Gewöhnliche Helden

Einfaches Leben - Über Cyborg-Cops, Essen & Ann Hui

25.04.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Sammo Hung, Andy Lau und Tsui Hark in Tao Jie
© Fugu Filmverleih
Sammo Hung, Andy Lau und Tsui Hark in Tao Jie
Drei Jahre hat es seit der Premiere gedauert, aber nun läuft mit Tao Jie – Ein einfaches Leben endlich wieder ein Film von Ann Hui in den deutschen Kinos. Das zarte Drama über einen Produzenten und das Hausmädchen, das ihn großzog, zeigt die Hongkonger Regisseurin von ihrer besten Seite.

Andy Lau ist ein Megastar: Darsteller in 150 Filmen, Box Office-Zugpferd in Hongkong und China, himmlischer König der Cantopop-Szene und natürlich ein absolut glaubwürdiger Polizist aus der Zukunft. Wenn es einen Lexikoneintrag von supergeil gäbe, dann fände sich daneben ein Bild von Andy Lau. Gelegentlich ist er auch ein passabler Schauspieler. Manch glücklicher Stadtbewohner kann sich davon seit gestern in den deutschen Kinos überzeugen. In Tao Jie – Ein einfaches Leben spielt Andy Lau zwar keinen Cyborg-Cop. Sein introvertierter Filmproduzent, der sich um sein in die Jahre gekommenes Hausmädchen kümmert, gehört trotzdem zu Laus besten Rollen. Zu verdanken haben wir die Karrierebestleistung einer Frau, die so gar nicht zum Infernal Affairs – Die achte Hölle -Star passen will. Ann Hui verkörpert ein anderes Kino aus Hongkong: ohne Future Cops und mit einer starken Verankerung in der sozialen Realität der Metropole.

Flucht aus Vietnam
So unterschiedlich ihre Karrieren verlaufen, so eng sind sie doch miteinander verzahnt. Als Ann Hui Anfang der 1980er einen Nebendarsteller für ihren wohl bekanntesten Film Boat People suchte, fragte sie Yun-Fat Chow, mit dem sie schon in The Story of Woo Viet gearbeitet hatte. Da Boat People in Festlandchina gedreht wurde, lehnte Chow Yun-fat ab. Er fürchtete, deswegen in Taiwan auf eine schwarze Liste zu kommen. Stattdessen wurde ein junger Mann eingeflogen, ganz ohne Vorsprechen: Andy Lau, TV-Darsteller. Boat People machte ihn zum Filmstar.

Für Anne Hui bildete Boat People (1982) den Abschluss und Höhepunkt einer Trilogie, die das Schicksal der Vietnamesen nach dem Vietnamkrieg verfolgte. Den ersten Teil drehte Hui, als sie noch beim Fernsehen arbeitete. Wie viele Regisseure der sogenannten Neuen Welle des Hongkong-Kinos wurde die Tochter eines Chinesen und einer Japanerin im englischsprachigen Ausland ausgebildet. Erste Erfahrungen im Hongkonger Filmgeschäft sammelte sie als Assistentin des legendären Regisseurs King Hu (Ein Hauch von Zen). Doch das Fernsehen bot einem Neuling wie ihr zunächst bedeutend mehr Freiheit als das Studiosystem der damaligen Kronkolonie. Hui erprobte sich bei der Regie von Serien und Dokumentationen, die sie in kürzester Zeit und mit einem geringen Budget umsetzen musste. Wurden viele Kinofilme damals noch in Mandarin gedreht, befassten sich die TV-Produktionen mit dem Hongkonger Leben und das naturgemäß auf Kantonesisch. So gelang einigen TV-Regisseuren der Sprung ins Kino und ihr Dialekt und ihren Themen gleich mit.

