noch um diesen einen Vorfall. Ich fand den Film leider recht langweilig.

          • 6

            ich dacht die rennen da durch die strassen und machen riot...es spielt sich aber alles im haus ab---heftig was passiert...2.5 stunden gingen schneller zuende als gedacht

            • 7 .5
              TwoLips 05.12.2017, 18:42 Geändert 08.12.2017, 21:06

              Intensives Erlebnis, da ich mich mit den Rassenunruhen von 67 noch nicht auseinandergesetzt hatte. Animierte mich zum nachlesen der Fakten. Sehr gelungener Film, wie die meisten von K. Bigelow.

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              • 7 .5

                Wuchtige Verfilmung der Gewaltexzesse in Detroit 1967. Kathryn Bigelows neuester Streich gliedert sich in drei Abschnitte: Zunächst werden in einem pseudokumentarischen Stil die aufkeimenden Unruhen in den Straßen Detroits gezeigt. Herzstück des Films sind die Vorkommnisse im Algiers Motel. Gegen Ende werden dann noch einige Aspekte der (vornehmlich juristischen) Aufarbeitung der Geschehnisse thematisiert.

                Sowohl stilistisch als auch inhaltlich erinnert die Inszenierung stark an 'The Shield'. Ähnlich wie in der Serie über Polizeigewalt rückt auch hier der Zuschauer ganz nah an das Geschehen und es wird ein Realismus erzeugt, wie man ihn nicht allzu oft zu sehen bekommt. Unterstützt wird diese Ausgestaltung u.a. durch eine Ausstattung (wie zum Beispiel die Kostüme diverser Charaktere), die sich weniger an einer verkitschten Version der 60er Jahre orientiert (wie es in vielen anderen Produktionen der Fall ist), sondern eher um eine adäquate Darstellung bemüht ist. Darstellerisch befindet sich die gesamte Produktion durchweg auf hohem Niveau. Auch einige mutige Casting-Entscheidungen (z. B. Kaitlyn Dever) gehen voll und ganz auf.

                Besonders stark ist 'Detroit' immer dann, wenn Bigelow Missstände anklagt, ohne allzu plakativ mit dem Holzhammer draufzuhauen, was besonders in der Gerichtsszene deutlich wird. Bezüglich der Vorkommnisse im Motel hatte das Drehbuch auch einige Leerstellen aufzufüllen, daher sind einige Einzelheiten womöglich mit etwas Vorsicht zu genießen, aber im Großen und Ganzen wird auch so klar, was in etwa abgelaufen sein muss.

                'Detroit' ist ein gewalttätiges Drama fernab von reinen Unterhaltungsansprüchen und ist auch als Zeitdokument stellenweise mit etwas Vorsicht zu genießen; dennoch erweist sich diese ungehobelte Erzählung als absolut sehenswerter Kommentar zu einer Thematik, die derzeit aktueller kaum sein könnte.

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                • 8
                  lieber_tee 03.12.2017, 13:06 Geändert 08.12.2017, 02:39

                  Willkür und Gewalt.
                  50 Jahre nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Detroit fackelt Kathryn Bigelow eine fieberhaft-pulsierende Interpretation der dramatischen Geschehnisse von 1967 ab. In drei Akten wird erbarmungslos und wütend Rassismus und Polizei-Gewalt dem Zuschauer halb-dokumentarisch ins Gesicht geschlagen. Auf die erlösende Wirkung einer Katharsis verzichtet die Filmemacherin dabei bewusst. Von Neutralität befreit, aber deutlich mit moralischen Grauzonen gefüllt, ist die auf Tatzeugen und Gerichtsverhandlung-Dokumenten basierende, fiktional aufbereitete Erzählung über den sadistischen Übergriff seitens der weißen Gesetzeshüter auf Schwarze eine humanistische Parteinahme für die Opfer. Und eine Anklage gegen systemischen Rassismus!
                  Mit bemerkenswerter Dringlichkeit, intensiv gespielt, erzeugt Bigelows nervöser Cinéma-vérité-Stil eine chaotische Gewaltspirale, die im Algiers Motel zu einem klaustrophobischen Horrorfilm verdichtet wird. Zermürbend, infernal entsteht aus einer in der Realität verankerten Eskalation unangenehmes und unbequemes Kino. Direkt in die Fresse. Der Versuch die Geschehnisse immer wieder gesellschaftlich zu kontextualisieren gelingt nur bedingt. Thrill, Sentimentalität und Vereinfachungen dienen dazu die rassistische Vergangenheit und Gegenwart Amerikas zu bestimmen, spürbar zu machen.
                  Wer den Film als „rassistischen Folter Porno“ (The Globe and Mail) bezeichnet oder über mangelnde Objektivität und Verharmlosung (!) (pressplay.at) klagt, sollte mal aufmerksamer die Nachrichten (und den Film) schauen.
                  8 Scheinhinrichtungen.

