Avengers 4-Macher erklärt 2-Stunden-Film für tot, aber er liegt falsch

Avengers 3: Infinity War
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Für Avengers 4-Regisseur Joe Russo ist der klassische 2-Stunden-Film tot. Wie Deadline berichtet, sprachen er und Co-Regisseur Anthony Russo kürzlich im Rahmen eines Auftritts bei Business Insider Ignition über ihre Zukunft als Filmemacher im Marvel Cinematic Universe (MCU). Dabei äußerte sich Joe Russo sehr pessimistisch, was die generelle Laufzeit des 2-Stunden-Films angeht. Laut ihm hatte "[...] der zweistündige Film einen großartigen Lauf über 100 Jahre. [...]" Zugleich ist er sich "[...] nicht sicher, ob die Generation, die gerade kommt, den zweistündigen Film als dominante Form des Geschichtenerzählens betrachten wird." Damit spielt Russo sicherlich auf die vorherrschende Popularität von Serien an, die das Erzählen einer Geschichte über viele Stunden ausbreiten und nichts mehr mit dem 2-Stunden-Film gemeinsam haben.

Mit dieser Aussage kommt Joe Russo zu dem Schluss, dass sämtliche Filme, die unter 2 Stunden laufen würden, längst nicht mehr relevant seien und in Zukunft nichts mehr im Kino verloren hätten. Ein sicheres Sterben des kurzen Films also. In Hinblick auf die besten Filme dieses Jahres zeigte sich jedoch auch 2018 wieder, dass gerade in der verdichteten Kürze die große Kraft des Kinos verborgen liegt.

Filme über 2 Stunden müssen einen sinnvollen Grund für ihre Laufzeit haben

Es wäre äußerst kunstfeindlich, Filme von vornherein auf eine feste Länge von über 2 Stunden hin zu entwickeln. Unter all den Filmen aus dem Kinojahr 2018 gab es durchaus einige bemerkenswerte Werke, die deutlich über 2 Stunden lang waren. Damit einher ging jedoch stets ein sinnvoller Grund, der diese Laufzeit rechtfertigte. Call Me by Your Name, mein Lieblingsfilm 2018, dehnte die sommerliche Atmosphäre seiner queeren Liebesgeschichte angenehm auf 135 Minuten aus und verführte den Betrachter dazu, sich in dem nie enden wollenden Rausch aus körperlichem Verlangen, sinnlicher Leidenschaft und malerischer Urlaubsidylle wie in einem Traum zu verlieren.

Als noch radikaler erwiesen sich 2018 zwei Filme, die nur einem kleineren Nischenpublikum vorbehalten waren. In seinem Drama mit dem markanten Titel Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot setzte sich Philip Gröning zwischen hypnotisch langsamer Coming-of-Age-Studie, düsteren Abgründen und philosophischer Heidegger-Meditation mit dem Verhältnis zwischen Sein und Zeit auseinander. Nur mit einer Laufzeit von fast 3 Stunden ist es möglich, dass der Zuschauer das theoretische Konzept des Films schließlich selbst am eigenen Leib zu spüren beginnt.

Essenziell in ihrer atmosphärischen Wirkung sind zudem die 4 Stunden des chinesischen Dramas An Elephant Sitting Still, der in die depressiv-verlorenen Leben verschiedener Protagonisten über den Verlauf eines einzigen Tages entführt. Auch wenn vielleicht nicht jede Szene in dem Film dringend notwendig gewesen wäre, fällt mir keine einzige Sekunde ein, die ich aus diesem düster-deprimierenden Monolith streichen würde. Dem Reichtum an Filmen, die deutlich über 2 Stunden gingen, standen im Kinojahr 2018 jedoch auch viele Werke gegenüber, die kaum länger als 90 Minuten waren und ihre große Stärke genau aus diesem Umstand entwickelt haben.

Das Kinojahr 2018 war gefüllt mit tollen Filmen unter 2 Stunden Länge

Greta Gerwigs Regiedebüt Lady Bird, das auf Rotten Tomatoes einen neuen Rekord erzielte, mag auf dem Papier wie eine Coming-of-Age-Geschichte klingen, die es in dieser Form schon unzählige Male zu sehen gab. Die Kunst der Regisseurin besteht jedoch in der Verwendung von Aussparungen und Verkürzungen. Wo andere Filme des Genres minutenlange Ausführungen bedeutender Momente vorziehen, zeichnet Gerwig mit wenigen, aber dafür umso bedeutsameren Pinselstrichen in nur 95 Minuten das Bild einer ganzen Jugend im Zeitraffer.

Ähnlich genügsam zeigte sich auch Jason Reitman mit seinem neuen Film Tully. Große Themen wie die komplexen Facetten von Mutterschaft zwischen liebevoller Fürsorge und überforderter Verzweiflung sowie eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Zukunft verhandelte der Regisseur in prägnanten, aber dafür umso nachhallenderen 96 Minuten. In einem ganz anderen Genre kam die erstaunliche Horror-Erfahrung A Quiet Place ebenfalls mit intensiven 95 Minuten aus.

Auch im Bereich des Thriller- und Action-Genres hatte 2018 Außergewöhnliches in konzentrierter Form zu bieten. A Beautiful Day von Lynne Ramsay wirkte über lediglich 85 Minuten hinweg abgehackt und unvollständig, fast so als, sei der Film im Schnittraum nicht rechtzeitig fertig geworden. Gleichzeitig stellt der elliptische Rhythmus einen Zugang in den Kopf von Protagonist Joe dar, ein suizidaler Killer, der in jeder Szene mit bulligem Körper präsent ist und dem Leben doch stets vollends zu entgleiten droht. In einem vergleichbaren Stil ist auch Mile 22 von Peter Berg gehalten. In dem furiosesten Schnitt-Inferno seit Das Bourne Ultimatum gleicht die Montage über 95 Minuten hinweg dem ständig überlasteten Kopf des autistisch geprägten Protagonisten, der moralisch anstößig und überfordert zugleich in den Wirren der modernen Kriegsführung verschwimmt. Aus keinem anderen Film bin ich 2018 benommener aus dem Kinosaal getorkelt.

Diesem rauschähnlichen Erlebnis spürte zuletzt auch Gaspar Noé mit seinem neuesten Film Climax nach, der zum Ende des Jahres nun noch bei uns im Kino startet. Nach den überlangen Vorgängern Enter the Void und Love beschränkte sich der argentinische Provokateur zur Abwechslung mal wieder auf 95 Minuten und schickt eine Gruppe von Tänzern in die Hölle, nachdem irgendjemand LSD in die Sangria-Bowle mixt. An anderer Stelle wurde die Symbiose aus pulsierenden, tanzenden, zuckenden sowie kollabierenden Körpern und Electro-Beats als der "ultimative Berghain-Film" bezeichnet. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer, dass das von Joe Russo prophezeite Ende des 2-Stunden-Films niemals mehr derartige Erfahrungen hervorbringen wird, die gerade von ihrer kürzeren Laufzeit leben.

Was haltet ihr vom prophezeiten Ende des 2-Stunden-Films?

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