Eine neue Welle
Wie die New Wave-Kollegen Hark Tsui (Peking Opera Blues) und Patrick Tam (Das tödliche Schwert) startete Ann Hui mit ambitionierten Genrefilmen ins Kino. Der Thriller The Secret aus dem Jahr 1979 befasst sich mit einem Doppelmord, während The Spooky Bunch Geisterfilm und Satire mixt. An ihre TV-Arbeiten schloss Hui erst durch The Story of Woo Viet und Boat People an. In letzterem reist ein japanischer Fotojournalist nach Vietnam und muss erkennen, dass die Propagandamaschinerie der kommunistischen Führung grausame Verbrechen zu vertuschen sucht. Dabei trifft der Fotograf auf einen von Andy Lau gespielten, tragischen James Dean-Verschnitt, der alles versucht, um aus dem Land zu entkommen und dafür in einem Arbeitslager landet. Obwohl sich der durchaus bildgewaltige Film, der keine Härten scheut, in einem anderen Land abspielt, ist es auch ein Film über Hongkong. Zum einen, weil er das Schicksal der real existierenden Boat People zu seiner Wurzel verfolgt. Diese Flüchtlinge landeten Ende der 1970er Jahre im Hafen der Kolonie und hofften auf Aufnahme. Zum anderen weil der Bogen von der schonungslosen Darstellung der kommunistischen Repression zu den Ängste der Hongkonger vor der damals diskutierten Rückkehr zur Volksrepublik leicht zu spannen ist.

Der kommerziell erfolgreiche Boat People wurde zu einem Schlüsselfilm der New Wave, welche der Stadt, ihren Menschen und ihrem Dialekt eine prominente Rolle zugestand. Für Ann Hui begann ein jahrzehntelanger Kampf in einer Filmindustrie, die den Hong Kong Dollar mehr als alles andere verehrt. In Interviews spricht sie offen über ihre Überlebensstrategie: Kleine Dramen mit großen Stars besetzen, damit die Investoren angelockt werden, dazwischen kommerzielle Projekte, um Erfolge vorweisen zu können. Heraus kommen dann etwa ein Shaw. Bros.-Film wie Love in a Fallen City (1984) nach einem Roman von Eileen Chang, das autobiographisch geprägte Drama Song of the Exile (1990) mit Maggie Cheung oder der dokumentarisch angehauchte Krimi Zodiac Killers (1991) mit Andy Lau.

Ein Lied aus dem Exil
Obwohl sich Hui über die Jahre stilistisch wie thematisch flexibel gezeigt hat, lässt sich anhand von Song of the Exile die besondere Kraft ihrer Filme beschreiben. In dem Melodram lernt eine chinesische Tochter ihre japanische Mutter neu kennen, als sie gemeinsam nach Japan reisen. Hui arbeitet zunächst mit einfachen Kontrasten, um die Entfremdung der beiden darzustellen. Sie stellt Kindheitserinnerungen, in denen die Tochter ihre verhätschelnden chinesischen Großeltern vorzog, neben Szenen aus der Gegenwart. Doch nach und nach entfaltet sich der Film in all seiner Komplexität, wird ebenso Mutter-Tochter-Melodram wie Auseinandersetzung mit den sino-japanischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. In Song of the Exile muss die Sprache erst überwunden werden, bevor die Figuren zueinander finden. Gleichbedeutend mit einem Happy End ist das nicht. In der Beiläufigkeit wachsen Ann Huis Filme über sich hinaus. Dabei spart sie auch nach dem kontroversen Boat People nicht mit politisch brisanten Filmen. In Ordinary Heroes erzählt sie die Geschichte der Boat People von der anderen Seite und das bar jeder Idealisierung: Die gewöhnlichen Helden sind linke Aktivisten in Hongkong, die sich für ein Aufenthaltsrecht der Flüchtlinge einsetzen und sich dem Laissez-faire-Kapitalismus ihrer Stadt entgegenstellen.

Gemächlich, ganz dem Tempo ihrer Heldin angemessen, nähert sich Ann Hui in Tao Jie – Ein einfaches Leben auch der amah (n/a), die sich seit dessen Kindheit um Filmproduzent Roger (Andy Lau) kümmert, bis sich das Verhältnis mit einem Schlaganfall umkehrt. Ein durch und durch Hongkonger Film ist Tao Jie, was wir an den vielen Gastauftritten von Stars merken, aber auch an der monumentalen Bedeutung, die dem Essen als familiärem Ritual zukommt. Dabei vermeidet Ann Hui wie in ihren anderen Filmen die gezielte Reizung unserer Tränendrüsen. Denn das kann sie ganz ausgezeichnet: Einen Film mit allen Zutaten eines melodramatischen Heulers angehen und trotzdem ein zartes Drama auf die Leinwand bannen, das seinen Figuren und uns Luft zum Atmen, zum Entfalten lässt. Davon profitiert auch ein Andy Lau.


Ann Hui im Interview über ihre Karriere: PDF

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