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                  • 8

                    Kurz:
                    Der schwarze Wachmann Dismukes wird während der Rassenunruhen 1967 in Detroit in rassistische Übergriffe der Polizei verwickelt, bei denen drei Afroamerikaner sterben und weitere verletzt werden. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Allerdings eine wahre und bittere Geschichte.

                    Lang:
                    Nach dem 2. Weltkrieg emigrieren insgesamt zirka 6 Millionen Afroamerikaner aus ihren ursprünglichen Heimatländern des schwarzen Kontinents in die USA, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Willkommen waren sie nicht überall. In vielen grösseren Städten bildeten sich rein schwarze Viertel, welche schon bald durch weisse, oft rassistische Polizisten, patrouilliert wurden und trotz der durch die Verfassung zugesicherten Bürgerrechte, wurden alsbald auch die völlig integrierten und in den USA geborenen Schwarzen wie Menschen zweiter Klasse behandelt und drangsaliert. Die angepriesene Gleichstellung existierte oftmals nur in der Theorie, auf der Strasse war davon nichts zu spüren. Grundlose Razzien und Schikanen sollten den “Negro People” zeigen, wer in den Staaten nach wie vor das Sagen hat. Entsprechend war die Stimmung in der schwarzen Bevölkerung angespannt und nervös.

                    Klar kochte die unterdrückte Wut vieler Schwarzer hoch und entlud sich im Juli 1967 in den berüchtigten Krawallen Detroits. Die Industriestadt verwandelte sich innert kürzester Zeit in eine Stadt des Krieges, es führte sogar soweit, dass die überforderte Polizei die Nationalgarde anforderte, welche sie daraufhin mit Panzern auf ihren Einsätzen flankierte und beschützte.

                    Regisseurin Kathryn Bigelow (“The Hurt Locker“, “Strange Days“) fokussiert sich in ihrem neusten Werk aber nicht auf Rassenunruhen, sondern setzt ein einzelnes, dramatisches Geschehnis gekonnt ins Zentrum des Films. Mitten in dieser tumultartigen Zeit schossen nämlich ein paar Schwarze zum Spass, angestachelt durch die allnächtliche Stimmung, mit einem Schreckschussrevolver aus dem Fenster ihres Hotels in Richtung Polizei, welche sich dann wiederum im Visier eines Scharfschützen glaubte und daraufhin das Gebäude stürmte. Durch die Art, wie die Beamten während der ganzen Situation reagierten, eskalierte das Ganze, wurde ein trauriger Teil der damaligen Geschichte und lieferte dabei besten dramaturgischen Stoff für einen packenden Kinofilm.

                    Die beklemmende, beängstigende Stimmung ist überall. Der Film packt einen von Beginn weg und lässt nicht mehr los. Die Geschehnisse werden hautnah dokumentiert, sodass auch geschichtlich wenig bewanderte die Handlung gut verstehen und sich auf das Hauptereignis konzentrieren können. Die Kamera ist stets hautnah dabei, man glaubt, förmlich den Angstschweiss der Agierenden riechen zu können. Grenzen setzt Bigelow bewusst nicht. In Gewaltszenen, in denen andere “Cut” rufen, lässt Bigelow weiterfilmen und zeigt so schonungslos die ganze verzweifelte Brutalität, welche die drei skrupellosen Cops angesichts ihrer katastrophalen Situation versprühen.

