Kläglicher Grusel: Hereditary versagt als Horrorfilm und Drama

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Achtung, Spoiler zu Hereditary: Als Hereditary - Das Vermächtnis vergangene Woche in den deutschen Kinos anlief, eilte dem Film der Ruf voraus, die Horror-Sensation des Jahres zu sein - und kein bisschen weniger als das. Verantwortlich dafür wiederum waren in erster Linie jene Kritiker, die das Regie-Debüt von Ari Aster mit Lob regelrecht überschütteten. Mit seiner Einlassung, Hereditary setze "neue Maßstäbe" steht der Hollywood Reporter jedenfalls wahrlich nicht alleine da. Gleichwohl sich der Gruselschocker auch an den Kinokassen wacker schlägt, reagiert das Publikum durchwachsen. Den einen ist die erste Hälfte des Films, welche noch am ehesten im Zeichen eines Familiendramas steht, zu zäh. Andere beschweren sich über über die kontroverse letzte halbe Stunde, in der schließlich sämtliche (Genre-)Dämme brechen und wir mit einer ziemlich abgedrehten Auflösung der Geschichte konfrontiert werden. Tatsächlich ist dieses - gerade im Vergleich zu den Kritikern - auffallend unentschlossene Meinungsbild unter den Zuschauern ebenso aufschlussreich wie verständlich, denn kaum ein Film der letzten Jahre warf vielversprechende Ansätze auf derart spektakuläre Weise aus dem Fenster wie Hereditary.

Hereditary ist der Inbegriff von verschenktem Potenzial

Dabei beginnt alles so vielversprechend: Die 78-Jährige Ellen Taper Leigh verstirbt und lässt ihre Tochter Annie Graham (Toni Collette), deren Mann Steve (Gabriel Byrne) sowie die gemeinsamen Kinder des Paares zurück. Die nunmehr vierköpfige Familie lebt fortan ohne die Matriarchin unter einem Dach. Ari Aster zählt laut eigenen Angaben unter anderem die Werke des legendären schwedischen Regisseurs und Drehbuchautors Ingmar Bergman (Fanny und Alexander) zu seinen persönlichen Favoriten, weshalb es kaum verwundert, dass er sich für brüchige Familienverhältnisse interessiert. So kommt etwa bald ans Licht, dass Annie bereits als Teenagerin mit heftigen Schicksalsschlägen zu kämpfen hatte und ihre Mutter an einer dissoziativen Identitätsstörung litt, was die beiden Frauen in Ellens letzten Lebensjahren langsam auseinander driften ließ. Von subtilen Erschütterungen geprägt ist zudem die Beziehung Annies zu ihren eigenen Kindern Charlie (Milly Shapiro) und Peter (Alex Wolff), wofür sie sich schuldig fühlt. Dass Hereditary immerhin zu Beginn Anstalten macht, von diesen Dingen zu erzählen, spricht klar für den Film. Umso weniger leuchtet aber ein, warum Aster seiner kraftvollen Geschichte nicht vollumfänglich zu vertrauen scheint. Infolgedessen entfernt sich Hereditary zusehends von sich selbst.

Eine Verbindung zwischen familiären Gräben und Horrorelementen liegt natürlich nahe, was markerschütternde Klassiker wie Psycho und Shining nachdrücklich bewiesen haben. Hereditary aber versagt letztlich aufgrund einer Überstrapazierung des Drehbuchs in der Bebilderung von Seelenwelten. Vielmehr will Ari Aster zu viel des Guten und konstruiert eine Sektenverschwörung rund um den ominösen Höllenkönig Paimon. Dabei ist es ausgerechnet die tote Ellen, die besagte Farce aus dem Jenseits persönlich dirigiert, nachdem jemand ihre Leiche ausgegraben und auf dem Dachboden der Grahams abgelegt hat. Das Ende von Hereditary ist in seiner fassungslos machenden Unglaubwürdigkeit so dick aufgetragen, dass es die ambitionierten Drama-Anteile nicht nur in den Hintergrund rückt, sondern konsequent ins Lächerliche zieht. Die mögliche Interpretation des viel zu plotlastigen Finales als reine Wahnvorstellung der Mutter kann daran nur wenig ändern, sondern versucht allenfalls zu retten, was nicht zu retten ist. Seine Charaktere opfert der Film in seinem finalen Drittel dem Spektakel.

Hereditary steht zwischen allen Stühlen

Gegenüber The Verge hat Ari Aster sich von der Annahme distanziert, unbedingt ein Horror-Regisseur zu sein. Diesen potentiellen Stempel hat er sich beziehungsweise Hereditary indes selbst eingebrockt. Schließlich greift sein Film auf traditionelle Grusel-Motive wie Geisterbeschwörung zurück und geizt keineswegs mit blutig-drastischen Schockmomenten wie etwa der Szene, in der Annie sich selbst köpft. Derlei generische Tendenzen machen einen Film zwar nicht automatisch schlecht, doch die eigentlichen Qualitäten von Hereditary bleiben in Ansätzen stecken, sodass am Ende eben doch ein Schuh draus wird.

Regisseure wie Jordan Peele (Get Out) und Jennifer Kent (Der Babadook) haben uns in den vergangenen Jahren dankbarerweise daran erinnert, dass clevere Sozialkritik oder eine gut durchdachte Figurenpsychologie im Horror-Genre durchaus gut aufgehoben ist. Hereditary weiß dies nur sehr bedingt zu unterstreichen. Während zum Beispiel die Fokussierung Asters auf die Gesichter seiner hervorragend agierenden Darsteller (eben ganz im Stile Ingmar Bergmans) zu überzeugen weiß und auch das Sounddesign von Hereditary beeindruckt, vermag das Drehbuch mit der Inszenierung nicht Schritt zu halten. In einer beinahe schon ironischen Szene findet Annie eine Notiz ihrer Mutter, in welcher es heißt, dass jedes erbrachte Opfer am Ende den zu erwartenden Gewinn wert sei - für den Film selbst gilt eben dies offensichtlich nicht.

Lest hier die Gegenmeinung: Hereditary: Das kontroverse Finale ist die Krönung des Horrorfilms

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