A Ghost Story & die Firma, die eure neuen Lieblinge ins Kino bringt

A Ghost Story
© Universal
A Ghost Story
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Dieser Artikel erschien am 11.10.2017 im Rahmen unserer Berichterstattung über das Festival des phantastischen Films in Sitges. Heute startet A Ghost Story in den deutschen Kinos.

David Lowerys A Ghost Story hat die amerikanischen Kritiker seit der Premiere beim Sundance Film Festival in Verzückung versetzt, vielleicht weil er die generischen Tendenzen des Independent-Films in einer geheimnisvollen Undurchlässigkeit verpackt. Casey Affleck stapft darin nach dem Tode als Geist durch ein texanisches Haus, in dem die lebende Rooney Mara trauernd Backwaren in sich hineinstopft. Der Clou ist natürlich das minimalistische Kostüm: Ein weißes Bettlaken mit zwei ausgeschnittenen Löchern steht wortlos im Raum, während Menschen und Zeit an ihm vorbeiziehen. Ein einprägsameres Postermotiv als das günstige wie einfallslose Halloween-Kostüm, das den Filmtitel in ein Bild kindlicher Direktheit und Abstraktion gleichermaßen fasst, dürfte schwer aufzutreiben sein. Es fügt sich ein die Strategie der aufstrebenden Indie-Marke A24, die 2013 mit Spring Breakers in den Markt einstiegen und dank Moonlight einen Oscar für den Besten Film vorweisen können. A Ghost Story machte beim Festival des phantastischen Films in Sitges Station.

Horrorfilme gehören zu den erfolgreichsten unter den produzierten oder verliehenen Filmen von A24. Die schwarz-weiße Goatsploitation The Witch spielte weltweit um die 40 Millionen ein, der Langzeitfamilienurlaub It Comes at Night kommt immerhin auf rund 20 Millionen und was diese Zahlen nicht erreicht (siehe The Monster aus dem letzten Jahr), wird Berichten zufolge durch lukrative Deals mit Amazon und DirecTV aufgefangen. Die Filmauswahl ist vielfältig, von The Bling Ring bis Swiss Army Man, Amy, Raum und Ex Machina. Wenn ihr in den letzten Jahren einen Independent-Film mochtet, stehen die Chancen gut, dass er in den Staaten von A24 verliehen wurde. In kürzester Zeit hat sich die Firma als Marke im amerikanischen Indie-Betrieb etabliert, mit der an den Kinokassen ebenso gerechnet werden muss wie bei den Oscars. Moonlight war einer der ersten Filme, die A24 auch finanziert hat. Auf den Festivals gehört die Firma neben Netflix und Amazon zu den wichtigsten Bietern für Filmrechte in Nordamerika. In Cannes sicherten sie sich unter anderem The Florida Project, in Toronto Lady Bird von Greta Gerwig, beides Kandidaten im diesjährigen Oscarrennen. A24 setzt auf aufstrebende Regisseure und filmische Stoffe, die über das pastellfarbene Einerlei hinausgehen, das normalerweise aus Sundance in die landesweiten Kinos strömt. So jedenfalls das Selbstverständnis, das bereits in einer Oral History (einer 5 Jahre alten Firma (!)) nachgelesen werden kann.

Im Gegensatz zu Netflix liegt die Priorität bei A24 auf der Kino-Auswertung. Dafür wird der Wiedererkennungswert mit einer Art House Style im Marketing gesichert. Es heißt, die Filmemacher haben, anders als bei der Konkurrenz, ein Mitspracherecht beim Werbematerial. Gesichtermontagen per Photoshop im Anfänger-Modus wird man beim US-Werbematerial für A24-Filme in der Regel nicht finden. Stattdessen arbeiten sie mit klaren, knalligen Motiven, beispielsweise die Neon tragenden Bikini-Girls mit Skimasken, Paul Dano und Daniel Radcliffes pupsende Leiche auf einem Felsen oder der aus dem tiefschwarzen Hintergrund hervortretende Ziegenbock Black Phillip. Die Werbung sticht aus jedem Twitter- oder Instagram-Feed hervor, bei Reddit landen die stylischen Poster auch mal auf der Startseite. Hier wird eine Start-up-Mentalität auf die Strukturen der Filmproduktion und -distribution angewandt, Social Media-Affinität inklusive. Dass A24 seinen Sitz in New York und nicht Los Angeles hat, versteht sich von selbst.