                    Bigelow wurde vereinzelt vorgeworfen, den Blick für die moralische Grauzone zu verlieren, dabei hat sie aus meiner Sicht einfach nur authentisch porträtiert. Sie zeigt auf, wie das Verhältnis von Provokation zu Reaktion ins Wanken gerät und als Folge daraus die Stimmung hochkocht. Hier wird nicht mit Brutalität um Quoten gebuhlt. Um die Authentizität zu wahren, wurden originale Medienberichte von damals eingebaut, welche man gelegentlich sonst im Fernseher sieht. Das Budget von gesamthaft 34 Millionen US-Dollar erscheint vielen als überrissen, zu mal möglichst auf Spezialeffekte verzichtet wurde. Aber solche Massentumultszenen mit den dazugehörigen Strassenzügen von damals lassen sich in diesen Dimensionen nun mal nicht billig zum Leben erwecken.

                    Schauspieler John Boyega gibt trotz seiner (noch) kurzen Schauspielerfahrung einen äusserst überzeugenden Wachmann Dismukes, der ja eigentlich nur helfen wollte und den Anweisungen der Einsatzkräfte folge leistete. Besonders Will Poulter fällt auf. In seiner Rolle als rassistischer Cop beweist er sein Können und es ist nachvollziehbar, wieso er für diese Rolle jene des Pennywise in “It” ablehnte. Ob es sogar für eine Oscar-Nomination reichen wird, wird sich zeigen, so oder so von Poulter werden wir noch viel hören!

                    Fazit:
                    Der Film überzeugt als Dokumentation der damaligen Geschehnisse, jedoch darf er nicht als Aufklärung über die Rassenunruhen im Allgemeinen betrachtet werden, dazu ist sein Blickwinkel zu engstirnig, zu fokussiert auf das Hauptereignis und die danach gezeigten Folgen. Es erwartet einen kein vielschichtiges Doku-Epos à la JFK, wer sich aber mit den richtigen Erwartungen auf ihn einlässt, wird bestimmt nicht enttäuscht!

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                    • 8 .5

                      Kathryn Bigelow hat sich in der Vergangenheit schon mehrmals an sehr schwierige Themen gewagt und diese großartig verfilmt. Nun widmet sie sich den Aufständen in Detroit 1967....

                      Wie man sich dem Thema nähert ist ein wichtiger Punkt, denn viele wissen nicht wie die Umstände in Detroit damals waren und dies hat Bigelow relativ geschickt gemacht. Das Thema ist unglaublich komplex, aber als Zuschauer bekommt man dennoch genug Hintergrundinformationen.... noch mehr hätte den Film nur noch mehr in die Länge gezogen.

                      Was mir hier schon gleich zu Anfang aufgefallen ist, ist dass man auf die ganz großen Namen verzichtet was die Darsteller/innen angeht. John Boyega, Will Poulter, Jason Mitchell und Hannah Murray ist sicherlich vielen ein Begriff durch andere Filme oder Serien. Große Talente sind die genannten Künstler allemal, aber bisher hat keiner von ihnen den ganz großen Durchbruch geschafft.... noch nicht.
                      Darstellerisch bekommt man hier nämlich richtig viel geboten (vor allem von Will Poulter von Algee Smith)

                      Die Atmosphäre ist unglaublich bedrückend und lassen die relativ lange Spielzeit von 143 Minuten viel kürzer erscheinen. Der starke Score von James Newton Howard leistet ebenso einen wichtigen Beitrag zur Atmosphäre als auch die beeindruckende Kameraleistung von Barry Ackroyd.

                      Kathryn Bigelow ist ein weiteres hervorragendes Werk gelungen das sich mit einem sensiblen Thema befasst. Bisher einer der besten Filme aus dem Jahr 2017.

