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Ein Berlinale-Tagebuch, Tag 9

Bataillon der Verlorenen

"Bataillon der Verlorenen" von Francesco Rosi
© Cinémathèque Suisse
"Bataillon der Verlorenen" von Francesco Rosi

Ich liebe das Gefühl, dass sich in den letzten Tages einer Berlinale bei mir einstellt. Eine gewisse innere Ruhe und Zufriedenheit hat sich dann in mir breit gemacht. Ich habe bereits eine Menge toller Filme gesehen (und vielleicht auch einige weniger gute). Dass ich manch einen Film nicht miteingeplant habe oder auch mal ein Ticket für eine bestimmt Vorführung nicht bekommen habe, erscheint mir irgendwie nur noch halb so schlimm. Der Gang zum Kino am Morgen ist einfach entspannter. Die Woche des Filmeschauens geht langsam dem Ende entgegen und ich bin zufrieden. Wirkliches Wehmut kommt da nicht auf. Außerdem liegen ja noch zwei Tage vor mir. Der European Film Market, der parallel zur Berlinale stattfindet, ist seit einigen Tagen beendet und viele Filmemacher, Verleiher oder Journalisten sind bereits nicht mehr in der Stadt. Die schwindende Zahl der Akkreditierten schlägt sich merklich in den Kinosälen nieder. Sie sind nun nicht mehr so gerammelt voll wie noch zu Beginn der Filmfestspiele. Auch dies trägt nicht unerheblich zu einer allgemein entspannteren Situation bei.

Der betrunkene Tod

Mein erster Film heute war Thanatos, Drunk aus Taiwan. Regisseur Tso-chi Chang greift ähnliche Themen auf Dari Marusan vor einigen Tage, ist jedoch filmisch erheblich besser. Der Film zeigt die Gefangenheit der Jugendlichen in einer Spirale aus Gewalt und Verderben. Dabei erzählt er in einer leicht verschachtelten Weise, die mir ehrlich gesagt zunächst garnicht aufgefallen war und erst im Nachhinein offensichtlich wurde. Einer der Auslöser sind Muttersorgen (es gibt keine wirkliche Vaterfigur in diesem Film), die die Söhne eher vertreibt als an sie bindet. Alkohol und Langeweile sind an der Tagesordnung. Ich muss auf einige Details der Handlung eingehen, wer darüber nichts wissen möchte, sollte diesen Absatz bitte überspringen. Der Film hatte bis zu einem gewissen Punkt einen hervorragenden Eindruck auf mich ausgeübt. Doch Chang läßt seine verschiedenen Geschichten gnadenlos in ein schreckliches Ende münden, wie es der mythologisch angehauchte Titel erahnen läßt. Ohne Ausnahme und unbarmherzig ereilt die Figuren ihr bitteres Schicksal! Lediglich am Ende gibt es vereinzelte, symbolische Momente von aufkeimender Hoffnung, wenn man diese subtilen Symbole tatsächlich als dieses interpretieren möchte. Die extreme Darstellung von Gewalt und die Hoffnungslosigkeit in seiner Weltsicht (analog zu Dari Marusan) macht mir den Film etwas kaputt. Den Großteil des Film hatte ich ein gutes Gefühl und plötzlich bricht etwas Schonungsloses auf den Zuschauer ein. Allerdings ist die Gewalt in diesem Film von Tso-chi Chang weniger präsent als beispielsweise in seinem früheren Werk Soul of a Demon, der vor einigen Jahren ebenfalls auf der Berlinale gezeigt wurde.

Väterliche Abwesenheit

Auch in meinem zweiten Film heute gibt es keinen Vater. Im brasilianischen Coming-of-Age-Drama Absence spielt dies im Vergleich zu Thanatos, Drunk allerdings eine essentielle Rolle. Serginho ist 15 Jahre alt, liebt den Zirkus und entdeckt die eigene erwachende Sexualität. Leider ist seine Mutter seit dem Verlassen des Vaters zur Alkoholikerin geworden. Serginho muss sich um seinen kleinen Bruder kümmern und das Geld zum Leben für die Familie verdienen. Er sucht zwar Hilfe bei anderen (beispielweise sieht er in einem Lehrer einen Vaterersatz) und bringt gezwungenermaßen große Stärke auf, aber das Leben meint es nicht gut mit ihm. Von Rückschlägen läßt er sich immer weiter entmutigen. Auch erste Gehversuche in Richtung des anderen Geschlecht bringen Enttäuschung mit sich. Eine große Traurigkeit aufgrund fehlender Zuneigung und Zugehörigkeit geht von dem jungen Mann aus. Absence ist ein sehr zurückhaltender, wenig dramatisierter Film. Es gibt keine großen Gefühle, lediglich der ständig mitschwingende Ton von tiefer Traurigkeit liefert den emotionalen Soundtrack zum Film. Erst beim Schreiben dieses Textes fällt mir tatsächlich auf, wie viel Gutes in diesem kleinen, stillen Film steckt.

