Dschungelcamp 2018 – Promis, die den Aufstand proben

Dschungelcamp 2018: Daniele Negroni auf Entzug
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Dschungelcamp 2018: Daniele Negroni auf Entzug
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Meint es gut mit den Menschen.

Der Dschungel sei auch nur eine Bühne, schrieb die Freundin von Tina York in einem an sie gerichteten Brief – "und du bestimmst das Bühnenprogramm". Seit jeher dürfen sich Teilnehmer von Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! nach etwa halber Spielzeit rührende Zeilen ihrer Angehörigen vorlesen. Normalerweise weht mit der obligatorischen Heimatpost ein leicht unangenehmer, auf falsche Art gefühliger Wind ums Lagerfeuer. Besonders in der tränenreichen 12. Staffel stand zu befürchten, dass sie lediglich Anlass für weitere nassfeuchte Einlassungen der Prominenten sein würde. Aber es kam ganz anders, das Ritual markierte einen der vielleicht hellsten Momente im Dschungelcamp 2018. Der offenbar als emotionale Wende, wenn nicht gar Höhepunkt, seines in der zweiten Staffelhälfte zunehmend verhaltenen Auftretens gedachte Heiratsantrag, den Matthias Mangiapane mit ebendieser Post erhielt und freudig bejahte, war spektakulär verpufft, als er innerhalb derselben Folge erstmals zu den vom Rauswurf durchs Zuschauer-Voting bedrohten Wackelkandidaten zählte. Tina York wusste vor lauter unfreiwilligen Aufenthaltsverlängerungen gar nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Und Natascha Ochsenknecht verließ das Dschungelcamp mindestens so überrascht wie einst Brigitte Nielsen.

Daniele ist schlimmer als eine schwangere Frau.

Die Bestimmung des Bühnenprogramms erwies sich in diesem Jahr als unerwartet knifflige Angelegenheit. Bei allem, was an der zurückliegenden Ausgabe der noch immer wunderbaren Show im Argen lag, schien zügig klar, dass die Staffel anders, nämlich von ihrer Destruktivität her betrachtet werden musste. Daniele Negroni, das zunächst unscheinbare und alsbald unter Dauerstrom stehende Dschungelküken, bestimmte den Verlauf der zweiten Woche mit präpotenter Affektergebenheit – auf die Streichung der Zigarettenration reagierte er wie ein kleiner Junge, dem Mutti sämtliche Süßigkeiten weggenommen hat ("das ist keine Bestrafung mehr, das ist Folter"). Geschürt wurden diese juvenilen, sich freilich mehr und mehr auch gegen Mitcamper richtenden Aggressionen (Tina York: "schützt mich bitte") noch durch Ansgar Brinkmann, der seinem Pflegling mittels subtiler Vatergesten versicherte, dass das Aufbegehren vollkommen nachvollziehbar sei. Jene dramatischen, Vernunft wie Logik außer Kraft setzenden Gewissheiten, mit denen Daniele Negroni die partielle Nikotinentwöhnung zum lebensgefährlichen Heroinentzug ummodelte ("du kannst eine Sucht nicht von null auf hundert stoppen"), bekräftigte Ansgar Brinkmann nur allzu gern: "Das ist Körperverletzung"!

Einen widersinnigen Eindruck hinterließen die Raucherquerelen schon deshalb, weil Daniele Negroni sich der spieltaktischen RTL-Manöver sehr bewusst war. Er wolle sich nicht vor "8 Millionen Leuten blamieren" (Ansgar Brinkmann erhöhte die schwächelnden Quoten der 12. Staffel sogar auf 10 Millionen), wolle den Machern der Show nicht auf den Leim gehen und ihre Bestrafungsaktionen mit Streitlust adeln. Das Format sei auf seine Prominenten angewiesen und nicht umgelehrt: Es aufmerksamkeitsökonomisch zu gestalten, hänge allein von den Teilnehmern ab – wenn sie nur noch herumlägen und nichts täten, habe RTL kein Sendematerial. Das war erstaunlich reflektiert. Und es ist schwer zu sagen, warum Daniele Negroni diesen Worten keinerlei Taten folgen ließ. Vielleicht fehlte es ihm an Durchhaltevermögen, vielleicht fürchtete er die Konsequenz solcher Weitsichtigkeit oder stolperte auch einfach über den Widerspruch seiner Selbstlüge ("Ich brauche den ganzen Scheiß hier nicht"). Jedenfalls tat er, was zu tun sich RTL von ihm erhoffte: Ausflippen, um Zigaretten winseln, Regelverstöße der anderen ins Visier nehmen. "Ich bitte die Produktion herzallerliebst, ob es da nicht irgendeine Möglichkeit gibt", hieß es verzweifelt im Dschungeltelefon. So servil kann Revolte sein.