                      • 7

                        Heutzutage bleiben von Detroit, der einstigen blühenden Industriestadt, kaum mehr als Impressionen von leerstehenden Häusern und Gebäuden, die verfallenden Ruinen gleichen. Diese geisterhafte Ausstrahlung, die von der insolventen Großstadt ausgeht und von Menschen berichtet, die massenhaft ihre Häuser verloren haben, wurde im Kino zuletzt beispielsweise von Ryan Gosling beschworen. In seinem Regie-Debüt „Lost River“ vermischte der Schauspieler ungeschönten Sozialrealismus mit märchenhaft-albtraumartigem Surrealismus, um die beklemmende, lethargische Stimmung von Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung dieser Stadt einzufangen.
                        Das Detroit der 60er Jahre, welches Kathryn Bigelow in ihrem gleichnamigen Film vor den Augen des Zuschauers aufleben lässt, hat hingegen noch einen aggressiven, wütenden Puls, der von ständiger Bewegung angetrieben wird. Anlässlich des 50. Jahrestags der Rassenunruhen, von denen Detroit 1967 gut fünf Tage lang schwer erschüttert wurde, führt die Regisseurin noch einmal dorthin zurück, wo Gebäude in Flammen standen, tausende Verhaftungen durchgeführt wurden und neben über tausend Verletzten 43 Menschen ums Leben kamen.
                        Mit den Mitteln des Kinos formt Bigelow ein Stück Zeitgeschichte, das auch heute noch dringlicher denn je das gesellschaftliche Klima Amerikas mitzuprägen scheint. Die brutalen Auseinandersetzungen zwischen dem afroamerikanischen Teil der Bevölkerung, der für seine Bürgerrechte kämpfen will, sowie vorwiegend weißen Polizisten, die auf unkontrollierten Aufruhr mit äußersten Gewaltmaßnahmen reagierten, inszeniert die Regisseurin zu Beginn ihres Films in drastischen Momentaufnahmen, die wie kurze Ausschnitte einer Dokumentation über den Betrachter einbrechen. Bigelows stärkste Waffe ist hierbei die ruhelose, nervöse Handkamera, die sie bereits in ihren letzten Filmen wie „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“ für sich entdeckte.
                        Ebenso dokumentarisch muten die frühen Aufnahmen von „Detroit“ an. In diesen stürzt sich die Handkamera von Barry Ackroyd mitten ins Getümmel, klebt an wütenden oder panischen Gesichtern und legt Zeugnis von einem Ausnahmezustand ab, in dem Polizisten mit Panzern durch Stadtviertel streifen und unter anderem das Feuer auf ein weiter entferntes, kleines Mädchen eröffnen, das sie hinter den Vorhängen eines Fensters als einen potentiellen Scharfschützen identifizieren.
                        Mit fragmentarischer Sprunghaftigkeit führen Bigelow und Drehbuchautor Mark Boal, der wie auch schon in den beiden vorherigen Filmen der Regisseurin journalistisch recherchierte Fakten und Augenzeugenberichte mit filmisch überhöhter Konstruktion sowie dramaturgischen Zuspitzungen kombiniert, durch ein Szenario, aus dessen wüster Unübersichtlichkeit sich nach und nach eine kleine Gruppe zentraler Figuren herauskristallisiert. Zu gnadenloser Verdichtung findet der Film schließlich durch die Konzentration auf einen konkreten Zwischenfall, der sich im Algiers Motel ereignete.
                        Mit kammerspielartiger Reduktion, bei der sich Unterdrückung, Demütigung, Misshandlung, Folter und Mord entladen, inszeniert die Regisseurin die Situation, in der drei weiße Polizisten ein Motel stürmen, weil sie hier ebenfalls einen Scharfschützen mitsamt Tatwaffe vermuten, wie den Teil eines Horrorfilms. So wirkungsmächtig sich „Detroit“ in diesen Szenen von schier unerträglicher Anspannung und Intensität auch entfaltet und in der Darstellung von willkürlichem Machtmissbrauch sowie der Ausübung von abscheulichem Rassismus einen offenen Nerv trifft, der im aktuellen politischen Klima der USA nicht oft genug im Kino verhandelt werden kann, so diskussionswürdig ist die Wahl von Bigelows erzählerischen Mitteln.
                        An vorderster Front spielt Will Poulter den rassistischen Polizisten Philip Krauss, der inmitten des von realen Begebenheiten inspirierten Szenarios eine rein fiktive Figur darstellt, mit einer dämonischen Fratze, die einen das Gesicht des Schauspielers nur schwer wieder vergessen lässt. Speziell in dieser Figur sowie einer Gerichtsverhandlung, die sich an die Ereignisse des Motel-Vorfalls anschließt, will Bigelow ein ganzes System spiegeln, in dem institutioneller Rassismus von der Polizei genauso wie vom Justizsystem ausgeht. Ähnlich funktional gestaltet sich die von John Boyega gespielte Figur des afroamerikanischen Security-Wachmanns, dessen überforderte Machtlosigkeit sowie auffällige Hilfsbereitschaft genauso universell aufgefasst werden soll. Umso plakativer und manipulativer wirkt hierdurch die etwas zu einseitige Figurenzeichnung, die zwischen klar erkennbarem Gut und Böse kaum Zwischentöne zulässt und die Absicht des politischen Aktivismus mit offensiv geführten Mitteln vor behutsame Differenzierung stellt.
                        Als wütender Aufschrei ist „Detroit“ nichtsdestotrotz ein Werk, das den Finger mit nachhallender Wut in eine offene Wunde drückt, um durch offensive Zurschaustellung, bitteres Anklagen und explizites Aufzeigen erschütternder Missstände an etwas zu erinnern, das gerade in Anbetracht aktueller gesellschaftlicher Zustände nicht in Vergessenheit geraten darf. Ähnlich wie der passenderweise zeitgleich in den deutschen Kinos gestartete „Aus dem Nichts“ zeigt „Detroit“ eine klare politische sowie emotionale Haltung mit stellenweise provokativen, wahlweise auch verwerflichen Mitteln, was ihn neben Fatih Akins Film ebenso zu diskussionswürdigem, eindringlichem Stoff macht, der regelmäßig seinen Weg in die Kinos finden sollte.

