Missbrauch und Schweigegeld: Der Nickelodeon-Skandal erklärt

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19.08.2022 - 13:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Dan Schneider erfand Erfolgsserien wie iCarly. Eine ehemalige Darstellerin erhebt schockierende Vorwürfe gegen den Nickelodeon-Produzenten. Was versucht der Kindersender zu verstecken?

Wer zwischen 1985 und 2000 geboren ist, kam kaum um die quietschbunten Nickelodeon-Serien herum. Bei dem Kindersender mit dem weißorangenen Logo liefen die Folgen von iCarly, Drake und Josh oder Victorious rauf runter, auch beim deutschen Ableger.

Ein Missbrauchsskandal erschüttert Nickelodeon

Die Serien bildeten eine unschuldige Parallelwelt ab, die von meist normschönen, sorgenfreien Teenagern bevölkert wurde und damit extrem erfolgreich war. Die Zielgruppe: Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren. Die Stars: Ariana Grande, Drake Bell oder Miranda Cosgrove. Der Mann, der das alles unter Kontrolle hatte: Dan Schneider.

Seit Jahren rumoren um Dan Schneider Missbrauchsvorwürfe , ohne dass es konkrete Hinweise gegeben hätte. Jetzt ist ein neues Buch erschienen. Die ehemalige Nickelodeon-Darstellerin Jennette McCurdy gibt dem bislang vagen Brodeln mit erschreckenden Erfahrungsberichten aus ihrer Zeit bei dem Kindersender ein Fundament.

Wir erklären ...

  • Die Person Dan Schneider und dessen dubioses Ende bei Nickelodeon
  • Jennette McCurdys neue Vorwürfe gegen "den Creator" – so umschreibt sie den mächtigen Produzenten in ihrem Buch, um nicht verklagt zu werden
  • Die Folgen von Jennette McCurdys Enthüllungen für ehemalige Nickelodeon-Stars wie Ariana Grande

Schöpfer der erfolgreichsten Nickolodeon-Serien: Wer ist Dan Schneider?

Jennette McCurdy und Miranda Cosgrove in iCarly

Von 1994 bis 2018 schrieb und produzierte Dan Schneider 12 Nickelodeon-Serien, erschuf allein 10 davon selber. Die New York Times nannte ihn einen "Hitmaker ", weil so viele seiner Serien einen Nerv bei der jungen Zielgruppe trafen. In iCarly (2007) etwa geht es um zwei Freundinnen (Miranda Cosgrove und Jennette McCurdy), die eine erfolgreiche Web-Comedy-Serie entwickeln. iCarly oder auch Zoey 101 (2005) wurden über das globale Sendernetzwerk verbreitet.

So ist vor allem Schneider für das Bild verantwortlich, das weltweit von der Nickelodeon-Ära der 00er und 10er-Jahre nachbrennt. Er erarbeitete sich eine in der Teenie-Unterhaltungs-Branche unvergleichliche Macht.

Dan Schneider konnte sich alles erlauben. In kreativer Hinsicht, scheinbar aber auch im Umgang mit Untergebenen und insbesondere den vielen minderjährigen Jungstars der Shows. Diese waren in dem Arbeitsumfeld häufig unerfahren und auf sich gestellt – und somit mutmaßlichen Missbrauchsversuchen ausgeliefert.

Im Jahr 2018 beendeten Schneider und Nickelodeon unerwartet die Zusammenarbeit, angeblich wollte der Produzent andere Projekte verfolgen. Der Trennung gingen allerdings hinter vorgehaltener Hand geäußerte Vorwürfe voraus, berichtete damals Deadline .

  • Schneider soll zu Wutanfällen geneigt haben
  • Er habe immer wieder lange Drehtage von den Kinderstars gefordert
  • Sowohl im Unternehmen als auch in sozialen Netzwerken fiel auf , dass Schneider häufig unangemessene Videos und Bilder der Jungstars postete, in denen wiederum häufig Füße das zentrale Motiv  sind
  • Auch in seinen Kinderserien sollen sich sexuelle Anspielungen verstecken
  • Es tauchten Bilder wie dieses  auf, das Dan Schneider mit der jungen Amanda Bynes in einem Whirlpool zeigt. Schneider soll sich  seinen Kinderdarsteller:innen immer wieder unangemessen genähert haben

Drei Jahre verschwand Schneider von der Bildfläche. Dann, 2021, wurde bekannt , dass der Nickelodeon-Besitzer Viacom CBS vor der Trennung eine interne Untersuchung gegen Schneider eingeleitet hatte. Mitarbeiter:innen beschrieben ihn darin als "verbally abusive", also verbal missbräuchlich. Die Untersuchung ergab aber keine Hinweise auf sexuelles Fehlverhalten. Die sexuellen Anspielungen und absurd vielen Fußszenen in den Serien verteidigte Schneider als "vollkommen unschuldig" .

Jennette McCurdys neue Vorwürfe gegen Dan Schneider

Der im August veröffentlichte Auszug   aus Jennette McCurdys Buch I’m Glad My Mom Died bringt diese ohnehin fragwürdige Version weiter ins Wanken. Was passierte wirklich hinter den Kindersender-Kulissen?

