Verschenktes Sci-Fi-Potenzial: Cowboy Bebop bei Netflix macht 3 große Fehler

Cowboy Bebop - S01 Trailer (English) HD
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Cowboy Bebop
22.11.2021 - 11:25 UhrVor 7 Tagen aktualisiert
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Netflix' Realserien-Adaption zum Anime-Kult Cowboy Bebop ist endlich da. Ohne ihre drei großen Schnitzer wäre sie eine absolute Sci-Fi-Offenbarung.

Das Anime-Abenteuer Cowboy Bebop ist eine der besten Sci-Fi-Serien überhaupt: Die abgefahrene Mixtur aus Sci-Fi-Drama, Western und jazzlastigem Film Noir hat seit mehr als 20 Jahren Kultstatus. Verständlich also, dass Fans der Realserien-Adaption Cowboy Bebop von Netflix (ab jetzt im Streaming-Abo) sehnlichst entgegenfieberten. Daraus wurde nichts, aus drei entscheidenden Gründen.

1. Die Sci-Fi-Action in Cowboy Bebop auf Netflix ist viel zu lahm

Nicht, dass die Adaption ein kompletter Reinfall wäre: Gerade der Cast, allen voran John Cho (Spike), Mustafa Shakir (Jet) und Daniella Pineda (Faye) passen perfekt in ihre Rollen als entwurzelte Kopfgeldjäger-Crew.

Allein ihr herzhafter Einsatz macht die Adaption schon zu einer überdurchschnittlichen Serie: Shakir etwa kann die Nuancen seines Charakters zwischen schroffem Idealismus und tiefer Verletzlichkeit toll herausarbeiten. Darüber hinaus lässt Netflix neben den besten Momenten der Vorlage auch neue, gut umgesetzte Ideen einfließen, wenn etwa Spike von einem Programm in einem zeitschleifenhaften Alptraum festgesetzt wird.

Und auch der Look der Serie zwischen penibler Vorlagentreue und der Selbstironie knalliger B-Movie-Anleihen wird seine Freund:innen finden. Doch gerade an diesem Punkt muss darunter einer der besten Aspekte des Originals leiden.

Die Action in Cowboy Bebop ist nämlich derart langsam und spannungsarm inszeniert, dass daran selten große Freude aufkommen kann. Der lahme Schnittrhythmus lässt keine Fahrt aufkommen und viele Kampsporteinlagen wirken oft mehr wie die Parodie eines Ballettstücks als eine rasante Actionszene. Möglich, dass die Macher hier auch bewusst den bunten Look mit seinen verkanteten Perspektiven einer Stakkato-Inszenierung vorgezogen haben. Aber das Resultat ist dasselbe: Wenn es eigentlich rund gehen sollte, kommt keine Stimmung auf.

Schaut euch hier den deutschen Trailer zu Cowboy Bebop an

Cowboy Bebop - S01 Trailer (Deutsch) HD
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Das ist ein Problem, denn die harten Action-Einlagen waren einer der Kernaspekte der Vorlage. Die Lässigkeit wie die Tragik der Hauptfiguren funktioniert dort auch so gut, weil sie alles verlieren können, wenn es hart auf hart kommt. In der Netflix-Serie aber wird ihre Ernsthaftigkeit durch Klaumauk im Angesicht des Todes untergraben.

2. Der Humor in Netflix' Sci-Fi-Adaption reicht oft nur für ein müdes Grinsen

Das wäre vielleicht weniger schlimm, wenn dieser Klamauk amtliche Lacher produzieren würde. Leider erweist sich die Serie in Sachen Humor aber ähnlich schwerfällig wie in Sachen Action: Wenn Spike der durchtriebenen Faye eine Pistole unter die Nase hält und Jet bittet, sie "zumindest ein bisschen" töten zu können, dürften viele Fans nur müde die Mundwinkel nach oben ziehen.

Die Idee hinter den Witzen ist immer erkennbar, aber häufig scheinen die Sätze zu bemüht oder für die Figur schlicht unpassend. Auch hier sorgt die gemächliche Inszenierung dafür, dass die Serie ihren eigenen Pointen hinterherzuhinken scheint. Das ist noch fataler als bei lahmen Action-Szenen: Zwar schaffen es Drehbuch und Schauspieler:innen, die Figuren liebenswert wirken zu lassen. Aber Spikes schnippisches Mundwerk oder der wunderbar kindische Zank zwischen den Hauptfiguren aus der Vorlage ist hier häufig nur ein Schatten seines Potenzials.

3. Netflix verpasst einer zentralen Cowboy Bebop-Figur einen unpassenden Twist

Die ersten beiden Punkte haben Folgen, mit denen sich gutmütige Fans arrangieren können. Sie führen zu einem Wechsel im Tonfall, aber gerade der brillante Cast wird viele Anhänger:innen milde stimmen. Was dann allerdings im Finale der Adaption geschieht, ist einfach ein Schlag ins Gesicht. Vorsicht, Spoiler!

Schaut hier den Vorspann zu Netflix' Cowboy Bebop-Realserie:

Cowboy Bebop - Opening Credits (English) HD
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Ähnlich wie in der Vorlage kommt es im Staffelfinale der Adaption zum Showdown zwischen Spike, Erzfeind Vicious (Alex Hassell) und ihrer gemeinsamen großen Liebe Julia (Elena Satine). Während der Anime Julia aber auf tragische Weise auf der Flucht sterben lässt, benutzt die Netflix-Umsetzung sie für einen Twist: Sie wendet sich gegen beide Lover und wird Mafia-Patin.

Den Mut hinter einer solchen Ohrfeige für die Fans muss man schon bewundern. Grundsätzlich ist gegen die Veränderung der Figur auch nichts einzuwenden, vielleicht handelt es sich sogar um ein notwendiges modernes Update einer ansonsten recht einseitigen Figur.

Seht euch hier den Trailer zum Original-Cowboy Bebop an

Cowboy Bebop - S01 Trailer (English)
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Doch der Sinneswandel Julias kommt derart abrupt und plötzlich, dass er völlig konstruiert und unglaubwürdig wirkt. Mit der Unverfrorenheit eines "alles nur geträumt"-Twists aus dem Horror-Genre wandelt sich die Figur von der verzweifelten Gefangenen zum kaltblütigen Machtmenschen und schießt ihren Geliebten Spike aus einem Kirchenfenster. Einen so lieblosen Bruch in der Figurenzeichnung werden die wenigsten Fans schlucken.

So ist das enttäuschende Ende vielleicht der Hauptgrund, warum Cowboy Bebop nicht zu den besten Sci-Fi-Serien des Jahres zählen kann. Auf Staffel 2 hoffe ich trotzdem. Ich will Mustafa Shakir, John Cho und Daniella Pineda wiedersehen. Sie sind die Perfektion in einer ansonsten leider nur knapp überdurchschnittlichen Serie.

Wann startet Cowboy Bebop auf Netflix?

Die erste Staffel von Cowboy Bebop ist seit dem 19. November 2021 auf Netflix verfügbar.

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Aus der Perspektive eines Fans und eines Neulings nehmen wir die Amazon- und Netflix-Serien unter die Lupe: Wie funktioniert Das Rad der Zeit mit der Buchvorlage im Hinterkopf und kann sich Cowboy Bebop an der Anime-Vorlage messen? Und wie viel Dreck gehört in ein glaubhaftes Fantasy-Setting bzw. Raumschiff?

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