Game of Thrones-Spoiler und wie wir damit umgehen (können)

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Nicht totzukriegen: Tyrion Lannister in Game of Thrones
30.04.2016 - 09:05 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Auf den Tod kann sich niemand vorbereiten. In der Serie Game of Thrones ereilt er die Figuren meist urplötzlich und bringt die Fans so um den Verstand. Aber wenn man dieses Schock-Effekts verlustig geht, was bleibt dann noch von einer Serie, die vor allem dafür bekannt ist, dass viel und auf abstoßende Weise in ihr gestorben wird? Das fragte sich der hoffnungslos gespoilerte Autor.

Vorsicht, es folgen Spoiler zu den Game of Thrones-Staffeln 1 bis 4 und ein bisschen 5! Erfunden wurde das Reaction-Video  für ein Fossil der Internet-Kultur: Der 2 Girls 1 Cup-Clip, hier nicht verlinkt. Ich habe es nie gesehen, es muss aber unappetitlich, verstörend, erschreckend genug sein, dass es sich lohnt, die menschlichen Spiegelungen auf das einzufangen, was den sich in ihrem Ekel (und Selbsthass?) windenden Leuten da gerade gezeigt wird. Solche Videos gibt es auch zu Game of Thrones: Sie zeigen Menschen, denen der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht. Noch schöner als die Reaktionen der Zuschauer ist Ellaria Sands (Indira Varma) munchesker Entsetzensschrei, der ihrem geliebten Prinz Oberyn (Pedro Pascal) gilt. Dessen Tod war einer tragischsten, fürchterlichsten, abstoßendsten in der Serie Game of Thrones, die gerade in ihrer 6. Staffel angelaufen ist. Prinz Oberyns Ableben ist überdies ein vielfach gespoilerter Tod, was ihm hoffentlich jetzt nicht ein weiteres Mal widerfahren ist, denn da oben ist ja eine Spoiler-Warnung, fett gedruckt, mit Ausrufezeichen! Habt ihr sie gelesen?


Derlei Markerschütterndes blieb mir in meinem Aufhol-Marathon der letzten 5 Game of Thrones-Staffeln zumeist erspart. Aber da ich, du, wir uns noch lieber als am Leid fiktionaler Personen an unserer eigenen Erschütterung weiden, deshalb ja Achterbahn fahren, Horrorfilme und bei ProSieben Völkerball schauen, gerät Game of Thrones oftmals zu einer ziemlich masochistischen Angelegenheit. Den Schock, den wollen wir uns nicht nehmen, den Orgasmus der Dramatik nicht abspenstig machen lassen. Nur deshalb warnen wir vor Spoilern und lassen uns vor Spoilern warnen.

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Doch wenn man, wie ich, so spät erst auf den GoT-Trichter kommt, wird man auf derart qualvolle Verluste in der Regel verlässlich vorbereitet. Die Potenzierung des Schreckens durch die Plötzlichkeit, die schiere Bestürzung bleibt so aus. Ja, Hannover 96 ist abgestiegen, aber wer sich am letzten Wochenende davon noch verblüffen ließ, der zuckt auch zusammen, wenn er erfährt, dass Darth Vader Lukes Vater ist.

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Die Wahrung von Seriengeheimnissen ist bis zu einem gewissen Zeitpunkt deshalb neue Internet-, also Weltbürgerpflicht. Zumindest hätten es viele gern so. Wann dürfen wir (Spoiler) in der Öffentlichkeit ohne vorgehaltene Hand oder raffiniert verschlüsselt über den Tod von Han Solo oder eben Jon Snow weinen? Wann ist die Preisgabe einer fiktionalen Information gesellschaftlich legitimiert? Die Twists aus den ersten 4 Staffeln GoT haben ihre Top Secret-Halbwertzeit längst überschritten. Mittlerweile, drei, vier, sechs Jahre nach den Erstausstrahlungen, muss man mit unerwünscht dargereichtem Insiderwissen halt leben. Selbst schuld, wer zu lange wartet.