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                        • 8 .5

                          Durchaus viel erwartet und sogar noch mehr bei raus gekommen.
                          Habe vor dem finalen Trailer kurz, an eine John Singleton-ähnliche Herrangehensweise gedacht, den Gedanken aber schnell verworfen.
                          Keine 2 Std. nach Sichtung des Films, würde ich schon sagen, dass er für mich der bisher beste Film des Jahres ist und ich meine sogar Katheryn Bigelows stärkster Film. Bigelows Talent und ihre Leistungen stehen ja eh ausser Frage.
                          Besonders hervor heben, wollte ich unbedingt die Rolle/Leistung von Will Poulter; habe aber beim Überfliegen der User-Kommentare entdeckt, dass dieses (zu recht) schon mehrfach geschehen ist.
                          Der gesamte Cast spielt sehr stark. Von Boyega, eben genannten Poulter, Mitchell bis hin zu John Krasinski gehören alle so in dieses Werk.
                          Es gab unter Garantie Leute, die sich eine tiefer gehende, vllt. weniger hektische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen gewünscht haben (vllt. im Nachgang oder wie auch immer, das hätte passieren können) Kann ich nach vollziehen. Für mich ist er aber genau so, wie er ist großartig. Alles was auszusetzen wäre, wäre von meiner Stelle blosses Erbsen zählen.
                          Dem ein oder anderen, mag es zu rau sein, dem Rest würde ich es unbedingt empfehlen.

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                          • 8

                            "Detroit" ist ein brutales und spannendes Drama über die Unruhen 1967. Der Cast ist gut gewählt und überzeugend. Besonders, der für mich, sonst eher unscheinbare, Will Poulter zeigt, als rassistischer Cop, eine unglaubliche Darstellung. Trotz einer Laufzeit von 140 minuten fesselt der Film von Anfang bis zum Ende.
                            Bigelow liefert mit "Detroit" einen der besten Filme 2017 ab. Sollte man gesehen haben.

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                            • 8

                              Hart.

                              • 8 .5

                                Gerade in Anbetracht Bigelows fantastischer Fähigkeiten fallen die Schwächen bei der Konzentrierung der Erzählung auf drei weiße Polizisten und einer Handvoll Schwarzer unangenehm auf. Eigentlich meisterhaft, gelingt die Balance aus großem Ensemblestück und Kammerspiel schließlich nicht und wird dem Grundthema gänzlich ungerecht.

