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blog me if you can #6: Naturgewalt

Klauen, Zähne und Flossen: Eine Reise durch den Tierhorror

Selbst das kleinste Tier kann zur Gefahr werden, wie "Formicula" beweist.
© Warner
Selbst das kleinste Tier kann zur Gefahr werden, wie "Formicula" beweist.
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Willkommen in der Milchbar, wo euch Barkeeper StrykeOut allerhand Artikel, Listen, Nörgeleien und Geheimtipps auftischen wird. Und das ein oder andere Glas Moloko-Plus. Prost!

Und tatsächlich sind Dinocroc , Sharktopus, Snow Sharks und Co. die Vertreter des Genres, die man heutzutage am häufigsten zu Gesicht bekommt und vielleicht als erstes mit Tierhorror assoziiert. Dabei bietet dieses wundervolle, überraschend alte Genre so viel mehr, als schlecht animierte Echsen, die abgehalfterten 70er-Stars hinterherjagen. Das soll dieser Blog-Artikel aufzeigen, der eine kleine Reise durch die Geschichte des Tierhorrors unternimmt.

Der Tierhorror bedient die vielleicht älteste Urangst des Menschen: Die Angst vor dem wilden Tier, der Verkörperung der unerbittlichen, unkontrollierbaren Natur. Die ältesten Horrorgeschichten, die sich der Mensch erzählte, handelten von Tieren. Schon in den Höhlen unserer urzeitlichen Vorfahren erzählte man sich am prasselnden Feuer Geschichten über riesige Hirsche und furchterregende Tiger, während im Hintergrund ein Mammut aus Asche an die Höhlenwände gemalt wurde. Zu späteren Zeiten erzählte man sich dann Märchen von dem bösen Wolf, der im Wald lauert und Kinder, die vom Weg abkommen, verschlingt.

Mittlerweile hat es der Mensch geschafft, sich aus dem Kreislauf aus Jäger und Gejagtem zu befreien, indem er sich von der Natur abgeschottet hat, sich hinter Steinwänden und Fensterscheiben abkapselt. Doch die Angst vor dem wilden Tier bleibt weiterhin bestehen. Wir wissen, dass wir nichts als Beute wären, würden wir nicht von unserer Technologie und unseren Gebäuden beschützt werden. Und diese Angst macht sich der Tierhorrorfilm zunutze. Er zieht uns, zumindest für 90 Minuten, aus unserem wohlig sicheren Zuhause und liefert uns dem wilden Tier, der Bestie, der Natur aus.

Dabei werden oft auch weitere Ängste aufgegriffen, die meist dem jeweiligen Zeitgeist geschuldet sind. So ist in den 20er und 30er Jahren das koloniale Gruseln sehr beliebt. Während auf den Marktplätzen Europas und Amerikas in den sogenannten "Völkerschauen" Afrikaner, Südamerikaner und Asiaten wie Tiere begafft wurden, erfreute man sich in den Kinos an exotisch-aufregenden Geschichten über Dinosaurier im Urwald (Die verlorene Welt), Eingeborene und riesige Affen (Ingagi, leider nicht in der Datenbank) und gefährliche Löwen. Der wohl bekannteste Vertreter dieses frühen Tierhorrors, der seine Faszination aus den unbekannten, gefährlichen Welten der Kolonien zog, ist sicherlich der Klassiker King Kong und die weiße Frau.



Durch den zweiten Weltkrieg gibt es einen recht starken Einschnitt im Tierhorrorgenre. Die nächste große Welle taucht erst in den 50ern auf, zu Beginn des Atomzeitalters. Die Angst vor der Bombe und der atomaren Verseuchung ist allgegenwärtig und spiegelt sich auch im Tierhorror wider. Diese passiert nun nicht mehr auf tropischen Inseln oder im afrikanischen Dschungel, sondern trifft die amerikanischen Kleinstädte, Vororte und Metropolen. In Das Grauen aus der Tiefe wird etwa ein gigantischer Octopus von Atombombentests aufgescheucht und greift San Francisco an. In Formicula wachsen harmlose Wüstenameisen dank dem radioaktiven Fallout einer Atombombe zu monströser Größe heran und laufen in New Mexico Amok. Oft wird die allgegenwärtige Angst auch nicht direkt auf eine Bombe heruntergebrochen, sondern spiegelt sich in einem generellen Misstrauen gegenüber Wissenschaftlern wider. Der Klassiker Tarantula etwa, in dem eine riesige Spinne ein kleines Dorf in Arizona terrorisiert, hat einen überambitionierten Wissenschaftler, der an einem Wachstumsmittel forscht, als Ursache.

