Halloween - Wie ein Slasherfilm das Kino prägte

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Meint es gut mit den Menschen.

Aus nachvollziehbaren Gründen dockt sich Halloween 2018 direkt bei Halloween 1978 an. Einerseits ignoriert der Film die zahlreichen Fortsetzungen für Plotfreiheiten, um nicht jene teils widersprüchlichen Zeitlinien berücksichtigen zu müssen, die mit den nachgereichten Motiven und psychologischen Erklärungen der Figur Michael Myers einhergingen. Zum anderen kann er sich ohne Umwege auf das Original von John Carpenter und dessen fast klassizistisch anmutende Form berufen, die heute vielleicht noch kompromissloser als damals erscheint. Carpenter gelang ein Film der reinen formalen Eleganz, voller unheilvoller Kamerafahrten, die das Publikum nicht zur Ruhe kommen lassen, und ständig mit Bedeutung aufgeladener Musikstücke, die so präsent sind wie der unentwegt Gefahren verkündende Umriss des ahnungslosen Babysittern auflauernden Mörders. 40 Jahre nach seinem Erscheinen zählt Halloween noch immer zu den schönsten Horrorfilmen des Kinos. Er nutzt die hochgradig simple, aber geschickt in Bewegung versetzte Geschichte für eine unnachahmliche Spannungsdramaturgie und Breitwandbilder von bestechender Klarheit. Für ihn würde vermutlich jeder Filmemacher zurück auf Start gehen.

Halloween, die Zutatensammlung des Slasherfilms

Im Rückblick unseres Themenspecials Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 ist es dennoch kaum erstaunlich, dass sich die unmittelbaren Nachzügler auf einzelne Handlungsbausteine von Halloween stürzten. Filme wie He Knows You're Alone (1980) oder Nightmare in a Damaged Brain (1981) erkannten Carpenters funktionale Komponenten und schienen vor allem fähig, sie umgehend zu isolieren und neu anzuordnen. In den Folgejahren wurde aus Halloween eine grobe Zutatensammlung, die alles vereinte, was Teen-Horror im Allgemeinen und Slasherfilme im Besonderen auszeichnete. Der maskierte Serienmörder, die personifizierte unterdrückte Sexualität oder gar "das Böse schlechthin" (als solches Dr. Loomis seinen Patienten Michael Myers bezeichnet) lauert promisken und Drogen nehmenden Jugendlichen auf, von denen einzig das enthaltsame "Final Girl" überleben und sich der Bedrohung entgegenstellen kann. Zu bändigen ist der Angreifer gleichwohl nicht ("You can’t kill the boogeyman"), denn er soll für die Fortsetzungen wiederkommen und abermals zu allerhand Mordwerkzeugen greifen - idealerweise an einem Feiertag, der zusätzlich adoleszente Initiationsriten betont. So mussten Teenager nach Halloween auch die Prom Night (1980) und den Graduation Day (1981) überstehen.

Des Killers Rache gilt allen oder bestimmten Teenagern, sein ursprüngliches Tatmotiv sind folgenschwere Verletzungen der Aufsichtspflicht oder unglückselige familiäre Verstrickungen. Vulgärpsychologische Ursachenforschung betreiben die Filme dann mittels Flashbacks, die der eigentlichen Handlung vorangestellt sind. In Halloween war das Opening der größte und nachhaltigste Schockeffekt, die Ermordung des Mädchens mit einem Küchenmesser durch dessen sechsjährigen Bruder. Fast alle Slasherfilme der frühen 1980er-Jahre griffen diese Eröffnungssequenz auf. Manche wollten einen traumatischen und die Ereignisse in Gang setzenden Bezugspunkt innerhalb der Erzählung schaffen, andere die subjektive Perspektive imitieren, mit der John Carpenter den Zuschauer in die Position des Mörders zwang. Sicherlich hatte Halloween dabei auch eine unverkennbare ästhetische Wirkung. Die Raumeroberung des Killers, seine Attacken und Verstecke wurden zu wiederkehrenden Erkennungszeichen - entscheidend war, wo der Täter ist und wie er wann zuschlagen wird. Slasher präsentierten sich als vereinfachte, aber umso aggressiver auftretende Nachfolger des Whodunit-Thrillers.