Das sind McCurdys schwerste Vorwürfe gegen "den Creator" und Nickelodeon, das das Verhalten lange billigte oder zumindest nicht stoppte.

Alkoholangebote an Minderjährige: Jennette McCurdy wurde als 18-jährige zu Alkohol gedrängt. Sie beschreibt ein Treffen mit dem "Creator", der sie bedrängte, bis sie schließlich einknickte. Es fielen manipulative Sätze wie: "Die Kinder von Victorious betrinken sich ständig zusammen. Die iCarly-Kinder sind so lieb. Wir müssen euch etwas härter machen."

Unerwünschte körperliche Annäherungen: Bei demselben Meeting außerhalb des Arbeitsumfeldes drängte der – wie gesagt – nicht namentlich genannte Produzent ihr eine Massage auf. "In meinen Schultern sind viele Knoten, aber ich will nicht, dass Der Creator sie wegrubbelt. Ich will etwas sagen, um ihn aufzuhalten, aber ich habe Angst, ihn zu beleidigen", schreibt sie.

Zwang zu knapper Kleidung: Im weiteren Verlauf des Buches beschreibt McCurdy  eine Situation in der Sendergarderobe, in der sie dazu gedrängt wurde, einen Bikini zu tragen, obwohl sie sich damit unwohl fühlte. McCurdy war gerade in die Pubertät gekommen und geschockt, mit ihrem "kindlichen Körper" sexualisiert zu werden. Der Bikini-Wunsch ging auf Dan Schneider zurück.

Das Schweigegeld: Schon zwischen 2013 und 2014, als McCurdy ihre letzten Episoden für Nickelodeon abdrehte, war Schneiders Verhalten im Sender bekannt und hatte Konsequenzen: "Ich find es gut, dass er richtig große Schwierigkeiten bekommen hat. Es war nicht nur eine Ermahnung. Es geht so weit, dass es ihm verboten ist, ein Set mit Schauspieler:innen zu betreten [...]"

Als ihr Abschied von Nickelodeon feststand, unterbreitete ihr der Sender ein Angebot: McCurdy sollte 300.000 US-Dollar erhalten. "Alles, was sie wollen, ist, dass du nie öffentlich über deine Erfahrungen bei Nickelodeon sprichst" – insbesondere nicht über all die Dinge, die den "Creator" betreffen, so McCurdy. Sie lehnte das Geld ab.

Das Internet durchleuchtet die Nickelodeon-Serie und stößt auf Abgründe

Dan Schneiders Zeit bei Nickelodeon scheint von einer Blase umgeben. Weder Sender noch Ex-Produzent sind offenbar an öffentlicher Aufklärung interessiert. Durchstochen wurde die Blase nun aus dem Inneren von einer direkt betroffenen Ex-Schauspielerin. Jennette McCurdys Enthüllungen könnten der erste Schritt zur Aufarbeitung eines Skandals sein, von dem wir wohl nur die Spitze gesehen haben.

Sam & Cat

Ihre konkreten Vorwürfe werfen ein düsteres Licht auf Dan Schneider-Erzeugnisse. Und wo McCurdy angefangen hat, macht das Internet weiter. Es tut, was es am besten kann: Vergrabene Kultur-Fetzen wieder ausbuddeln und zusammenfügen. Gerade findet eine Schwarmanalyse statt, die McCurdys Vorwürfe gegen Schneider mit den Serien abgleicht, in die so viel von Dan Schneider geflossen ist: Leidenschaften und, so die psychoanalytische Ferndiagnose, auch verborgene Lüste. Wenn man eine Verbindung zwischen den oben erwähnten Fußfetisch-Gerüchten und dem herstellen will, was in diesen Serien teilweise so zu sehen ist, dann, nun ja, fällt das nicht allzu schwer.

Bei Twitter tauchte ein altes Video wieder auf, das bizarre Szenen aus Sam & Cat aneinanderschneidet. Cat wird vom größten Star mit Nickelodeon-Wurzeln gespielt: Ariana Grande. Die Figur nimmt aus unerfindlichen Gründen ihre Zehen in den Mund oder versucht, Saft aus einer phallischen Kartoffel zu pressen ("Na los, gib mir deinen Saft"). Es ist aufwühlend. Ansehen auf eigene Gefahr:

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Sagen wir es so: Selbst bei großzügigster Auslegung muss sich Nickelodeon den Vorwurf gefallen lassen, dass hier eine 16 Jahre alte Darstellerin in einer für Kinder produzierten Serie auf eine Weise inszeniert wird, die sich problemlos sexuell lesen lässt. Für die meisten dieser Szenen war Dan Schneider direkt verantwortlich.

In einer Textstelle schreibt McCurdy: "Das ist ein Sender, der Serien für Kinder herstellt. Sollten die nicht irgendeine Art moralischen Kompass haben? Sollten sie sich nicht auf einen ethischen Standard berufen?" Noch hat Nickelodeon nicht auf die Vorwürfe reagiert. Aber die neuen Anschuldigungen entwickeln gewaltigen Druck auf den Kindersender. Er muss zwei Jahrzehnte Dan Schneider aufarbeiten.

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