Berlinale: Cyberkrieg in Zero Days & liebenswerte Junge Männer

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Knapp zehn A5-Seiten habe ich während Alex Gibneys Dokumentarfilm Zero Days vollgekritzelt. "Gewöhnliche Verbrecher", "Hacktivists" und "Nationalstaaten" steht da unter den gängigen Verdächtigen für Cyberattacken auf Computer, Maschinen und Netzwerke. Und "Kein Kommentar". Damit eröffnet Regisseur Gibney (Going Clear: Scientology and the Prison of Belief) seinen neuen Film gleich in mehrfachen Variationen. Kein Kommentar lautet nämlich die Antwort auf die Frage, welche Nation(en) hinter der Malware Stuxnet stecken. 2010 sorgte die weltweite Verbreitung des Computer-Wurms für Aufsehen, welcher ursprünglich die Zentrifugen einer iranischen Nuklearanlage manipulieren sollte. Niemand bekannte sich zum Einsatz, dennoch werden die USA und Israel dahinter vermutet. Kein Kommentar, antworten in Gibneys Doku wenig überraschend die ehemaligen Mitarbeiter von CIA oder NSA. Doch selbst unabhängige Sicherheitsexperten wollen die finale Schlussfolgerung nicht vor laufender Kamera ziehen. Die Furcht vor Klagen füttert das Schweigen über ein offenes Geheimnis im akribisch recherchierten Zero Days, der bei der Berlinale 2016 im Wettbewerb läuft. Also beantwortet Gibney seine Frage einfach selbst.

Alle Berlinale-Tagebücher im Überblick:
Mehr: Colin Firth entdeckt den Genius Jude Law
Mehr: Jeder stirbt für sich allein - 08/15-Historien-Muff
Mehr: 24 Wochen - Können wir nochmal Victoria gucken?

Trotz des bournesk reißerischen Thriller-Vorspanns hat der Vielfilmer Gibney mit Zero Days eine nüchterne kurze Einführung in die weitreichenden Konsequenzen des Cyberkriegs abgeliefert. Im Gegensatz zu den meisten Interviewten nennt Gibney die Verantwortlichen beim Namen. Sein Anliegen: Er drängt auf eine Debatte über die Nutzung von Malware im unerklärten Krieg gegen andere Länder, damit im nächsten Schritt nachvollziehbare Normen eingeführt werden können. Als wäre die Flut an unverständlichen Code-Zeilen nämlich nicht unheimlich genug, werden in Zero Days Atomwaffen als Vergleich herangezogen. Demnach sei der Stuxnet-Angriff im Umfeld der iranischen Atomanlage Natanz das Hiroshima und Nagasaki des Cyberkriegs, eine Art Normalisierung eines Waffeneinsatzes, die andere Länder als Startpfiff interpretieren könnten. Dank der Bilder von Atompilzen kann Gibney getrost Panikmache vorgeworfen werden. Gleichzeitig hat er seine seine Doku mit Editor Andy Grieve klar aufgebaut, seine Argumentation überzeugend kontextualisiert. Für einen Film, der sich primär um kryptischen Quellcode dreht, zeichnet Zero Days die gewohnte gibneysche Dringlichkeit und Verständlichkeit aus. In einer Parallelwelt hält Professor Gibney sicher gerade die gefragtesten Vorlesungen seiner PoWi-Fakultät.

Alle Berlinale-Tagebücher im Überblick:
Mehr: War on Everyone will euer neues Lieblings-Buddy-Movie sein

Mehr: Midnight Special - Sci-Fi-Drama mit Michael Shannon
Mehr: Hail, Caesar! ist ein Geschenk für Filmnerds
Mehr: Eine kurze Reise durchs riesige Programm

Things to Come mit Isabelle Huppert ist zu diesem Zeitpunkt immer noch der stärkste Film im Wettbewerb, auch wenn die Lampedusa-Dokumentation Fire at Sea ausgehend vom Screen-Kritikerspiegel als Favorit für den Goldenen Bären gilt. Einige meiner bisherigen Lieblingsfilme dieses 66. Festivals liefen allerdings gar nicht in der Hauptsektion. A Quiet Passion über Emily Dickinson beispielsweise wurde im schwammigen Promi-Magneten Berlinale Special präsentiert. Der von politischer Desillusionierung ermattete Gangsterfilm Trivisa aus Hongkong lief hingegen im Forum. In der Jugendsektion Generation habe ich diese Woche mit Junge Männer einen der Höhepunkte der Berlinale und wohl auch meines Filmjahres gesehen. Zwei Jungen lernen sich in einem zeitlosen Brooklyn durch einen tragischen Zufall kennen. Jakes (Theo Taplitz) Opa ist gestorben, die Familie erbt sein Haus, Tonys (Michael Barbieri) Mutter führt ein Modegeschäft im Gebäude. So einfach und gleichzeitig kompliziert entsteht in Ira Sachs (Liebe geht seltsame Wege) Familiendrama eine tiefe Freundschaft und ebenso einfach und kompliziert wird sie aufs Spiel gesetzt, als Jakes aus Manhattan zugezogene Eltern (Jennifer Ehle und Greg Kinnear) die Miete erhöhen wollen.