Während das Militär die oft überdimensionalen Tiere in den 50ern noch besiegen und damit die gewohnte Ordnung sichern kann, ist es damit spätestens in den 70ern vorbei. Die - amerikanische - Bevölkerung ist vom Vietnamkrieg und der Watergate-Affäre desillusioniert. Das Vertrauen in Obrigkeit und Militär ist verschwunden und die Tierhorrorfilme werden dementsprechend pessimistischer, härter, gesellschaftskritischer. Die Angriffe der wilden Tiere haben jetzt Gründe, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, passieren fast immer als Reaktion auf menschliches Handeln. In Orca - Der Killerwal wird der titelgebende Schwertwal etwa erst zum tödlichen Killer, als er mit ansehen muss, wie sein trächtiges Weibchen von überehrgeizigen Walfängern grausam getötet wird. Sowohl im Klassiker Der weiße Hai, als auch in dessen recht schamloser Kopie Grizzly, die auch als "Jaws with Claws" beworben wurde, sind die Tode nicht nur dem jeweiligen Raubtier, sondern auch einer verantwortungslosen Au­to­ri­täts­per­son zuzuschreiben, die den eigenen Profit über die Sicherheit der Badegäste/Parkbesucher stellt. Ebenfalls sehr beliebte Ursachen für aggressive Tiere sind Umweltverschmutzung (Panik in der Sierra Nova, Frogs - Killer aus dem Sumpf) und die Konsumgeilheit der Gesellschaft, die dazu führt, dass gefährliche Tiere aus aller Welt zusammen mit Kaffee, Kleidung oder Elektronik direkt in die amerikanischen Wohnzimmer geliefert werden (Taranteln - Sie kommen um zu töten, Mörderbienen greifen an).

Ebenfalls in den 70ern kommen Tierhorrorfilme auf, die erstmals nicht wilde Raubtiere, sondern vermeintlich gezähmte, "unterworfene" Haustiere zu Aggressoren machen, meist auch dadurch motiviert, dass der Mensch ihnen unrecht tut, sie quält oder zu Killern abrichtet. Beispiele hierfür sind der skurrile Killerhasenfilm Rabbits und die beiden empfehlenswerten Hundehorrorstreifen In der Falle - Angriff der Killerhunde und Die Meute.



Während sich die 80er weiterhin mit politischen und gesellschaftlichen Problemen beschäftigen und etwa die Themen Rassismus (Die weiße Bestie) oder das kaputte Verhältnis von Mensch und Tier ansprechen (Link, der Butler), haben sich die 90er ganz dem ironischen Trash verschrieben. Der Tierhorror hört hier fast vollständig auf, das zu tun, was er seit seinen Anfängen getan hat: Gesellschaftliche Ängste widerspiegeln. Egal ob Komodo - The Living Terror, Anaconda oder Deep Blue Sea, es ist nun in, bewusst mit den Konventionen des Genres zu spielen und diese zu brechen, abgehalfterte Stars und B-Promis zu besetzen und sich an den neuen Möglichkeiten der Computer Generated Images zu versuchen. Der Horror bleibt hierbei allerdings meist auf der Strecke, es soll eher gelacht als gegruselt werden. Dieser Trend setzt sich bis heute fort, nur das die jetzigen Vertreter des Trash-Tierhorrors von Asylum und Co. auch den selbstreferentiellen, cleveren Witz und den Charm der 90er-Filme über Bord geworfen haben.



Ist das also das Ende? Ist das Genre degeneriert und zu einem jämmerlichen Häufchen CGI-Elend verkommen, das man getrost begraben kann? Zum Glück nicht. Denn im neuen Jahrtausend gibt es immer wieder Ausreißer. Filme, die das Wort "Horror" in Tierhorror endlich wieder groß schreiben, neue Wege gehen und wieder Schwung ins Genre bringen. So gibt es jetzt etwa minimalistische, kammerspielartige Filme, die keine übergroßen Monster sondern ganz normale Raubtiere in den Mittelpunkt stellen, den Menschen aber in eine isolierte, schutzlose Situation bringen und so hervorragend zu fesseln wissen. Vertreter dieser tollen neuen Strömung sind etwa Open Water, Black Water und Burning Bright - Tödliche Gefahr. Es gibt also Hoffnung für den Tierhorror.

Und das ist auch gut so. Es wäre doch schade, wenn es keine Filme mehr gäbe, die uns unsere eigene Kreatürlichkeit und Unvollkommenheit aufzeigen würden und unseren Umgang mit der Natur reflektieren.

Zum Abschluss des Artikels noch eine kleine Aufforderung: Schreibt doch Tierhorrorfilme, die euch besonders geschockt, unterhalten, amüsiert oder zum Nachdenken gebracht haben, in die Kommentare. Man kann sich gegenseitig bestimmt die ein oder andere Perle empfehlen.


Hier nun noch die Links zu den anderen Teilnehmern der diesmonatigen Blogaktion:

chita91 schreibt über Prinzessin Mononoke und das Verhältnis von Mensch und Natur.

Grimalkin hat sich dem russischen Klassiker Ein Brief, der nicht ankam angenommen.

Mr.English schreibt über etwas, das ich aus dem Link nicht ableiten konnte,aber bestimmt super ist. Wenn ichs gelesen habe, wird das hier aktualisiert :D

Martin Canine wirft einen Blick auf Boys Don't Cry.

Pleasant28 hat sich mit der Konferenz der Tiere beschäftigt.

Und Friedsas widmet sich schließlich den täglichen Überlebensfragen einer Zombieapokalypse.


Das Thema zum ersten August ist übrigens:

Watching You

Von der visuellen Sinneserfahrung bis hin zu Beobachtung, Stalking, Überwachung und dem Durchdringen der vierten Wand. Wer hat hier wen im Blick?



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