I'm Dying Up Here - Jim Carreys neue Serie braucht mehr Jim Carrey

I'm Dying Up Here
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I'm Dying Up Here
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Update: Diese Kritik haben wir bereits zum Start von I'm Dying Up Here bei Showtime in den USA veröffentlicht. Jetzt startet die Comedy-Serie in Deutschland bei Sky Atlantic.

Jim Carrey wird als Ko-Schöpfer geführt, doch keine Sekunde in I'm Dying Up Here gibt auch nur den Anschein, dass da einer der unberechenbarsten Performer seiner - der - Zunft am Schalthebel sitzt. Das neue Showtime-Drama über die blühende Comedy-Szene im Los Angeles der frühen 1970er Jahre führt hinter die Kulissen der Clubs und findet eine Wagenladung Unsympathen, wie sie nur die geballte Mittelmäßigkeit der modernen Qualitätsserie zusammentrommeln kann. Sie alle schuften, trinken und betrügen, um an ihre fünf Minuten im Scheinwerferlicht des Tonight Show-Studios zu kommen. Warum sie diese verdienen, vermögen die Autoren allerdings nicht zu vermitteln. Dass Menschen, die von Berufswegen Fremde zum Lachen bringen, privat ganz andere Reaktionen hervorrufen, mag den weinenden Clown als Helden eines Prestige-Dramas prädestinieren. Lustig sollte er aber bei aller Seelenqual auch mal sein.

Das interessanteste an I'm Dying Up Here sind dementsprechend nicht die spärlichen Lacher, sondern vielmehr das abwesend Anwesende. Das klingt erstmal prätentiös, andererseits geht es hier um ein prestigeträchtiges Drama, das zur halbgaren Prätention in der Betrachtung herausfordert. "Abwesend anwesend" sind Namen wie Robin Williams, David Letterman, Jay Leno oder Andy Kaufman. In den frühen 1970ern, zu einer Zeit, in der Komiker alles andere als ein anerkannter Beruf war, in dieser Zeit zog es sie nach Los Angeles in den legendären Comedy Store. Mitzi Shore hatte den Laden dank einer Scheidung bekommen und führte ihn mit harter Hand. Die Comedians wurden nicht bezahlt, den Club verstand sie als - extrem profitable - Ausbildungsstätte. Der Comedy Store war eine Art Schmelztiegel von Stilen und Biografien aus dem ganzen Land. Für ein paar Glückliche bildete er den Sprung auf die nächste Ebene. Hinein in den 5-Minuten-Spot der Tonight Show und, wenn es richtig gut lief, auf die Couch neben Johnny Carson. Gestern noch bei Mitzi auf der Main Stage, morgen landesweit bekannt, ein TV-Deal in Reichweite.

Bis zu einem gewissen Grad erzählt I'm Dying Up Here von dieser Zeit und gleichzeitig nicht. Dylan Baker spielt Johnny Carson. Darüber hinaus wird die Geschichte von Mitzi, dem Comedy-Store und ihrem Klientel fiktionalisiert. Melissa Leo gibt die gewiefte Club-Chefin Goldie, Michael Angarano spielt den aus Boston ankommenden Neuling Eddie, Stand-up Cassie (Serien-MVP Ari Graynor) kämpft gegen die misogynen Vorurteile des Geschäfts, ihr Freund/Lover Bill (Andrew Santino) ruiniert dank seines Aggro-Gemüts seine Chancen und so weiter. Hier und da lassen sich Ähnlichkeiten zur Realität vermuten. So spielt Star-Gast und Winter Soldier Sebastian Stan im Piloten Clay, der das Undenkbare schafft: Er erhält den Ritterschlag unter Comedians und wird nach seinem Auftritt auf Johnny Carsons Couch gebeten. Stunden später schaut sich Clay die Show in einem einsamen Hotelzimmer im Fernsehen an. Er geht hinaus und läuft vor einen heranrasenden Bus. Als Vorbild für Clay könnte ein realer Jungstar wie Freddie Prinze gedient haben, der in jenen Jahren einen kometenhaften Aufstieg erlebte, seine eigene Sitcom erhielt und sich, von Depressionen geplagt, erschoss. In I'm Dying Up Here verkommt Clay nach seinem Tod jedoch zur personifizierten Drehbuchplattitüde: Der Weg zum Gipfel sei für ihn das Ziel, meint er im Flashback bedeutungsvoll, und fast scheint sie wie ein Applaus-Zeichen auf, die Frage: Was für ein persönliches Shangri-La erhoffen sich die anderen eigentlich in der dünnen Luft an der Spitze? Ist es all das wert?

