Babylon Berlin der Gegenwart: Berlin Alexanderplatz ist ein gewaltiger Gangsterfilm

Welket Bungué in Berlin Alexanderplatz
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Welket Bungué in Berlin Alexanderplatz
27.02.2020 - 11:30 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Ein großangelegter Gangsterfilm ist Berlin Alexanderplatz, in dem Alfred Döblins Klassiker der Moderne für die Generation Vier Blocks und Babylon Berlin aktualisiert wird.

Die blutrot eingefärbte Welt steht auf dem Kopf. Die Wellen klatschen gegen das Gesicht. Es wirkt, als zöge ihn das Meer, in dem Francis zu ertrinken droht, in den Himmel. Francis überlebt und fährt wenig später mit einem Aufzug aus einer Tunnelbaustelle hinauf ins Tageslicht von Berlin Alexanderplatz. Der Sog aber, der einen Himmel und Hölle vermischen lässt, bleibt.

Im Wettbewerb der Berlinale läuft die ungeheuer ambitionierte Neuverfilmung von Alfred Döblins Klassiker der Moderne, eine Art Babylon Berlin in der Gegenwart. Franz Biberkopf, der in der Weimarer Republik aus dem Gefängnis entlassen wurde, heißt nun Francis B. (Welket Bungué), stammt aus Guinea-Bissau und kam übers Mittelmeer nach Europa. In Berlin lässt sich der Geflüchtete in einen Strudel des Verbrechens ziehen, angelockt durch den teuflisch aufspielenden Albrecht Schuch.

3 Dinge, die ihr über Berlin Alexanderplatz wissen solltet:

  • Alfred Döblins Geschichte von Franz Biberkopf erschien 1929 und wurde seitdem mehrfach verfilmt, 1931 mit Heinrich George als Franz, 1980 von Rainer Werner Fassbinder als Serie mit Günter Lamprecht.
  • Fancis ist Welket Bungués erste deutschsprachige Rolle. Der Schauspieler spielte zuvor vor allem in portugiesischsprachigen Filmen.
  • Die fünf Kapitel plus Epilog werden in 183 Minuten Laufzeit erzählt.
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Die Hauptstadt als Moloch in Berlin Alexanderplatz

Burhan Qurbani und seinem Team ist eine energiegeladene Neuverfilmung gelungen, die den inszenatorischen Muff von vergleichbaren Literaturverfilmungen lüftet und eine mythische Gangsterstory im Flüchtigenmilieu erzählt. Das ist lang, überspannt und wirft Ideen-Schnipsel eher als Köder aus, als diese auszuformulieren. Das ist aber auch bewundernswert im selbstbewussten Umgang mit der großen Vorlage.

Berlin Alexanderplatz

In einer Flüchtigen-Unterkunft trifft Francis auf Reinhold (Albrecht Schuch aus Bad Banks und Systemsprenger). Ein Knick scheint durch diesen zu gehen, der seine Intoleranzen und Allergien aufzählt, während er sich mit seinem Arm an der Hüfte gerade so aufrecht hält. Der schwächliche Reinhold trägt ein rotes Basecap, als er mit den Männern aus aller Herren Länder spricht, um sie für Drogengeschäfte anzuwerben. "Make America Great Again" steht nicht darauf.

Mit seiner dünnen, hohen Stimme und von der Welt verbogenen Gestalt erinnert Schuchs mephistophelischer Schurke an Joaquin Phoenix' Joker-Darstellung und Jonas Dasslers Fritz Honka im letztjährigen Berlinale-Beitrag Der goldene Handschuh. Damit bildet er zugleich, wie in der Vorlage, das physische Gegenbild zum starken Franz.

Das Verbrechen als "Integration" in das Babylon namens Berlin

Als Franz wird Francis nämlich bald neu getauft. Keine Aufenthaltsgenehmigung hat er, aber einen teutonischen Namen, mit dem er sich bei den Dealern in der Berliner Hasenheide Respekt verschafft. Oberboss Pums (Joachim Król) fällt das auf, was Reinhold nicht gelegen sein kann. Dass dieser Reinhold ein Verhängnis sein wird, daran lässt Albrecht Schuch in seinem punktgenau abgemessenen Wahnsinn keinen Zweifel.

Berlin Alexanderplatz

Warum sich der starke Franz mit dem schwächlichen Reinhold abgibt, entwickelt sich zum erzählerischen Knotenpunkt von Berlin Alexanderplatz, den zu lösen man entweder gewillt ist oder nicht. Mit der Suche nach (irgendeiner) Arbeit als Begründung ist es nicht getan. Man darf dem vielfach als schlau beschriebenen Franz nämlich bei einer Freundschaft zuschauen, die alle Warnzeichen eines leicht zu vermeidenden Autounfalls trägt.

Hier tritt denn auch der mythische Aspekt von Berlin Alexanderplatz hinzu. Döblins Roman präsentierte durch seine stilistischen Innovationen eine hyperrealistische Sozialstudie, in der kein Mensch von seinen Umständen zu trennen war. Immerhin gibt er den Eindruck zahlreicher gleichzeitig existierender Zeitebenen, die Franz alle in jene Position gerückt haben, in der er sich wiederfindet: vor den Toren eines Gefängnisses in Tegel.

Von jenem Beginn, in dem das Mittelmeer kopfüber steht im höllischen Rot der Leuchtraketen, kündigt sich in der Adaption von Qurbani und Martin Behnke (Wir sind jung. Wir sind stark.) eine fast mythische Geschichte über die beiden Herzen in der Brust eines Mannes an. Es geht um Gut und Böse, Francis und Franz, Freiheit und Fremdbestimmung. Wie weit ist Francis bereits zu gehen, um sich in seiner Maskulinität zu behaupten? Und wie viel seiner Identität und seines Stolzes gibt er zugunsten der Akzeptanz in der offen rassistischen Umwelt auf?

Quälende und gequälte Männer in einem Babylon Berlin der Gegenwart

In Bestärkung der mythischen Motive folgt das Drehbuch gängigen Mustern des Gangsterfilms und gerade in der Darstellung von weiblichen Sexarbeitern manchem Klischee des Genres. Die Frauen in Berlin Alexanderplatz rotieren meistens um die gequälten und quälenden Männer. Das mindert zwar nicht die Leistung von Jella Haase als Francis' große Liebe Mieze oder Annabelle Mandeng als seine mögliche Rettung Eva.

Berlin Alexanderplatz

In seinem Streben nach der großen, Zeiten übergreifenden Gangster-Erzählung wirkt Berlin Alexanderplatz aber in Teilen auch wie ein beliebiger Gangsterfilm, in dem Macker in Strip Clubs abhängen, während die Kamera sich an gesichtslosen weiblichen Körpern kaum satt sehen kann.

Mitreißender ist die erneute Reise an den Alexanderplatz, wenn sie sich dem Rausch der Erzählung hingibt, man sich treiben lässt in der neonfarbenen Unterwelt und mit Francis in den Sog gerät - von Berlin, Reinhold oder Mieze. Da muss nicht der Stil von Alfred Döblin auf der Filmebene imitiert werden, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie höllisch und verführerisch sich dieses Berlin anfühlt.

Ein bisschen sieht es aus wie die epische Version von 4 Blocks oder ein Babylon Berlin in der Gegenwart. So frisch, stilbewusst und doch komplex kann das deutsche Kino sich ruhig öfter an die Klassiker der Literatur heranwagen.

Habt ihr eine der Verfilmungen von Berlin Alexanderplatz gesehen?

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