Game of Thrones: Der beste Charakter ist zur Witzfigur verkommen

Game of Thrones: Tyrion beim Lesen der Dialoge
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Game of Thrones: Tyrion beim Lesen der Dialoge
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Die Geschichte von Tyrion Lannister war auserzählt, als er den zweiten Pfeil im Körper seines Vaters Tywin versenkte. Das geschah im Finale der 4. Staffel von Game of Thrones vor rund fünf Jahren. Seitdem boten die Autoren Peter Dinklage im Prinzip keine Plot-Herausforderung mehr, und das, obwohl Tyrion einst der Fan-Liebling der Fantasyserie war.

Staffel 8 von Game of Thrones zeigt wie keine zuvor, welch rapiden Niedergang Tyrion als Hand der Königin Daenerys erlebte. In vielen Szenen der ersten beiden Folgen wirkt es so, als hätte die Serie Tyrion Lannister hinter sich gelassen - obwohl noch Potenzial in ihm steckt.

Drei wichtige Punkte zu Tyrion in Staffel 8

  • Seit mehreren Staffeln wirkt Tyrion überflüssig.
  • In Staffel 8 wird auf ihm herumgetrampelt wie nie.
  • Tyrion muss ein Comeback schaffen - oder sterben

Tyrion ist in Game of Thrones Staffel 8 überflüssig

Gegen Ende der 2. Folge der 8. Staffel wanderten meine Gedanken zur Frage, wen ich nach der Schlacht von Winterfell wirklich in Game of Thrones vermissen würde. Briennes Lächeln schien auf und Jaimes verfilzte Haarpracht, Sansas berechnender Blick und Davos' traurige Augen. Dann stolperten meine Gedanken über Tyrion Lannister und antworteten mit einem imaginären Schulterzucken.

Tyrion ist in Game of Thrones überflüssig geworden und die bisherigen Folgen der 8. Staffel haben uns diesen Fakt reingewürgt. Der erste Dialog in Winterfell gehört Tyrions abgeschmackten Eunuchen-Witzen, welche die Autoren ihm schlafwandelnd auf die Zunge legen.

Ganz nach dem Motto: "Dinklage wird es schon reißen. Weitere Anstrengungen: überflüssig."

Tyrions Wiedersehen mit Sansa Stark (Sophie Turner) in Folge 1 und Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) in Ein Ritter der sieben Königslande erinnern primär an eines: was für spannende Handlungsstränge Tyrion einmal hatte und welche narrative Dürre seit seiner Auswanderung nach Meereen herrscht.

Die Stark-Tochter demontiert Tyrion per Dialog, was ihr Daenerys später nachmacht. Der Königsmörder wiederum verliert das Interesse am Geschwafel seines Bruders. Vor dem Kaminfeuer fungiert Tyrion dann als Stichwortgeber für das interessantere Trio um Brienne, Jaime und Tormund. Streicht man ihn aus der Szene, würde sie ebenso gut funktionieren.

In zwei Instanzen in Ein Ritter der sieben Königslande beweist Tyrion seinen nur noch mickrigen Wert für die Serie. Als er nämlich Jaime an seine Komplizenschaft mit den Schreckenstaten Cerseis erinnert und als er Bran die wichtigste aller Fragen stellt: Wo zur Hölle kommst du eigentlich her?

Tyrion funktioniert am besten als Underdog von Game of Thrones

Tyrion war stets ein Garant für amüsante Dialogzeilen, doch vor Urzeiten war er mehr. Er perfektionierte die Figur des Außenseiters, die durch das Chaos die Leiter hinaufsteigen konnte. Dank ihm erhielten wir eine kurze Vision einer gerechteren Herrschaft über Königsmund und mit ihm durchlitten wir die Mühlen des Unrechts im Mordprozess.

Tyrion stand im Mittelpunkt der spannendsten Familiendynamik in Westeros (sorry, Starks) und führte eine der komplexeren Beziehungen, die wir in Game of Thrones sehen konnten.

Mit der Ermordung Shaes und Tywins im Finale von Staffel 4 verloren diese Aspekte nicht automatisch an Wertigkeit. Mit Cersei und Jaime blieb der Serie ein spannendes Geschwister-Dreieck erhalten und die Morde hätten Tyrions Charakter prägen können.

Stattdessen wurde der Lannister-Spross über Umwege zum Berater einer Königin befördert, für deren Regentschaft sich die Autoren nur marginal interessieren. Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) kam nach Meereen, um es zu verlassen. Damit hatte sich dessen Funktion erschöpft.

Das Paradox lautet folgendermaßen: In Staffel 2 haben wir Tyrion auf einem Höhenflug gesehen, unter Daenerys nimmt er diesen wieder auf - und verkommt zum Ballast. Nicht notwendigerweise, weil er Fehler macht. Das gehört noch zu den spannenden Aspekten seiner Figur ab Staffel 5 von Game of Thrones.

Stattdessen fehlt Tyrion die überwältigende Gegenmacht, in deren Angesicht er sich beweisen muss, egal ob es nun Tywin und Cersei oder die Flotte von Stannis Baratheon ist. Wenn Tyrion sich nicht als Underdog im Raum positionieren kann, haben die Autoren keine Ahnung, was sie mit ihm anstellen sollen.

Tyrion muss in Staffel 8 das Comeback schaffen - oder sterben

Insofern macht es stutzig, wie die Autoren mit Tyrion in der 2. Folge von Staffel 8 umgehen. Es scheint, als hätten sie ihn mit dem unglaubwürdigen Cersei-Subplot in eine Ecke gedrängt, aus der er sich herauskämpfen muss.

Dass ausgerechnet Tyrion seine Schwester nicht durchschaut, kaufen wir ihn allenfalls wegen Peter Dinklages aufrichtig dargestelltem Mitgefühl in der letzten Staffel ab. Nennen wir es Heimweh, die seinen Blick vernebelt.

Folgende Momente in GoT Staffel 8 wirken zudem verdächtig:

  • Die halbe Bevölkerung von Winterfell darf auf seiner Dummheit herumtrampeln.
  • Jorah legt mehr oder weniger aus dem Nichts ein gutes Wort bei Daenerys für ihn ein.
  • Daenerys hört auf ihren ältesten Berater und befiehlt Tyrion den Aufenthalt in der Krypte.
  • Tyrion bittet den Dreiäugigen Raben (Isaac Hempstead-Wright) zum Gespräch, bei dem zügig an weniger interessante Orte geschnitten wird.
  • Tyrion zeigt sich danach erstaunlich optimistisch über den Ausgang der Schlacht.

Dann wäre da noch Tyrions Todes-Omen dank seiner Bemerkung, wenigstens werde er nicht von Cersei ermordet. Alldieweil wissen wir, dass Bronn (Jerome Flynn) sich mit ebenjenem Auftrag auf dem Weg in den Norden befindet.

Alle Anzeichen lassen auf ein wenig elegantes Comeback des Tyrion Lannister in der Serie hoffen, was eine Ermordung durch Bronn nicht ausschließt.

Im Gegenteil, es würde einen poetischen Bogen zur 1. Staffel ziehen, gerade weil Tyrions Vertrauen ihn schon in manche Bredouille geritten hat. Es wäre ein rundes Ende für eine Figur, die von den Autoren über zwei Staffeln wie das behandelt wurde, was sie nie sein wollte: ein Außenseiter, mit dem niemand etwas anfangen kann.

Was glaubt ihr: Wird Tyrion in Staffel 8 von Game of Thrones ein Comeback schaffen?

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