Prinzipiell ist das eine legitime Frage in der Auseinandersetzung mit einem Geschäft, dessen Profite durch zerbrechliche Narzissten erarbeitet werden. Es wäre sogar eine spannende Frage, würden die frühen Jahre der Lettermans und Williams und Kaufmans beleuchtet. Was verzeihen wir einer Figur nicht alles, wenn uns die Gewissheit beruhigt, dass der sozial inkompetente Exzentriker sich als Comedy-Genie herausstellt? Meist macht die Serie von Jim Carrey und David Flebotte (Masters of Sex) tragischerweise den Eindruck, all die Randfiguren zu verfolgen, deren Namen heute nicht mal Comedy-Historikern ein Begriff sind. Wohl zu Recht. Unfreiwillig entsteht dieser Eindruck, denn das Publikum in der Serie scheint fest davon überzeugt, vor dem nächsten Robin Williams oder Jay Leno zu sitzen. Wartet nur drei Staffeln ab!

Die Statisten haben ihren Spaß, doch die Stand-up-Sets in I'm Dying Up Here leiden unter der Imitation einer historischen Distanz, unter dem Ringen zwischen authentischen 1970er-Humor und goutierbarer Unterhaltung des neuen Jahrtausends. Das ist eine der Herausforderungen des Sujets, das die Serie in Richtung prestigeträchtiger Geldverbrennung wie Vinyl rückt. Eine in der Gegenwart angesiedelte Produktion wie Crashing von HBO wartet mit aktuellen Talenten aus der New Yorker Comedy-Szene auf, ihre Sets könnten so oder so ähnlich gerade jetzt in einem Club in Brooklyn zu hören sein. Die aufgeführte Comedy in I'm Dying Up Here versprüht demgegenüber den Esprit eines taxidermischen Studios. Ein schwer zuzuordnender Vitrinen-Humor dominiert das Geschehen auf der Bühne und alle lachen wie auf Befehl. Als im Finale der ersten Folgen tatsächlich eine eigenständige Dynamik um sich greift und Cassie eine Bühnen-Erleuchtung erlebt, wird der Augenblick hollywoodmäßig ausgeschlachtet. Da sprudeln die Pointen eines perfekt geschriebenen Sets "spontan" aus ihr heraus. Unverhofft und unverdient.

Abgesehen von dem historischen Setting und Ari Graynors energiegeladener Präsenz in einem müden Männerhort bietet I'm Dying Up Here nach den ersten beiden Episoden kaum Gründe, dran zu bleiben. Dabei hält William Knoedelseders gleichnamiges Sachbuch über die goldene Ära des Stand-ups zahlreiche Anekdoten und Schicksale bereit, die das Zeug zur Serie haben. Jedenfalls mit dem Hintergrundwissen, dass einige dieser Männer und Frauen die amerikanische Popkultur prägen sollten. Subtrahieren wir die großen Namen, drängt sich in der Adaption das oberflächlich charakterisierte Nebenfiguren-Inventar einer aktuellen amerikanischen Dramaserie in den Vordergrund. Und was noch? Die prickelnde Erkenntnis, dass Komiker eigensüchtige Arschlöcher sein können.

Jahrzehnte später, da war der Schimmer des Comedy Stores schon etwas verblasst, wollte Jerry Seinfeld den harten Alltag von Stand-ups beleuchten. Dafür wurde in einer Dokumentation das Leben von Superstar Seinfeld dem Alltag eines aufstrebenden jungen Komikers Seite an Seite gestellt. Es war ein löbliches Unterfangen mit einer gravierenden Nebenwirkung: Die Karriere des Unbekannten wurde durch den Film zerstört, bevor sie begann. Die Kritiker fielen über ihn her. Er wirkte in der Doku bitter, neidisch, undankbar und egoman. Wie ein echter Comedian eben.

Für diesen Serien-Check wurden die ersten beiden Episoden von I'm Dying Up Here gesichtet.

Anmerkung am Rande:

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