Wenn ich keine Zigarette im Mund habe, habe ich eine Pizza im Kopf.

Rückendeckung erhielt der Wutzwerg andererseits auch nicht, mit Ausnahme eben von Ansgar Brinkmann. Der ehemalige Fußballprofi identifizierte das Team hinter der Show seinerseits als eigentlichen Spielgegner ("die Regie ist mein 40. Trainer"), den er – wenn es schon aussichtslos schien, ihn zu schlagen – nicht mit einem Sieg davon lassen kommen wollte. Klingt wahnsinnig albern, war es natürlich auch! Aber der freiwillige Ausstieg kam nichtsdestotrotz überraschend: Neben Giuliana Farfalla und Natascha Ochsenknecht verließ der dritte zunächst sicher geglaubte Finalkandidat vorzeitig das Dschungelcamp, um es Showaußenseitern wie Kattia Vides, David Friedrich oder der plötzlich aussichtsreichen Jenny Frankhauser zu überlassen. Ruhm wider Willen bescherten diese unerwarteten Dynamiken vor allem Tina York, der wahrscheinlich ersten Dschungelcamperin, die ganz Schnittmaterial blieb. Unbezahlbar der Cut auf ihren gemütlichen Schlaf, während Ansgar Brinkmann seine pathetisch-hanswurstige Ehrenkodexrede hielt, und grandios die Reaktion auf dessen Showabbruch ("fragt ihn doch noch mal, ob er nicht doch hier bleiben kann"). In der 8. Staffel sorgte der ungewollte Verbleib von Tanja Schumann für einen netten Gag. Bei Tina York aber geht es um echte Liebe.

Ich lasse mich niemals von Männern anschreien, aber Daniele wird ja auch erst noch zum Mann.

Im Dschungelcamp 2018 prallten somit Aufruhr und Naivität, sanfte Meutereigelüste und ein bedingungsloser Glaube an das Gute aufeinander. "Mir wäre es am liebsten, ihr löscht dieses Band oder schneidet es um", bat Tina York die Verantwortlichen des Senders in der Hoffnung, den Auszug von Ansgar Brinkmann damit ungeschehen zu machen. RTL fand an solchen und ähnlichen Momenten merklich Gefallen, dankbar griffen die Autoren und das Moderationsduo abermals detaillierte Gespräche über Gagen und Verträge auf. Das Dschungelcamp ist und bleibt eine Show, die das Austesten eigener Formatgrenzen nicht nur zulässt, sondern geradewegs forciert. Lange schon war sie selbst, waren ihre Erzähl- und Inszenierungsstrategien nicht mehr so dezidiert Thema wie in diesem Jahr. Für eine Subversion in der Art, wie es auf dem Grimme-Preis-nominierten Höhepunkt des Dschungelcamps zu erleben war, reichte das zwar nicht aus – dafür scheinen die Funktionsprinzipien zu sehr verinnerlicht, sind die einstmaligen Untertöne gewissermaßen reiner Text geworden. Doch eine spannende Ergänzung zur 5. Staffel war die 12. Ausgabe allemal. Nicht immer braucht es dazu Teilnehmer am Rande des Wahnsinns. Manchmal genügen bereits Promis, die den Aufstand lediglich proben.

Dschungelarchiv:

2018: Der Mythos vom Fake // Dschungelcamp 2018 - Das versprechen die Kandidaten // Langsam lodern die Flammen
2017:
Dschungelcamp 2017 - Was die Kandidaten versprechen // Hanka und Kader, sonst nichts // Das Publikum hat keine Ahnung
2016:
Das erwartet uns in Staffel 10 // Don't fuck with Helena Fürst! // Alles, nur nicht Thorsten Legat
2015:
Was uns in Staffel 9 erwartet // (K)ein Herz für Walter Freiwald // Das leidige Ende vom Lied // IBES-Spezial Sommer-Dschungelcamp
2014:
Der Kandidatencheck // Larissa, die Dschungelkönigin // Das war das Dschungelcamp 2014
2013:
Das Dschungelcamp – Eine kulturelle Sensation // Dschungelcamp 2013 - Das Resümee

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