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Der junge Karl Marx
16.02.2017 - 09:35 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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August Diehl und Stefan Konarske entwickeln als Karl Marx und Friedrich Engels das kommunistische Manifest: Der junge Karl Marx, inszeniert von I Am Not Your Negro-Regisseur Raoul Peck.

Karl Marx sitzt Friedrich Engels gegenüber. Seine Augen leuchten. "Sie sind ein Genie", lobt ihn Engels. "Das ist eine erstklassige Arbeit", erkennt Marx an. Es knistert in diesem Raum in Paris. Da haben sich zwei gefunden. Sie wollen trinken gehen, geraten an eine Polizeikontrolle, leisten sich eine Verfolgungsjagd. Das Adrenalin treibt ihnen das Glück ins Gesicht. Erschöpft und elektrisiert sitzen Marx und Engels sich schließlich gegenüber, Tabakrauch besiegelt die intellektuelle Vereinigung. Es ist die Schlüsselszene in Der junge Karl Marx mit August Diehl und Stefan Konarske. Marx und Engels müssen sich (ein zweites Mal) treffen und zusammentun. Das zu erzählen gehört nun mal zur Aufgabe dieses Biopics. Darüber hinaus wohnt der Szene ein intellektueller und politischer Optimismus inne: Dass sich zwei treffen, die mit ganz unterschiedlichen Ansätzen an den selben Missstand herantreten und sich finden, statt sich zu zerstreiten. Theoretische und praktische Arbeit führen in Raoul Pecks Der junge Karl Marx zur Genese des Manifests der kommunistischen Partei (Spoiler?). Dabei legt das Drehbuch von Peck und Pascal Bonitzer mehr Wert auf den Prozess als den Triumph und scheint in seinen philosophischen und politischen Diskussionen bisweilen über die "modernen Sklaven" der Globalisierung zu sprechen. Finden sich Marx und Engels, bzw. die hervorragend besetzten August Diehl und Stefan Konarske, dann lädt das theoriebesessene, aber teils schön fluffige Biopic ein zum Träumen darüber, wie das denn aussähe mit einer in sich einigen politischen Linken. In seinem Anliegen bildet Der junge Karl Marx schließlich ein Double Feature mit Pecks oscarnominierter Dokumentation I Am Not Your Negro, die ebenfalls bei der Berlinale läuft.

Ein Anliegen haben viele Filme im Programm der selbsternannt politischen Berlinale, aber die wenigsten Biopics. Auch in Der junge Karl Marx werden entscheidende Stationen seines Lebens bis zur Fertigstellung des Kommunistischen Manifests abgefahren. Das beginnt beim Verbot der Rheinischen Zeitung auf Drängen von Zar Nikolaus I. im Jahr 1843 und führt Marx nach Paris, wo er an den Deutsch-Französischen Jahrbüchern arbeitet (und nie die Deadline einhält, wie wir erfahren). Zu den klassischen Biopic-Ingredienzien gehören vorbeischauenden Größen ihrer Zeit, etwa Proudhon und Bakunin, und die verständnisvolle Ehefrau Jenny (schönster Name der Welt, wie wir alle wissen) von Westphalen (Vicky Krieps). Wer immer schon mal hören wollte, wie August Diehl Junghegelianer disst (und wer tut das nicht?), der kommt endlich auf seine Kosten. Parallel dazu wird uns Friedrich Engels in Manchester vorgestellt, der in der Baumwollspinnerei seines Vaters aus erster Hand erfährt, wie die Arbeiter in den Fabriken ausgenutzt werden. Engels' Die Lage der arbeitenden Klasse in England ist jene Schrift, die Marx in Paris so beeindrucken wird. Vorher verliebt sich der Bürgersohn in die irische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele, was für ein Name!). Raoul Peck und Pascal Bonitzer zum Dank werden die Frauen an der Seite von Marx und Engels als selbstbestimmte Diskussionspartner eingeführt, wenn auch nie im Zweifel steht, wer die treibenden Denker ihrer Zeit sind. Marx und Engels, die sich intellektuell gegenseitig und finanziell eher einseitig befruchten, führt es schließlich zum Bund der Gerechten und in den Konflikt mit Wilhelm Weitling (Alexander Scheer). Der Populist steht im krassen Gegensatz zum methodisch denkenden und redenden Duo unseres Herzens.

