Fallout ist viel zu nett: Staffel 2 muss bösartiger werden, sonst ist die Amazon-Serie zum Scheitern verurteilt

20.04.2024 - 14:00 UhrVor 28 Tagen aktualisiert
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Amazons Fallout-Serie ist ein Sci-Fi-Meisterwerk. Aber an vielen Stellen sind mir die Figuren zu brav. Die Serie muss sich ein Beispiel an Game of Thrones und Breaking Bad nehmen.

Es gibt nichts Aufwühlenderes, als einen Helden Böses tun zu sehen. Oder Mitleid mit einer fiesen Figur zu haben. Das beweisen zumindest Serien wie Breaking Bad oder Game of Thrones. Selbsthass macht Walter White so skrupellos, Trauma Cersei Lannister so grausam. Das muss Fallout in Staffel 2 auch schaffen.

Das ist kein Angriff auf die 1. Staffel der Amazon-Serie. Ich liebe sie. Ich halte sie für ein echtes Sci-Fi-Meisterwerk und das Beste, was es neben The Last of Us an Videospiela-Adaptionen gibt. Aber die Geschichte um Bunkerbewohnerin Lucy (Ella Purnell), Krieger Maximus (Aaron Moten) und den Kopfgeldjäger-Ghul (Walton Goggins) ist mir manchmal zu brav. Was meine ich damit?

Warum ist Amazons Fallout-Serie zu nett?

Fallout folgt Lucy, die außerhalb des Bunkers ihren Vater sucht. Dazu gesellt sich Maximus, der mit der Stählernen Bruderschaft auf Mission geht, und der Ghul, der einen entflohenen Wissenschaftler einfangen will. In einer Nebenhandlung deckt Lucys Bruder Norm (Moises Arias) eine Verschwörung auf. Wir erfahren außerdem die Vorgeschichte des Ghuls als Western-Star Cooper Howard. Das ist eine Menge Plot, aber so richtig weh tut es eigentlich nie.

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Fallout – Trailer (Deutsch) HD
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Ich will, dass eine Figur ein moralisches Dilemma erlebt. Ein Protagonist, der grausam handeln muss, um Gutes zu erreichen. Oder eine Figur ihren dunklen Trieben am Ende nachgibt und für alle Zeiten zu den Fieslingen zählt. Fallout deutet solche Momente oft an, ohne deren Versprechen einzulösen.

Zum Beispiel stehen sich Lucy und Maximus eigentlich als Feinde gegenüber. Beide suchen für verschiedene Parteien nach derselben Sache. Wäre es nicht spannend gewesen, sie mal als Kameraden, mal als erbitterte Gegenspieler zu sehen, die füreinander sorgen und sich im nächsten Moment verraten? Dieses Potenzial wird im Dialog einfach verspielt, weil Lucy das gemeinsame Ziel errät und naiv anbietet, gemeinsam nach dem Objekt der Begierde zu suchen.

Und was ist mit Norm, der überlegt, die im Bunker gefangenen Plünderer umzubringen? Suggestiv schwebt die Kamera über dem Frühstück, dass er den Insassen jeden Tag bringt. Aber er vergiftet es nicht. Wäre seine Figur nicht noch spannender, wenn sie doch für einen Moment schwach wird und sich für das Massaker an seinen Freunden rächt? Eine Rasierklinge ins Dessert schmuggelt? Und sich danach unter Tränen schämt?

Ella Purnell als Lucy

Ganz zu schweigen von Moldaver (Sarita Choudhury), die uns Fallout lange Zeit als große Bösewichtin verkauft. Als Lucy sie im Finale schließlich konfrontiert, hat sich die grausame Banditin zur idealistischen Freiheitskämpferin gewandelt. Geht denn nicht beides? Was ist überhaupt das Problem?

Fallout verspielt Potenzial, aber die Gründe sind nachvollziehbar

Das Problem ist, dass die Amazon-Serie manchmal die Komplexität der Figuren der Story unterordnet. Die Handlungsstränge müssen vereinfacht werden? Dann machen Lucy und Maximus jetzt gemeinsame Sache. Im Finale sollen Gut und Böse auf den Kopf gestellt werden? Dann wird Moldaver eben zum Che Guevara des Ödlandes, Bunker-Massaker hin oder her.

