Goldener Bär für Synonyme: Dieser Berlinale-Gewinner will uns wütend machen

Der Gewinner des Goldenen Bären: Synonyme
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Ein junger Mann marschiert über den Pariser Asphalt, die Augen starr auf den mit Zigarretenstummeln und Kaugummis übersäten Boden gerichtet. Aus seinem Mund zischt eine Schlange von Adjektiven. Vor seinem geistigen Auge rast der Blick durch die Spalten eines französischen Wörterbuchs. Der junge Mann ist Israeli, war Israeli, wenn es nach ihm ginge. Seiner Muttersprache verweigert er sich, seinem Land, seiner Identität ebenfalls. Er ist jetzt Franzose. Er muss es jetzt sein. Der Film heißt Synonyme und wurde gestern mit dem Goldenen Bären der Berlinale 2019 ausgezeichnet.

Den besten Film im Wettbewerb hat Regisseur Nadav Lapid zwar nicht gedreht, doch angesichts der enttäuschenden Auswahl hätte die Jury um Juliette Binoche es wesentlich schlechter treffen können. Der Schatten des Festivaldirektors Dieter Kosslick, der nach diesen 69. Internationalen Filmfestspielen von Berlin abtritt, überlagerte die Diskussion der Filme im Wettbewerb.

  • Der Bären-Gewinner Synonyme will den Zuschauer dazu bringen, sich an ihm zu reiben, er drängt sich auf - und stößt dadurch auch ab.
  • Die Ära Kosslick schließt mit einem Wettbewerb, der die Stärken und Schwächen der Berlinale aufzeigt.
  • Berlinale 2019 - Alle Artikel zum Festival auf einen Blick

Berlinale 2019: Zwischen Sozialkritik und Oktopus-Sex

"There was more fellatio", hieß es neulich neben mir in der Presselounge. Mit einer dieser Pointen, auf die man nur dank einer Berlinale-Synopsis stößt, wurde ergänzt: "and three castrations". Ein Kollege, der den beschriebenen Film nicht ganz gesehen hatte, fragte nur: "Again?" An oraler Befriedigung und Kastrationen mangelte es dieses Jahr im Wettbewerb etwas, doch in anderer Hinsicht bestätigten sich in den 16 Filmen der Konkurrenz Berlinale-Klischees, die man auch Wahrheiten nennen könnte.

Die Suche nach Authentizität und Sozialkritik dürfte Filmen wie den generischen Teenie-Mafioso-Streifen Piranhas, das amüsante Ayran-Making-of A Tale of Three Sisters oder die leidlich skurrile Schlaftablette Öndög in den Wettbewerb verholfen haben. Einige der Wettbewerbsbeiträge wurden von Dieter Kosslicks Lieblingen aus seiner Amtszeit gedreht, etwa besagter Öndög von Bären-Besitzer Wang Quan'an (Tuyas Hochzeit).

15 Jahre nach dem Goldenen Bären für Gegen die Wand stellte Faith Akin den Serienkillerfilm Der goldene Handschuh vor, der den Wettbewerb mit etwas Pfeffer (und Blut und Gehirnmasse) garnierte. Akins Romanadaption zeigt von "der Zeit" nur einen kleinen Ausschnitt und hat doch viel über ihre gebrochenen Biografien zu erzählen.

Demgegenüber kann Berlinale-Stammgast Hans Petter Moland (2004 ebenfalls dabei mit Beautiful Country) in Out Stealing Horses von verschachtelten Flashbacks in den Zweiten Weltkrieg, von schuldgetränkten Monologen und geschmackvoll arrangierten Schicksalsschlägen den filmischen Hals nicht voll kriegen, bis die ganze "Zeit", die da gezeigt wird, das Wesentliche verschüttet.

Der Durchhänger Elisa & Marcela von Isabel Coixet bereicherte den Wettbewerb durch die Kontroverse, die das Netflix-Logo im Vorspann erzeugte (und durch eine viel zu kleine Prise Oktopus-Sex). Andere Filme konnten nicht einmal das von sich behaupten. Sie kamen, sahen und schwanden aus dem Gedächtnis (The Kindness of Strangers, Der Boden unter den Füßen, Ghost Town Anthology).