In Memoriam Francesco Rosi

Francesco Rosi ist - wie vielleicht der ein oder andere mitbekommen hat - im Januar diesen Jahres im Alter von 92 Jahren verstorben. Ihm zu Ehren hat die Berlinale einen seiner Filme ins Programm genommen. Bisher kannte ich von diesem bedeutenden Italiener, der mit zum Erfolg des Neorealismus beitrug, lediglich Wer erschoß Salvatore G.? aus dem Jahre 1961. Der Saal im Kino International war zu meiner Enttäuschung doch nur höchstens zur Hälfte gefüllt. Interessiert sich tatsächlich kaum jemand für große Meisterwerke der Kinogeschichte? Wahrscheinlich lag es daran, dass dieser Film nicht im Rahmen der Retrospektive gezeigt wurde und wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Ebenso erstaunlich: Ich war mit meinen 35 Jahren nur einer von ganz wenigen "jungen" Zuschauern. Aber diejenigen, die den Weg ins Kino gefunden haben, sollten wirklich belohnt werden. Es begann bereits vor dem eigentlichen Film mit einer wundervollen Einführung durch einen der Forums-Mitgründer Ulrich Gregor. Sehr detailliert und mit großer Leidenschaft berichtete er von Rosis Karriere und Persönlichkeit. Soetwas würde ich mir bei der Berlinale tatsächlich etwas öfter wünschen. Oftmals hat man das Gefühl, es werden Filme von Personen angekündigt, die den Namen des Regisseur erst kurz zuvor auswendig lernen mußten. Aber die Einführung durch Herrn Gregor machen bereits großen Appetit auf die Entdeckung eines großen Filmes.

Der ausgewählte Film Bataillon der Verlorenen von 1969 ist jedoch nicht dem italienischen Neorealismus verschrieben. Eigentlich ist es auch kein richtiger (Anti-)Kriegsfilm. Rosi erforschte in diesem Film die hierarchische und soziale Strukter der Armee am Beispiel des Ersten Weltkrieges. Fast den ganzen Film über dürfen wir der unbegreiflichen Verschwendung menschlichen Lebens beiwohnen - als Kanonenfutter oder als Opfer von Willkür. Für Rosi liegt der Feind nicht auf der anderen Seite der Front, er ist vielmehr in den höchsten Dienstgraden der eigenen Reihen zu finden. Auf zugleich schockierende wie nahezu satirische Weise zeigt uns der Italiener vielleicht etwas zu offensichtlich, welcher politischen Gesinnung er entsprungen ist. Francesco Rosi porträtiert die führenden Generäle oder Offiziere als machtausübende, herrschende Rasse und die kleinen Soldaten (wenn man so will) als Unterschicht. Er begrüßt das Subversive und beklagt die Willkür der Herrschenden. Das Ergebnis ist ein faszinierender Film, der es tatsächlich verdient hätte, von uns allen wieder entdeckt zu werden. Er steht Werken wie beispielsweise Wege zum Ruhm von Stanley Kubrick in Nichts nach.

Fukushima und seine gesellschaftlichen Folgen

Mein letzter Film heute war der zweite Teil von Nuclear Nation von Atsushi Funahashi. Wie auch schon im ersten Teil von 2012 berichtet uns der Japaner von den Menschen, die ihre Heimat verloren haben und jahrelang in Turnhallen, Schulen oder Behelfsunterkünften ausharren mussten, nachdem im März 2011 ein Erdbeben und ein anschließender Tsunami die Atomkatastrophe von Fukushima auslöste. Er zeigt die Sorgen und Nöte der Menschen. Er berichtet von politischen Unstimmigkeiten zwischen Regierung und Lokalpolitikern sowie dem Unverständnis der Bevölkerung. Aber auch wenn dieser Dokumentarfilm etwas runder und strukturierter wirkt als der erste Teil (der ja noch im direkten Eindruck der Katastrophe gedreht wurde), so hat er jedoch nicht wirklich viel mehr zu erzählen. Funahashi besucht die gleichen Orte und Personen erneut, die man aus dem ersten Film bereits kennt. Nachdem Atsushi Funahashi sich zuletzt in drei Filmen mit dem Thema der Atomkrise und dessen Einfluss auf die Bevölkerung beschäftigte, frage ich mich, ob er auch wieder zu anderen Themen zurückkehren wird. Insbesondere sein faszinierender Film Deep in the Valley, der leider nicht in der Moviepilot-Datenbank zu finden ist (und von mir mit der seltenen 10-Punkte-Wertung versehen wurde), ließ ihn bei mir nachhaltig als höchst interessanten Regisseur in Erinnerung bleiben. Seine drei letzten Filme konnten mich leider, auch wenn sie recht gut sind, nicht mehr begeistern.

Morgen steht bereits mein letzter Tag der diesjährigen Berlinale an. Ich werde mir noch zwei Wettbewerbsfilme aus Asien, einen Panorama-Beitrag aus den USA sowie den dritten Teil der Kon-Ichikawa-Retrospektive im Forum anschauen.

Zusammenfassung


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