James Baldwin in I Am Not Your Negro

Der beste Zugang zu Der junge Karl Marx mag es wohl sein, ihn als Spielfilm-Pendant von I Am Not Your Negro zu betrachten. In der Doku haucht Peck mit Hilfe seines Erzählers Samuel L. Jackson den Schriften des afroamerikanischen Autors James Baldwin brennende Aktualität ein. Pecks Film wurde dieses Jahr neben Der 13. und O.J.: Made in America für einen Oscar nominiert. Alle drei Filme beschäftigen sich mit der systematischen Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA und damit, wie sie sich über die Bürgerrechtsbewegung hinaus verschoben hat, statt zu verschwinden. Ava DuVernays Netflix-Doku geht in einem aktionistischen, mitreißenden Ton dem Übergang von Segregation zu "Drogenkrieg" und Masseninhaftierung nach. Anhand der Karriere und des Images von Football-Star O.J. Simpson fächert Ezra Edelman wiederum auf, wie Simpson instrumentalisierte und sich instrumentalisieren ließ, um in vorwiegend weiße Zonen von Reichtum und Berühmtheit vorzustoßen.

In I Am Not Your Negro dient ein unvollendetes Manuskript des 1987 verstorbenen Schriftstellers James Baldwin als Grundlage für eine Epochen überwindende Auseinandersetzung mit einem "System, das Elend produziert", wie es in Der junge Karl Marx heißt. In dem Biopic wird gestritten über Sinn und Unsinn eines reformerischen Ansatzes, wenn die Ausbeutung den Institutionen selbst eingeschrieben ist. I Am Not Your Negro versenkt sich mit Hilfe seiner Schriften und Fernsehauftritte in die Erfahrungen Baldwins, dessen Zeitzeugenschaft der Ermordung von Medgar Evers, Malcolm X and Martin Luther King, Jr. eine zentrale Rolle spielt. Ihre Dringlichkeit entwickelt die Doku, da Baldwins Polemik vielfach auf unsere Gegenwart bezogen werden kann und soll. Die Opfer der Polizeigewalt in den USA sowie die Demonstrationen in Ferguson nach der Ermordung von Michael Brown werden von Peck mit Baldwins Dokumenten verwoben. "In the next thirty or forty years a Negro can also achieve the same position that my brother has as President of the United States", lautet einer der prophetischen Sätze im Film, ausgesprochen von Robert F. Kennedy, vernichtend gedeutet von James Baldwin: In 40 Jahren seid ihr vielleicht "gut genug", um einen Präsidenten zu stellen.

Die virtuose intellektuelle Energie von I Am Not Your Negro erreicht Der junge Karl Marx nicht, auch weil das Biopic Grenzen setzt, welche sich in der Doku nicht finden. Nichtsdestotrotz hat Raoul Peck Marx und Engels vor dem Degeto-Muff bewahrt. Anstatt ihn aus der historischen Distanz zu neutralisieren, vergegenwärtigt Raoul Peck Marx' Bestrebungen, etwa wenn in der zweiten Hälfte die Zerstrittenheit der Linken eine zentrale Rolle einnimmt oder die europaweite Ausbeutung der Arbeiter Anklänge an die Globalisierung laut werden lässt. Zu guter Letzt heißt der echte Trumpf August Diehl, dessen Marx für ein Biopic verhältnismäßig tief in die Theorie einsteigt und gleichzeitig kraftvoll, charismatisch, arrogant - sprich: lebendig - jeden Frame in Beschlag nimmt. Ein um Aufmerksamkeit bettelndes Ausrufezeichen hat dieses Biopic im Titel nicht nötig.

Hier geht's zum Berlinale-Kritikerspiegel von critic.de .

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