Nachfolger zwischen Affirmation und Erneuerung

Andererseits schien keiner der Epigonen im gleichen Maße zu versuchen, an John Carpenters grazile Bildsprache anzuknüpfen. Halloween sorgte zwar für eine unverzügliche Standardisierung der zum Regelkatalog erhobenen Storyelemente, die über 20 Jahre hinweg ungebrochen bleiben sollten. Unterm Strich war der Film jedoch eine Schablone, leicht kopierbar und widerstandsfähig zugleich. Möglicherweise hatte das mit eigenen Einflüssen zu tun. Die Muster von Halloween waren ja selbst nicht unerprobt, sie wurden nur präzisiert, verdichtet und zeitgenössisch aufbereitet. Psycho und Peeping Tom, die 1960 simultan veröffentlichten Wegbereiter des Slasher- und schließlich Serienmörderfilms, haben darin ebenso Spuren hinterlassen wie Im Blutrausch des Satans (1971), Black Christmas (1974) und The Texas Chainsaw Massacre (1974). Vor allem Psycho erwies sich als stilprägendes Referenzobjekt, auf das schon Carpenter sich deutlich bezog. Er griff Namen (Sam Loomis) sowie Handlungsdetails (die Beobachtung des späteren Opfers) des Films auf. Und besetzte die Hauptrolle wohl nicht ohne Hintergedanken mit Jamie Lee Curtis, der Tochter von "Scream Queen" Janet Leigh.

Auch für Sean S. Cunningham waren sowohl Hitchcocks Schlüsselwerk als auch Carpenters Erfolg ein Vorbild - doch sein Freitag der 13. nahm interessante Ergänzungen vor. Beim einen variierte er die figurale Konstellation des Vorbildes Norman Bates, indem er nun eine Mutter für ihren Sohn morden ließ. Beim anderen wurde der maskierte, aber sichtbare Angreifer durch eine lange Zeit gesichts- und körperlose Bedrohung ersetzt, die dem Publikum Rätsel aufgab (später sollte Jason Vorhees freilich alles Uneindeutige beseitigen und die langlebigste Filmserie der Slashergeschichte anführen). Noch immer genießt Freitag, der 13. einen ungleich schlechteren Ruf als Halloween, obwohl er für den weiteren Verlauf des Genres kaum weniger bedeutend ist. Der bekannten Formel fügte er eine Blutrünstigkeit hinzu, die als "kreatives Töten" zum unverzichtbaren Werkzeug aller Slasherfilme werden sollte. Zudem galt die Paramount-Veröffentlichung mit ihren Sequels als umfassendste Beteiligung eines Hollywood-Majors an der von großen Studios verschämt beobachteten Teen-Horrorwelle. Das profitable Slasherkino erzählt nämlich auch eine Geschichte ökonomischer Verschiebungen, die zum Aufstieg vormaliger Independent-Studios wie New Line Cinema führte.

Wenn Psycho den Beginn des modernen Horrorfilms markiert, ist Halloween also vielleicht der Auftakt seiner letzten Phase. Naiv oder unschuldig waren Slasher nie, aber es fehlte ihnen an der Ironie und Selbstreflexion, die das Genre in den ausgehenden 1980er-Jahren prägten, bevor Kevin Williamson und Wes Craven es gänzlich renovierten. Scream - Schrei! (1996), ihre postmoderne Hommage ans damals bereits angestaubte Stalker- und Schlitzerkino, ging von Kontinuitäten aus, die sie gleichlaufend benennen, brechen und bestätigen wollten. Vorbei ist der dadurch entfachte neue Boom US-amerikanischen Teen-Horrors auch über 20 Jahre später nicht, genauso wie jene maßgeblich aus Carpenter-Filmen gespeiste Eighties-Nostalgie, die mit Scream einen möglichen Anfang nahm. Im Gegenwartskino ist John Carpenter allgegenwärtig, von Horror (It Follows, The House of the Devil) und Science-Fiction (Lockout, Midnight Special) bis zu Thrillern (Cold in July, Green Room) und genreübergreifenden Ehrerbietungen (The Guest, The Hateful Eight). Der britische Filmkritiker Mark Kermode spricht deshalb vom Carpenter Year Zero. Erst jetzt offenbare sich, dass Halloween der Koordinatenursprung einer ganzen Generation von Filmemachern sei.

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