Bei der Berlinale ausgebuht: Einer der schönsten Filme des Festivals

Ich war zuhause, aber läuft im Wettbewerb der Berlinale 2019
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Ich war zuhause, aber läuft im Wettbewerb der Berlinale 2019
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Fatih Akins Serienkillerfilm Der goldene Handschuh sammelte nach seiner Premiere bei der Berlinale 2019 einige Verrisse, doch selbst der umstrittene Beitrag wurde von der Presse nicht ausgebuht. Diese - mit Blick auf die Qualität des Wettbewerbs - ausgesprochene Ehre wurde stattdessen Ich war zuhause, aber von Angela Schanelec zuteil, dem dritten deutschen Beitrag im Wettbewerb. Darin werden Frauen weder mit Kochlöffeln penetriert noch zerstückelt und in einer Wand versteckt. Im Gegenteil, Ich war zuhause, aber streift eine Mutter, deren vermisster Sohn nach Hause gekommen ist. Ein kaputtes Fahrrad kommt drin vor. Franz Rogowski auch. Und ein Esel. Ausgerechnet dieser Wettbewerbsbeitrag sammelte laute Buhrufe nach der Pressevorführung. Dabei gehört Ich war zuhause, aber zu den schönsten Filmen des Festivals.

  • Angela Schanelecs Ich war zuhause, aber widerstrebt einer geradlinigen Deutung.
  • Der Titel wurde von Yasujiro Ozus Vater-Söhne-Stummfilm Ich wurde geboren, aber... inspiriert.
  • Schanelecs Mutter-Kinder-Drama sticht aus dem drögen Berlinale-Wettbewerb heraus, weil hier jederzeit alles passieren kann.
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Einen Esel ausbuhen, das ist ein frühes Symptom des gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Das wusste schon Robert Bresson. Der Esel steht im bisher besten Film eines nicht besonders guten Berlinale-Wettbewerbs am Fenster einer ländlichen Hütte. Ein Hund beißt an einem Kaninchen herum. Familiär wirkt die Szene, wäre da nicht der Gedanke des hoppelnden Plüschs, das nun leblos auf dem kargen Boden liegt.

Erklärungen liefert der Berlinale-Film von Angela Schanelec nicht

Wir werden die zweieinhalb Tiere verlassen und eine kleine Familie kennenlernen, soweit das Kennenlernen in den Filmen von Angela Schanelec möglich ist. Maren Eggert spielt eine Mutter von zwei Kindern. Der jugendliche Sohn war verschwunden, nun kehrt er mit dreckigen Klamotten zurück. Wo auch immer er gewesen ist, endete er immerhin nicht wie das Kaninchen. Der Verlust hat sich eingeprägt, selbst nach der Rückkehr.

Nun sollte niemand erwarten, eine Erklärung für das Verschwinden des Jungen zu bekommen oder auch nur eine halbwegs konventionelle Geschichte. Die Filme von Angela Schanelec streifen gelegentlich eine lineare Erzähllogik, nur um in der nächsten Einstellung einen unerwarteten Haken zu schlagen. Der kann Figuren, Länder, Epochen überspringen. Er kann alle Vorstellungen von dem Film auflösen und neu zusammensetzen. Er kann den Film aber auch verkopft und undurchlässig erscheinen lassen. So kommen Buhrufe zustande.

Eben sind wir noch mit einer Fotografin in Marseille, dann in Deutschland mit fremden Figuren. Wir sehen in Der traumhafte Weg einen jungen Mann im Griechenland der 80er Jahre, treffen ihn Jahrzehnte später wieder und er sieht noch genauso an. Als hätte die Zeit keine Spuren auf seinem Körper hinterlassen. Oder als könnte der Film sich vor unseren Augen in alle Richtungen entwickeln.