Aber weil Geheimnisverrat bei Game of Thrones anscheinend besonders schwerwiegende Intensitätseinbußen nach sich zieht, wird der Game of Thrones-Spoiler zu einem eigenen Popkultur-Phänomen. Er wird zur Maßregelung unter Freunden. Ein Machtbeweis, durch denjenigen, der, zumindest auf diesem Gebiet, der Allwissende ist, die Bücher gelesen und alle Staffeln gesehen hat, mehrmals. Denn Wissen ist Macht, das wissen vor allem Lehrer. Da gibt es belgische Mathelehrer, die ihre Schüler disziplinieren, indem sie ihnen mit GoT-Spoilern drohen anstatt mit Nachsitzen.

#jonsnowdies und jenes

Jetzt, ziemlich pünktlich wieder zur neuen GoT-Staffel, ist die Spoiler-Diskussion in vollem Gange und längst ist sie zu einer (film-)ästhetischen geworden. Vor einem Jahr bereits trieb Jan Böhmermann seinen Spoiler-Schabernack  mit der geradezu pathologischen Angst serienaffiner Millennials vor zu viel Serien-Information. Das Internet ist ein verdammtes Spoiler-Minenfeld. Artikel wie diesen oder jenen  muss man natürlich nicht lesen. Dass Jon Snow (Kit Harington) in der 5. Staffel, irgendwie zumindest, stirbt, erfährt man trotz geschulter Wachsamkeit an jeder Ecke. Jedenfalls verschwindet er von der Bildfläche, kehrt womöglich in veränderter Form wieder. Außerdem scheint Arya Stark (Maisie Williams) zu erblinden, wie mir ungefragt auf einer Witzeseite  unterbreitet wurde.

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Aber das Vergnügen an Game of Thrones muss man sich deshalb ja nicht nehmen lassen. Denn dem Ruf der Serie tut diese popkulturelle Fixierung auf den Figurentod überhaupt nicht gut. Die Charakter-Exekutionen erscheinen so von Außen stets selbstzweckhaft, als reines, von der eigentlichen Handlung losgelöstes Event. Dabei ist in der Serie jeder Tod eine Konsequenz, der selbige nach sich zieht. Die Fixierung auf den Tod führt zu einer dramatischen Isolierung. Und erst so erscheint ein Tod dann profan oder gar willkürlich. Sean Beans Casting als Ned Stark wurde am Ende der 1. Staffel zwar zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung, die Scheiße, die seine Enthauptung anschließend für die gesamte Stark-Sippe ins Rollen brachte, war jedoch kaum absehbar.

Der Tod als Event

Wie tritt man an diese Serie also heran, über die so viel verraten wurde? Mir blieb die Frage nach dem Wie und Warum. Von dem Wie bietet GoT viel. Enthaupten ist beliebt. Kehle aufschlitzen der Renner, etwas zu gutgemeinte Augenmassagen eher die Ausnahme, visuell dabei jedoch umso effektvoller. Noch mehr geht es bei Game of Thrones jedoch um das Warum und den Rattenschwanz aus Verschiebungen in der Figurenkonstellationstektonik, die so ein simpler Figurentod nach sich zieht. In der dramatischen Fruchtbarmachung von Charaktertoden ist Game of Thrones so einmalig wie in der unmittelbaren Inszenierung. Game of Thrones ist viel zu gut, um sich spoilern, also verderben zu lassen, was dieses mittlerweile gnadenlos eingedeutschte, sogar von Nachmittagsshows im Radio inflationär verwendete Wort akkurat übersetzt eigentlich sagen will.


Wie es ist, zu wissen, dass etwas Entsetzliches passieren wird, erfuhr Catelyn Stark (Michelle Fairley) in der legendären Episode Der Regen von Castamaer, besser bekannt als The Red Wedding, dieses an Grausamkeit nicht zu überbietende Massaker, dem jedoch einige tolle Slow Burn-Momente vorangingen, an die sich manche Red Wedding-Traumatisierte wahrscheinlich gar nicht mehr erinnern. Catelyn Stark, die ihren königlichen Sohn erst dazu überredete, die Gemächer des beschämten Walder Frey aufzusuchen, wittert die ersten Zeichen des undenkbaren und gleichsam unausweichlichen Grauens. Sie liest die Morsezeichen der verheerenden Intrige: dort ein unter feierlichem Gewand hervorblitzendes Kettenhemd, hier die ein verräterisches Moll anstimmende Musik. So wie sie habe ich die ersten 5Game of Thrones Staffel gesehen und großen Spaß dabei gehabt, auch als hoffnungslos Gespoilerter.

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