Die Berlinale zeigte 2019, was sie richtig gut kann

Dennoch offenbarte die Berlinale 2019 die Vorzüge der Kosslick-Ära. Die Spielfilmdebütantin Systemsprengerin Nora Fingscheidt kann hier neben dem alten Festival-Hasen François Ozon ins Rennen um den Goldenen Bären einsteigen. Weil sich die Berlinale in den letzten Jahren um Geschlechterparität bemüht und Cannes und Venedig in dieser Hinsicht abgehängt hat. Und weil sich die Berlinale als Fundus neuer Talente versteht, die sich anderswo erstmal in Nebensektionen beweisen müssten.

Der Streit um Netflix, die Diskussion über den Rückzug des chinesischen Films One Second aus dem Wettbewerb und der Abschied von der Ära Kosslick sollten allerdings nicht von den Höhepunkten im Programm ablenken. Die Jury um Juliette Binoche wusste diese zu schätzen. So gewann der chinesische Beitrag So Long, My Son gleich zwei Darstellerpreise, ebenso wurden Systemsprenger, Angela Schanelecs leider mit Buhrufen geplagter Ich war zuhause, aber und Ozons Missbrauchsdrama Gelobt sei Gott ausgezeichnet.

In seinem letzten Jahr konnte Dieter Kosslick auf eine Jury vertrauen, die die künstlerische Bandbreite seines Festivals würdigte. Vom schnörkellosen Tatsachendrama über ein berührendes Familienepos bis zur abstrakten Auseinandersetzung mit der Trauer reichten die herausragenden Siegerfilme.

Synonyme und die schwierige Suche nach dem Neuanfang

Auf sich allein gestellte Kinder und Jugendliche (Systemsprenger und Piranhas, aber auch Jessica Forever, The Crossing und Monos) wüteten dieses Jahr mit Fingernägeln und Maschinengewehren durch die Berlinale-Sektionen, damit sich endlich jemand von den Großen ihrer annimmt. Als würden warme Patronenhülsen auf dem Gehsteig die Erwachsenen ermuntern, sich zur Verantwortung für die nächste Generation zu bekennen. Die Großen jedoch scheinen sich in einem nagenden Gefühl des Verlusts zu verlieren - von Menschen und von einer Zeit, die nicht mehr zurückgeholt werden kann.

Im Berlinale-Gewinner Synonyme verzweifelt ein junger Mann dermaßen an seiner israelischen Identität, dass er sie abstreifen will. Er will seine Heimat ablegen, seine Sprache und seine Herkunft. Nackt steht er in einer Pariser Altbauwohnung. Seine Kleidung und der Schlafsack wurden geklaut. Es zieht unter den hohen Decken. Wie neu geboren sieht er aus, er könnte ein Terminator der Identität sein.

Von zwei französischen Bohemians wird der Frierende gefunden und in ihr Apartment getragen. Sie werden ihm helfen und Designer-Kleidung geben und er wird einen Job finden, einen Einbürgerungskurs belegen und die Sprache lernen. Er wird sich das Französisch aufzwingen mit dem Vokabel-Mantra in den Straßen von Paris.

Im Schnitt kommt der Film Yoavs (Tom Mercier) Drängen entgegen. Der will sich diese Stadt und dieses Land und diese Identität überziehen, während sich der Film um ihn herum verbiegt, knarzt und in manchen Ecken ob des Drucks bricht. Dabei verliert Synonyme in seinen schwächeren Momenten Yoav aus den Augen, fokussiert auf den imaginären Zuschauer. Das Kinn wird anstachelnd gereckt, wie es Yoavs israelischer Freund in einer Szene tut. In der U-Bahn setzt er sich die Kippa auf, schnauft singend die Fahrgäste an und hofft auf eine wütende Konfrontation.

Von Yoav bleibt im Bären-Gewinner Synonyme trotzdem das Bild vom Anfang. Er liegt schlafend in den Armen der jungen Franzosen. Beide so französisch wie die Pärchen aus Die Träumer oder Jules und Jim. Sie tragen seinen nackten Körper und in das Bild des Neugeborenen mischt sich das einer Kreuzabnahme. Trauer liegt über diesem Neuanfang.

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