Ich war zuhause, aber ist eine willkommene Abwechslung im Berlinale-Wettbewerb

Dieses Gefühl, nicht zu wissen, was in der nächsten Einstellung passiert, erzeugt auch Ich war zuhause, aber. Er deutet es mit dem Komma im Titel an. Das "aber" markiert einen Übergang. Das Zuhause liegt in der Vergangenheit.

Durch diese Unvorhersehbarkeit zwischen den Einstellungen fällt Schanelecs Film aus Reih und Glied des Wettbewerbs der Berlinale 2019. Die bisherigen Filme fordern auf formaler Ebene kaum heraus. Sie decken häufig "Themen" ab, darunter Burnout (Der Boden unter den Füßen), Alkoholismus (Der goldene Handschuh), rigide Geschlechterrollen (A Tale of Three Sisters, God Exists, Her Name is Petrunija, Öndög) und Systemsprenger (Systemsprenger). Was deren Qualität nicht automatisch mindert, in Masse aber zur Monotonie führt. Dass die chinesischen Zensoren der Berlinale mit dem Rückzug von Zhang Yimous One Second einen, man verzeihe das Wortspiel, Bärendienst erwiesen haben, kommt noch hinzu.

Angela Schanelec wird traditionell zur Berliner Schule gezählt, allerdings bieten ihre Filme mehr Hürden im Zugang, als etwa jene von Christian Petzold (Transit) oder Thomas Arslan (Im Schatten). Abgesehen von fehlenden oder verschleierten Zusammenhängen zwischen Szenen, Figuren, Zeiten, äußert sich das vor allem im Spiel der Darsteller.

Eine unnatürliche, fast hölzerne Sprechweise schiebt der Illusion nachgespielter Realität einen Riegel vor. In Ich war zuhause, aber sehen wir unterkühlten Kindern bei einer Schulaufführung von Hamlet zu, in der die Worte wie mit der Schreibmaschine getippt erklingen. Sterbeszenen wurden ausgewählt, genau gesagt die (nacherzählte) von Ophelia und jene des Prinzen von Dänemark.

Ich war zuhause, aber findet Wärme zwischen Verlust und Tod

Maren Eggerts Mutter scheint sich oft als einzige Figur in den langen, durchaus amüsanten Gesprächen mit Filmregisseuren und Kleinanzeigen-Verkäufern von Gefühlen leiten zu lassen. Sie bricht aus, unverhältnismäßig stark, in einer Welt, deren Kriterien der Normalität leicht verschoben sind. Der Bruch, den der zeitweilige Verlust des Sohnes hinterlassen hat, macht sich weniger in den Dialogen selbst bemerkbar als in ihrem Ton.

Als Charakter bleibt diese Mutter schwer durchschaubar. Als Mutter birgt sie den Bruch, der viele zusammenhanglos scheinende Elemente im Film binden könnte. Der verlorene Sohn, der auf der Schwelle zum Erwachsenwerden steht, ist wiedergekehrt. Die Rückkehr verspricht aber nur seinen letztendlichen Abschied ins Erwachsenenleben. Ängste vor Verlust und Tod liegen über und unter der Oberfläche von Ich war zuhause, aber - genauso wie Momente tiefen Vertrauens.

Wie in Schanelec-Filmen Hände und Füße inszeniert werden, zärtlich und neugierig und losgelöst vom Rest des Körpers, bleibt ein kleines Wunder für sich. Es sind Bilder, die eine tiefe Wärme ausstrahlen in einem Film, der allen Deutungen zum Trotz schwer durchschaubar bleibt.

So wartet Ich war zuhause, aber mit einem berührenden Pendant zum Finale von Petzolds Polizeiruf 110: Tatorte auf. In dem letzten Fall von Hanns von Meuffels tragen Dick und Doof einander in einem Filmausschnitt durch Dick und Dünn. Hoffnung steckt da drin für den einsamen Kommissar. Aber auch die Einsicht, das einer der beiden immer hinfallen wird.

Habt ihr schon mal einen Film von Angela Schanelec gesehen?

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