Die Verleihrechte für A Ghost Story hat sich A24 vor der Sundance-Premiere gesichert und angesichts des Konzepts leuchtet ein, warum der Film ungesehen gekauft wurde. In mancherlei Hinsicht haben wir es hier mit einem Proto-A24-Film zu tun. Anstatt Rooney Mara oder Casey Affleck aufs Poster zu packen, blicken die irritierenden schwarzen Löcher des Geistes auf einen herab. Es ist eine poppige Verpackung für einen Film, der sich am ästhetischen Widerspruch zwischen dem spröden Ernst der Inszenierung und dem absurden Beobachter in der Ecke nährt. C (Casey Affleck) und M (Rooney Mara) streifen durch lange statische Einstellungen. Als er bei einem Autounfall nahe ihres gemeinsamen Hauses stirbt, verharrt die Kamera auf M, erst gelähmt vor Trauer, dann zaghaft, aber letztlich bestimmt im Loslassen. Dazwischen: das weiße Bettlaken, stets im Frame, auch als M in einer vierminütigen Einstellung einen ganzen Kuchen isst. Selbst wenn A Ghost Story mich letztlich kalt ließ, verdanke ich diesem Film die Information, dass Rooney Mara vor dem Dreh noch nie ein Stück Kuchen gegessen hat und ja, diese wichtige Erkenntnis musste ich auch mit euch teilen.

Wie sie da mit ihrer Gabel hineinsticht in den Teig, um mit einem Spaten ein kulinarisches Grab auszuheben, begibt sich A Ghost Story in Gefilde des Slow Cinema. Tsai Ming-liang mag inspiratorisch Pate gestanden haben. Seinen Hauptdarsteller in Stray Dogs ließ Tsai noch länger an einem Kohlkopf herumschlagen und -nagen, der dessen abwesende Frau symbolisierten sollte (ich werde nie darüber hinwegkommen, dass das Diktum von The Simpsons Already Did It auch auf das neue taiwanesische Kino zutrifft). A Ghost Story entwickelt indes zu keinem Zeitpunkt die soghafte Entdeckerlust, die dieser Modus der Inszenierung hervorrufen kann, obwohl es beileibe Gelegenheiten genug gibt. Lowery zaubert eindringliche Bilder, die nicht für die(se) Dauer bestimmt sind. Seine Darsteller - auch mit vollgestopftem Mund - spielen betont karg und arrangiert wie der Rest des Frames. Musikalische und kosmische Fluchtversuche in Malicksche Gefilde ergänzen das Potpourri der Weltkino-Einflüsse, das in die Form eines amerikanischen High Concept-Indie-Films gepresst wird. Wer daran Zweifel hegt, braucht nur bis zum Erklärbär-Monolog von Will Oldham zu warten, welcher angesichts der zu erfahrenden Inszenierung wie eine Selbstdemontage wirkt - oder eine Rückversicherung. Daneben geht Darren Aronofsky auf mother!-Pressetour als undurchschaubare Sphinx durch.

In A Ghost Story klammert sich der Geist an den mit Erinnerungen aufgeladenen Ort als eine Art metaphysischen Raum, der die Zeit und ihre Zerstörungen und Neuanfänge überdauert. Dabei bleibt zwischen Brache und Wolkenkratzer die einzige Konstante dieses faltige gräuliche Bettlaken, eine Leinwand und ein Raum für sich, was dem Ganzen eine Tragik einhaucht. Menschen wandeln in A Ghost Story durch die Peripherie. Der stille Beobachter beherbergt das unsichtbare Zentrum. Darin unterscheidet sich Lowerys Film von geisterhaften Liebesdramen wie Love Letter oder Wie verrückt und aus tiefstem Herzen, die aufs Weiterleben hinauslaufen, das in A Ghost Story nur Zwischenstation zum Weitersterben ist. Auch Sierra-Nevada von Cristi Puiu drängt sich auf mit seiner ausgeklügelteren Inszenierung eines familiären Leichenschmauses aus der angenommenen Perspektive des Verstorbenen. Uncle Boonmee und die neugierigen leuchtend roten Augen seines Sohnes liegen nahe, wenn das Laken unheimlich auf die Lebenden blickt. Der leichtfüßige, ja kaum den erzählerischen Boden berührende Fluss eines Films von Apichatpong Weerasethakul geht dieser Geistergeschichte aus Texas allerdings ab. Der monsterhafte Körper von Boonmees Sohnemann hätte sich auf einem A24-Poster allerdings auch gut gemacht.

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