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                                  [...] Denn obgleich Kathryn Bigelows inszenatorisches Geschick unantastbar über dem Film schwebt, verpasst sie es aus dem mitreißend und dynamisch eingefangenen Geschehen einen lohnenswerten Diskurs zu formen. Detroit ist ein wütendes Stück Film, dem es vor allem an Zwischentönen mangelt. Das Werk denkt im wahrsten Sinne des Wortes nur schwarz und weiß, teilt alles in Gut und Böse, was in letzter Konsequenz nur noch mehr Hass schürt. Die detaillierte Nachzeichnung des historischen Konflikts nutzt Bigelow nicht etwa, um einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, gängige Rassenklischees aufzubrechen oder ethnisch bedingte Gewalt zu hinterfragen, sondern lediglich um eine immersive Filmerfahrung zu bieten. Das mag vielen Zuschauern reichen, ist letztlich aber viel zu kurzsinnig gedacht, gerade weil Detroit den reflektierenden Umgang mit seiner Thematik meidet und den Betrachter stets in dessen Komfortzone verweilen lässt. [...]

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                                  • 7

                                    Detroit ist ein Film, der einen in Rage versetzt. Schreien wäre eine angemessene Reaktion. Aber es ist befremdlich, wie der Film, der mit einer schwarzen Rebellion beginnt, zu einer Geschichte von schwarzer Ohnmacht wird. [Marietta Steinhart]

                                    • 8

                                      Nach „Boston“ am Jahresanfang oder vor 10 Jahren „München“ also erneut ein Film der ein wahres, furchtbares Ereignis nachstellt und es nach der Stadt ind er es geschah benennt. Im vorliegenden Fall geht es um die Rassenunruhen in Detroit des Jahrs 1967 und einen blutigen Vorfall der in einem Hotel nach einer Banalität entbrennt. Dabei zerfällt der Film in mehrere Parts: einerseits zeigt er sehr lang und auch ohne wirklich verbindende Hauptfigur die Situation in Detroit, präsentiert reihenweise Alltagsmomente bevor es dann zum Kernpart kommt. Dabei ist der Film 140 Minuten lang von denen gut anderthalb Stunden die scheußlichen Vorfälle im Hotel beleuchten, würde man alles davor und dahinter wegeschneiden hätte man einen knappen, aber harten Psychothriller. So hat man ein Gesamtportrait einer Zeit mit spannendem Kernpart in der Mitte, schmerzlich und bewegend in Szene gesetzt. Dabei aber auch nicht gerade leicht und mitunter recht anstrengend. Wer bei dem Namen Kathryn Bigelow auf flotte Action gehofft hat ist hier falsch, wer solche Titel zu schätzen weiß stößt auf eine Goldgrube.

                                      Fazit: Krass, hart, bitter und ungenehm – schockierender Blick auf reale Vorfälle!

                                      Videoreview von mir: https://www.youtube.com/watch?v=ySNWTEO2Xw0

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                                      • 7 .5

                                        Im Augenblick der Sprachlosigkeit wird Detroit zum Sprachrohr für die Opfer. In solchen Momentaufnahmen hat der Film eine Intensität und Wahrhaftigkeit, die ihm vor lauter Erzählwut zwischendurch abhanden kommt. [Anke Leweke]

                                        • 7 .5

                                          Wie kompromisslos Detroit in der Darstellung bleibt, zeigt sich nicht zuletzt an der Figur Dismukes (John Boyega), eines schwarzen Wächters, der sich als Uniformierter auf der Ebene der Gesetzeshüter bewegt, aber sich viel lieber auf jener des Rechts befände. Er ist die tragische Figur dieses Films, hilflos, zerrissen. [Dominik Kamalzadeh]