Sachs und Ko-Autor Mauricio Zacharias brechen die Gentrifizierung auf zwei Familien herunter, ohne mit dem G-Wort um sich zu werfen. Stattdessen bilden Mieterhöhungen und daraus folgende Verdrängungsprozesse zwischen ärmeren und reicheren Schichten natürlich wachsende Elemente einer facettenreichen Geschichte. Deren Herz bildet die Freundschaft zwischen dem introvertierten Jake und Tony, der wie Aziz Ansari umwerfend selbstgewiss daher quasselt. Auf Jakes Seite scheint gelegentlich eine mehr als platonische Sehnsucht nach seinem Freund auf, doch wie in allen anderen Aspekten seines neuen Films auch, beweist Sachs eine bewundernswert delikate Zurückhaltung. Was sich auch in der effektiv unauffälligen Inszenierung mit ihren feinen Szenenübergängen äußert. Hier ist kein Bild überflüssig.

Was von Thomas Vinterbergs blasiertem Wettbewerbsbeitrag Die Kommune nicht behauptet werden kann. Auch hier werden die Eltern vor den Augen von Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) auf Menschengröße gepresst. Doch Vinterbergs Verarbeitung seiner eigenen Kindheitserfahrungen wimmelt vor Witzfiguren, die auch nach 112 Minuten kaum charakterliches Fett angesetzt haben. Was grundsätzlich kein Problem wäre, würden Vinterberg und sein Die Jagd-Ko-Autor Tobias Lindholm ihre flache Satire auf die Freiheitsbestrebungen von Biedermeier-68ern nicht als ernst gemeintes und sich ernst nehmendes Drama verscherbeln. Dann doch lieber Harry meint es gut mit dir-Regisseur Dominik Moll, der mit News From Planet Mars eine erfrischend düstere Komödie in den Wettbewerb geschmuggelt hat. François Damiens gibt den Normalo Philippe Mars, dessen Umwelt - Kinder, Kollegen, Schwester - schrittweise verrückt zu spielen beginnt. Auch Moll erarbeitet seinen Humor aus den Schrullen seiner Figuren, allen voran Philippes psychisch kranker Kollege (Vincent Macaigne), der seine Nervosität am Arbeitsplatz mit dem Streicheln eines Fleischermessers mildert. Doch im selben Schritt blitzt die Liebe für diese Figuren auf, ihr Verhalten wird nicht bloßgestellt, um belächelt zu werden. Der sich fix radikalisierende Vegetarismus von Philippes Sohn sorgt in News From Planet Mars zum Beispiel für einige Lacher. Eine menschlichere Reaktion auf das Desinteresse des Vaters wäre trotzdem schwer aufzutreiben. Ein vergleichbarer Moment findet sich auch im wesentlich ruhigeren Junge Männer. Da ist der talentierte Zeichner Jake sichtlich bestürzt, dass einige seiner Bilder während eines Umzugs weggeschmissen wurden. Der Vater antwortet nur, er solle eben neue Bilder malen.

Die jungen Männer des deutschen Titels finden gemeinsame Träume von Künstlerkarrieren und brausen frei von Sorgen auf Rollern und Inline-Skates durch ihr Viertel, als gehöre es ihnen. Hinter den Little Men des Originaltitels stehen hingegen die Eltern, wenn sie dank handfester oder belangloser Probleme von ihrem Podest geholt werden, nur noch Menschen wie du, ich, Tony und Jake sind. Diese Erkenntnis ist ein natürlicher Schock für Kinder, was die rettende, weil reine, eben unkomplizierte Freundschaft der Jungen noch intensiviert. Um Jake zu paraphrasieren: Keine neue Freundschaft wird je wie eine alte sein.

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
Deine Meinung zum Artikel Berlinale: Cyberkrieg in Zero Days & liebenswerte Junge Männer
A4652139b0f4423899c0893a2fd6eb1c