Berlinale 2017 - Patriot und die etwas andere Spionageserie

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© Amazon/Berlinale
Patriot auf der Berlinale 2017
20.02.2017 - 08:50 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Wenn bereits in großen Lettern Patriot auf dem Poster steht, wird der Pathos in der Geschichte geradezu provoziert. Die neue Amazon-Serie mit Michael Dorman in den Hauptrolle läuft dennoch allen Erwartungen zuwider. Unser Eindruck von der Berlinale 2017.

Das Wort Patriot weckt in der Film- und Serienwelt unglaublich viele festgefahrene Assoziationen, vorzugsweise in Verbindung mit den USA. Eine blau-weiße Flagge, die erhaben durch den Wind flattert und ein Soldat, der mit heroischer Geste seinem Vaterland dient, sind nur zwei Bilder, die sofort ins Gedächtnis schießen. Wenn Amazon also die Geschichte eines Spions erzählt, der verhindern soll, dass der Irak in absehbarer Zeit Atomwaffen erlangt, liegen Pathos und ein zweiter Shooter nahe. Patriot offenbart sich allerdings als das exakte Gegenteil eines reißerischen Märtyrer-Epos. Anstelle von coolen Posen und nervenaufreibenden Cliffhangern erwarten uns Melancholie und Tristesse. Unseren ersten Eindruck der atmosphärisch ungewöhnlichen Serie, die neben Formaten wie SS-GB und 4 Blocks auf der Berlinale 2017 ihre Premiere feierte, haben wir im folgenden Text zusammengefasst.

Im Mittelpunkt der Geschehnisse von Patriot befindet sich John Tavner (Michael Dorman), seines Zeichens ein NOC-Offizier, was bedeutet, er arbeitet in jenem Bereich der Spionagearbeit, der nirgends protokolliert wird. Sobald er mit einer Mission betraut wird, verschwindet er sozusagen komplett von der Bildoberfläche und operiert fortan dort, wo kein Amerikaner jemals hinkommen könnte. So auch im Rahmen seines jüngsten Auftrags, der ihn vom Mittleren Westen der USA nach Luxemburg verschlägt, wo er sich als Mitarbeiter eines Bauunternehmens den Sprung in den Iran erhofft. Der Plan ist wasserdicht, zumindest, wenn es nach Johns Vater Tom (Terry O'Quinn) geht, der gleichzeitig in seiner Position als State Department Director of Intelligence sein Vorgesetzter ist. Unterstützung erhält John zudem von seinem älteren Bruder Edward (Michael Chernus), seines Zeichens Kongressabgeordneter in Texas.

Terry O'Quinn und Michael Dorman in Patriot

Patriotismus ist also Familiensache. Obwohl John im Begriff ist, eine Undercover-Operation durchzuführen, die auf keinen Fall auffliegen darf, ist ein Gros seiner eigenen Familie in die Angelegenheit eingeweiht, wenn nicht sogar für die konkrete Durchführung eingeplant. Patriot driftet sehr schnell ins Satirische ab, wenn all die Mechanismen diverser Agentenfilme im trostlosen Garten der Tavner-Familie geregelt werden und all der romantisierte Glanz diverser Geheimmissionen im stillen Kämmerlein verblasst. Alleine die Tatsache, dass John einen kniffligen Einstellungstest inklusive harter Konkurrenz durchstehen muss, um ins Bauunternehmen eingeschleust zu werden, setzt dem irrwitzigen Charme von Patriot die Krone auf. Wo James Bond, Ethan Hunt und Co. nie ein Problem damit haben, fremde Zentralen zu infiltrieren, bleiben John lediglich erschreckende Maßnahmen, um in seinem Job tatsächlich Erfolg zu haben.

Dabei entfesselt Patriot einen lakonischen bis schwarzen Humor, wie er derzeit in kaum einer zweiten Serie zu sehen ist. Gleichzeitig strahlt Patriot eine ungeheure Traurigkeit aus, die binnen weniger Minuten eine dermaßen deprimierende Atmosphäre schafft, dass sich die Frage stellt, warum John am nächsten Tag überhaupt noch aus dem Bett steigt. Sämtliche Handlungen führt er mit absoluter Gleichgültigkeit durch. John scheint sein komplettes Gespür für Emotion verloren zu haben - oder zumindest sieht er keinen Grund, intensiver in seine Gefühlswelt einzutauchen. Sein Ziel hat er trotzdem klar vor Augen. Er ist ein faszinierender, rätselhafter Protagonist, der zudem von einer düsteren Vergangenheit verfolgt wird. Schlagworte wie posttraumatische Belastungsstörung sind schnell genannt. Da John Gitarre spielt und gerne Folk-Songs-dichtet, lässt er seinem Frust in tragikomischen Texten seiner Lieder freien Lauf.

Michael Chernus und Michael Dorman in Patriot

"I got some really bad intelligence / shot an old male hotel maid / who was just making the physicist's bed", singt er in einem beschaulichen Park in Amsterdam vor sich hin, ohne, dass sich auch nur eine Menschenseele für die (un-)ausgesprochene Wahrheit interessiert. Stattdessen setzt John teilnahmslos seine wahre Identität aufs Spiel und zieht, als ein lokaler Wachtmeister auf die Parkordnung hinweist, unbeeindruckt von dannen. Es ist die gleiche Situationskomik, die Serienschöpfer Steve Conrad heraufbeschwört, wenn sein titelgebender Patriot auf mehr oder weniger unorthodoxe Weise einen Urintest manipuliert. "This guy is weird" - sehr viel besser hätte John nicht vorgestellt werden können, doch er ist nicht alleine. Patriot entwirft eine merkwürdige Welt, die ausnahmslos von sonderbaren Figuren bevölkert ist und uns am Ende gleichermaßen ratlos wie verblüfft fragen lässt, wie hier überhaupt irgendjemand etwas auf die Reihe bringt.

In aller Ruhe plätschert die Handlung von Patriot vor sich hin, ein antiklimaktisches Erzählen, das dennoch mit einer erstaunlich hohen Frequenz an Pointen punktet. Erst mit der Einführung von Agathe Albans (Aliette Opheim) nimmt das Geschehen konventionellere Form an. Die ehrgeizige Ermittlerin der Mordkommission Luxemburg sieht die Statistik in Gefahr, denn gab es in den Jahren vor Johns Ankunft keinerlei Morde zu verzeichnen, so ist die Zahl in den letzten drei Tagen erschreckend angestiegen. Ab diesem Punkt gibt Patriot einen kleinen Ausblick, in welche Richtung sich die Serie fortan bewegen könnte. Bei Steve Conrad, der bereits in seinem Drehbuch zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty mit ein paar cleveren Einfällen überraschte, dürfen wir jedoch gespannt sein, wie sich die Geschichte in den kommenden Episoden entwickeln wird. Wie viele Serien benutzen schon die selbst geschrieben Folk-Songs ihrer Protagonisten, um deren Hintergrundgeschichte zu illustrieren?

Ab dem 24.02.2017 sind alles zehn Episoden der 1. Staffel von Patriot auf Amazon Prime online zum Abruf verfügbar.

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