                                          • 7 .5

                                            Kathryn Bigelow scheint zu wissen wie man selbst im gegenwärtigen Hollywood noch die ein oder andere Kontroverse auslöst. Während bei ihrer vorangegangenen Aufarbeitung der Tötung von Osama Bin Laden ZERO DARK THIRTY böse Stimmen ertönten, hinsichtlich der dargestellten Folterszenen, entfachte DETROIT eine kleinere Kontroverse der etwas anderen Art : Eine weiße Regisseurin nimmt sich der Unruhen in Detroit der 60er an, ein Thema das, nach vielen Meinungen, Schwarzen gehören würde.
                                            An dieser Stelle sei schon mal eingesprungen. Konnte man die Aufschreie um ZERO DARK THIRTY noch damit rechtfertigen, dass Folter nach staatlicher Anleitung im Mainstream-Kino generell selten gezeigt wird, so ist der neue Vorwurf gegen DETROIT nur als hanebüchen anzusehen.
                                            Um eines klar zu stellen : Keine Rasse, kein Geschlecht, noch irgendeine Zugehörigkeit hat das Recht ein Thema für sich filmisch zu beanspruchen. Gerade wenn es um so verherrende Ereignisse der US-amerikanischen Geschichte geht ist es wichtig, das viele Standpunkte vertreten werden, viele Stimmen gehört werden. Eine unbeteiligte Perspektive kann immens von Vorteil sein, gerade wenn es darum geht zu ergründen, warum das passiert ist, was nicht passieren durfte.
                                            Bigelow führt den Zuschauer ohne Kompromisse in das angespannte Rassenverhältnis in Detroit des Jahres 1967 ein. Die schlackernde Handkamera verbreitet Nervosität und Unruhe. Bigelow etabliert ein Klima der Anspannung, durch das sich die Menschen wüten.
                                            Das Verhalten der afroamerikanischen Bürger, wie auch von den, meist weißen, Polizisten, ist geprägt von Frustration und Misstrauen und entlädt sich schließlich in gewalttätigen Übergriffen. Polizeigewalt wurden selten derart greifbar auf Leinwand gebannt, wenn es irgendwann nur noch der eigene Frust ist, den die Polizisten aus ihren Gefangenen herausprügeln. In diesem Chaos kann nur Chaos geboren werden. Mitten in diesem Chaos steht der schwarze Wachmann Dismukes (John Boyega), der selbst Opfer zahlreicher Anfeindungen ist, warum sich denn ein Schwarzer nun gegen seine "Brüder" stellen würde. Seine Perspektive bleibt die vielleicht wichtigste, denn seine Motivation, jegliche Eskalation zu unterbinden, lässt sich am einfachsten entschlüsseln. Nicht so wie die des Polizisten Krauss (Will Poulter), der sich von Missbrauch seiner Beamtenfunktion (und seiner Dienstwaffe) schließlich zum reinen Schikanen steigert. Wie Bigelow diesen Polizisten inszeniert, bewegt sich immer in einem schmalen Grat zwischen akkurater Darstellung von Polizeigewalt und typischer Antagonisierung, letztendlich aber wirkt er glaubhaft.
                                            In einem Motel geschieht schließlich das Verbrechen. Bigelow lotet dabei diesen begrenzten Raum aus und erschafft eine vorbildliche Beklemmung. Ewig werden wir dieses Motel nicht verlassen, doch wenn wir es am Ende dann tun, ist der Film nicht vorbei. Bigelows Aufarbeitung der Geschehnisse nach der Nacht des Verbrechens sind zwar gut gemeint, behindern den Fluss des Filmes dann aber nur. Besonders im Angesicht der Tatsache, das hier der Fokus nur auf den Figuren bleibt, welche zwar zu Beginn alle recht behutlich eingeführt wurden, aber dennoch nur schablonenhaft geblieben sind.
                                            Aber trotzdem, bitte noch mehr von solch Kino der Beklemmung, Madame Bigelow, aber vielleicht mit etwas weniger Hang zur Überlänge.

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                                            • 7

                                              Kathryn Bigelow ist keine Regisseurin, die sich Gedanken macht über Kontextualisierungen. Dies mag bei einem historischen Stoff zu kurz greifen – und es mag erklären, warum Detroit von der amerikanischen Rechten ausgesprochen entspannt ignoriert werden konnte. [Tim Slagman]

                                              • 7

                                                [Bigelow] inszeniert die Hölle dieses brutalen Rassismus-Kammerspiels so nüchtern und erbarmungslos, dass dabei blanker Horror entsteht. [Dirk Henninger]

                                                • 6 .5

                                                  Gesneakt. Harter Streifen, leider nötig, da auf historischen Ereignissen beruhend. Die erkennbar eingefügten historischen Aufnahmen tragen m.E. durchaus positiv zum Film bei. Poulter spielt ausgesprochen fies, hoffentlich ist der Schauspieler nicht so ein übler Mensch.

                                                  • 8 .5

                                                    Exakt recherchiertes Politkino, mit einem schauspielerisch überzeugenden Ensemble, bei dem Einzelleistungen zu nennen, unfair wäre. [Bettina Peulecke]