American Horror Story: Cult - Die US-Wahl als Horrorszenario

American Horror Story: Cult
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"I want what happened in the movie last week to happen this week; otherwise, what's life all about anyway?" (The Purple Rose of Cairo)

Update: Dieser Artikel erschien erstmals am 12.09.2017. Wir haben ihn zur deutschen Erstausstrahlung beim Fox Channel für euch aktualisiert.

Hexen, Geisterhäuser oder Flüche der Vergangenheit sorgten in den vergangenen Staffeln von American Horror Story für Gänsehaut und aufgestellte Nackenhaare. Bisher wandten sich die ersten sechs Staffeln der Anthologieserie einem anderen Jahrzehnt zu, oder besser gesagt, hatte der Horror seinen Ursprung in der Vergangenheit und hinterließ deutliche Spuren an seinen gegenwärtigen Opfern. Cult, die 7. und aktuelle Staffel von American Horror Story, spielt allerdings nicht in einer unbestimmten Gegenwart, sondern lässt sich auf einen konkreten Tag datieren. Die erste Episode trägt den Titel Election Night und beginnt, wie sollte es auch anders sein, mit der Wahlnacht in den USA am 08.11.2016, bei der Donald Trump zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Während Serienschöpfer Ryan Murphy und sein Team sonst auf klassische Tropen des Horrorgenres zurückgriffen, ist diesmal ein reales politisches Ereignis der Ausgangspunkt eines Horrorszenarios.

Die ersten Minuten der ersten Episode zeigen Originalaufnahmen aus dem Wahlkampf von Hillary Clinton und Donald Trump. Die Wahlnacht wird aus der Perspektive von drei Protagonisten in einer Kleinstadt in Michigan erlebt, die die Geschehnisse allerdings auf sehr unterschiedliche Art bewerten. Ally Mayfair-Richards (Sarah Paulson), eine liberale Lesbe und Demokratin, schaut mit ihrer Lebensgefährtin Ivy (Alison Pill) im Kreise von Freunden in einem gemütlichen, hellen Wohnzimmer die Berichterstattung zur US-Wahl. Der Ausgang der Wahl versetzt Ally in einen Schockzustand. Bis zuletzt wollte sie, wie so viele andere Menschen auch, nicht an die Möglichkeit glauben, dass Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt werden könnte. Ally bricht heulend zusammen, in einer Großaufnahme ist ihr verzerrtes Gesicht zu sehen. Sie wird wie das typische weibliche Opfer (oder eben die Scream Queen) nach den klassischen Genrekonventionen des Horrorfilms inszeniert.

Kai Anderson (Evan Peters), bereits straffällig geworden und in die rechte Ecke einzuordnen, schaut allein. Der düstere Raum wird einzig durch den gigantischen Fernseher beleuchtet. Der junge Mann feiert den Sieg Trumps, in dem er eindeutige Beckenstöße in Richtung TV-Gerät ausführt, lautstark "U-S-A, U-S-A" skandiert und die Revolution ausruft. Um seinem Anführer auf skurrile Art zu huldigen, zerkleinert er eine Packung Cheeto-Chips im Saftmixer und färbt sich mit dem orangefarbenen Pulver das Gesicht ein. Dazu toupiert er sich die Haare zur ikonischen Trump-Rolle. Als Trump die Bühne betritt, um seine Rede zu halten, läuft düstere Musik, die jeder Zuschauer augenblicklich mit dem Auftreten des Bösewichts im Horrorfilm assoziiert. Kais Schwester Winter (Billie Lourd) sitzt im Nebenzimmer ebenfalls allein im Dunkeln vor dem Fernseher. Ihr jedoch kullern Tränen der Enttäuschung über die Wangen, denn sie hat ihr Studium ein halbes Jahr auf Eis gelegt, um die Wahlkampf-Kampagne von Hillary Clinton aktiv zu unterstützen. Das Resultat ist für sie unfassbar: "I don’t even know what’s real anymore" ("Ich weiß nicht einmal, was noch wahr ist".)

Es mag Jubelschreie und Tränenausbrüche in amerikanischen Wohnzimmern in der Wahlnacht gegeben haben, aber natürlich sind die Reaktionen sowohl Allys als auch Kais in American Horror Story: Cult völlig überzogen. Ally fällt zurück in hysterische Angstzustände und Paranoia, die sie selbst überwunden zu haben glaubte. Besonders Clowns versetzen sie in eine irrationale Panik, die sich auf ihren Alltag und ihr Familienleben negativ auswirken, sogar zu zerstören drohen. Kai, der wegen eines ungenannten Deliktes bereits vor Gericht stand (die Tatsache, dass er zur Ableistung von Sozialdienst in der jüdischen Gemeinde verdonnert wird, lässt Schlüsse über einen möglichen rechtsorientierten Hintergrund seiner Tat zu), nimmt die Wahl Trumps zum Oberhaupt der USA als Legitimation seiner Angriffe auf mexikanische Einwanderer und ein homosexuelles Paar.

"We love fear the most. We choose fear over freedom. They want to be scared" ("Wir lieben Angst am meisten. Wir wählen Angst statt Freiheit. Sie wollen verängstigt sein") sagt Kai vor Gericht. "You are afraid, we are not" ("Du hast Angst, wir nicht"), bringt Richter Tom Chang ihm entgegen. Sein Mut kommt ihm teuer zu stehen, er und seine Frau sollen die ersten Opfer der Horror-Clowns werden, die bis zu Unkenntlichkeit maskiert in sein Haus einfallen und das Ehepaar Chang massakrieren. Seine Frau, so wird anfänglich bemerkt, hat ihre Stimme nicht abgegeben, da sie keine Zeit hatte, um zur Wahl zu gehen und im festen Glauben war, Hillary Clinton würde sowieso gewinnen. Im klassischen Horror sterben die trinkfreudigen und kopulierenden Teenager zuerst, in American Horror Story: Cult werden die Nichtwähler für ihre Untätigkeit sanktioniert.

Erzählstruktur, die Point-of-Views und Jump-Scares, auf die man selbst immer wieder gerne herein fällt, funktionieren im Auftakt von American Horror Story: Cult nicht anders als man es vom Genre gewohnt ist. Verpackt ist das alles aber in dem sehr spezifischen und vor allem realen Rahmen des aktuellen Amerikas der Jahre 2016 und 2017. Der Wahlkampf lebte von Populismus und Paranoia. Ängste werden immer gern geschürt, um Wähler zu gewinnen. Denn, wie es Kai bereits sagte, die Menschen wählen die Angst und nicht die Freiheit. Jetzt nach der Wahl sind es die anderen, die Nicht-Trump-Wähler, die in einen Zustand paranoider Angst verfallen. Sogar der harmlose Verkäufer im Supermarkt, der ein "Make America Great Again"-Cap trägt, wirkt auf Ally bedrohlich. Das Böse schlummert und erwacht in der Nachbarschaft, im aufgeräumten Suburbia. Die unbestimmbaren Ängste Allys manifestieren sich in Gestalt der Horror-Clowns, die sie überall auftauchen sieht. Sind sie real oder nur Fake News? Die satirischen Untertöne sind in American Horror Story: Cult nicht von der Hand zu weisen.

Ob die letzten US-Wahlen weiterhin ein Thema sein werden oder den Stein lediglich ins Rollen brachten, wird sich in den kommenden Episoden von American Horror Story: Cult zeigen. Der deutsche Sender Fox Channel strahlt die 7. Staffel seit dem 09.11.2017 wöchentlich aus.

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