Und was ist mit Lucys Vater Hank (Kyle MacLachlan)? Er windet sich zwischen der Liebe zu seiner Tochter und den Verpflichtungen gegenüber Vault-Tec, aber am Ende flieht er einfach. Hätte er womöglich versucht, Lucy zu töten, ich hätte meine Finger beim Schauen in den Sessel gekrallt. Eine solche Wendung hätte mich wirklich gepackt.

Walton Goggins als der Ghul

Was auf den ersten Blick nach Anschuldigungen klingt, sind am Ende Beobachtungen verschmerzbarer Makel. Denn die Gründe der Amazon-Serie für solche Entscheidungen sind nachvollziehbar. Es handelt sich um eine erste Staffel. Allein der Aufbau der Welt braucht viel Zeit. Die Moral des Fallout-Universums muss zuerst in groben Zügen erklärt werden. Und der skurrile Humor der Spielevorlage macht es nicht einfacher: Je mehr man die Fans zum Lachen bringen will, desto schwieriger wird es mit der moralischen Ambivalenz. Dieses Problem hatten Game of Thrones oder Breaking Bad nie.

Fallout bei Amazon: Staffel 2 der Sci-Fi-Serie muss anders werden

Zu Beginn von Fallout Staffel 2 sehen die Dinge aber anders aus. Die Welt ist politisch abgesteckt, die Figuren etabliert, der Humor hat ein Maß erreicht, das einen selbst über die absurde Grausamkeit der Atom-Dystopie lachen lässt.

Wenn Fallout also nicht langweilig werden soll, müssen die Produzenten ab Staffel 2 ihre Helden bösartiger machen. Lucy muss in den Morast hinabsteigen, Leichen den Kopf abzusäbeln war nur der Anfang. Wie denkt sie beispielsweise über Kannibalismus, wenn die Optionen knapp werden?

Am Ende von Staffel 2 stehen sie und Maximus wieder auf unterschiedlichen Seiten. Wider Willen ist Motens Figur der Held der Stählernen Bruderschaft geworden. Verbittert von Lucys Abgang könnte er mit harter Hand über das Ödland herrschen und brutale Jagd auf sie machen, an deren Ende der Tod wartet – oder ein Kuss.

Aaron Moten als Maximus

Und was ist mit Walton Goggins' genial gespieltem Ghul-Kopfgeldjäger/Ex-John Wayne? Als einzige Hauptfigur ist er wirklich bösartig. So bösartig, dass von Ambivalenz eigentlich keine Rede sein kann, niedlicher Hund hin oder her. Die Rückblenden in seine Hollywood-Zeit sind auch Rückblenden zu einer anderen Figur.

Dementsprechend könnte uns der Ghul in der atomaren Gegenwart mehr ans Herz wachsen. Oder Schwäche zeigen. Vielleicht trifft er seine Frau oder Tochter wieder, aber statt Liebe haben sie nur glühende Verachtung für ihn übrig.

Von Fallout sollen Fans noch in Jahrzehnten sprechen

Warum ist es so wichtig, dass die Fallout-Helen ambivalenter werden? Kann die Fallout-Serie nicht einfach so bleiben, wie sie ist? Grundsätzlich könnte ich allein eine weitere Staffel damit zubringen, mich an Humor und Ausstattung der Amazon-Serie sattzusehen. Aber Serien brauchen Veränderung.

Nichts packt so sehr, wie die Wendungen, die eine Figur im Spießrutenlauf der Story durchmacht. Und nichts bindet mich so sehr an Serien, die mir die Zuneigung zu Figuren jederzeit entreißen können. Oder sogar die Figuren selbst. Game of Thrones und Breaking Bad sind schon lange vorbei. Aber von Janes Tod und der Roten Hochzeit werden Fans noch in Jahrzehnten sprechen. Und hoffentlich von Fallout, dem Meisterwerk mit 1000 Staffeln.

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