Neuer Mindfuck-Thriller von M. Night Shyamalan: Noch verrückter als die Twists in Old waren die Dreharbeiten

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29.07.2021 - 16:40 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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M. Night Shyamalan musste sich beim Dreh seines neuesten Films gegen eine Pandemie und Hurrikans behaupten. Im Interview habe ich mit ihm über die vielen unerwarteten Herausforderungen von Old gesprochen.

Stellt euch vor, ihr befindet euch an einem paradiesischen Strand. Die Sonne scheint, der Sand ist warm und das Geräusch der Wellen ist leise im Hintergrund zu hören. Der perfekte Urlaubsort – hier könnte man sein ganzes Leben verbringen. Doch was passiert, wenn dieses Leben in rasender Geschwindigkeit vorbeizieht und innerhalb weniger Stunden vorüber ist? Dieses Gedankenspiel greift der Mystery-Thriller Old auf.

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Der neuste Film von M. Night Shyamalan schickt eine Familie in den Urlaub und lässt sie das pure Grauen erleben. Ein fieser Twist folgt auf den nächsten. Doch nicht nur die Ereignisse im Film sind nervenaufreibend und verstörend. Auch die Entstehungsgeschichte von Old ist nichts für schwache Nerven gewesen, wie mir der Regisseur hinter Filmen wie Unbreakable, Signs und The Village im Interview erzählt hat.

Hier könnt ihr den Trailer zu Old schauen:

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Old wurde komplett während der Corona-Pandemie gedreht und ist nun einer der ersten Filme dieser Generation, die weltweit in die Kinos kommen. Die durch das Coronavirus bedingte Ausnahmesituation war allerdings nicht die einzige Herausforderung, der sich M. Night Shyamalan bei den Dreharbeiten stellen musste. Angekommen in der Dominikanischen Republik erwartete ihn die Hurrikan-Hölle.

Moviepilot: Wie hast du es geschafft, inmitten einer Pandemie einen Film zu drehen?

M. Night Shyamalan: Es war sehr angsteinflößend. Ich dachte viele Male, dass ich den Verstand verloren habe, [dieses Projekt] wirklich umzusetzen. Der Cast war mir aber besonders wichtig. Wenn ich den Film nicht zu der Zeit gedreht hätte, hätte ich einige Schauspieler:innen verloren. Das hat mich angetrieben. Ich freue mich außerdem, dass Old einer der ersten neuen Filme ist, die nun im Kino laufen. Ich habe das Gefühl, dass er die Menschen in vielen Punkten berühren wird, da er Themen behandelt, die uns alle beschäftigen.

Wie sah das logistisch mit den Dreharbeiten aus?

Es war sehr schwer. Wirklich sehr, sehr schwer. Oft hatte ich das Gefühl, ich werde den Film niemals beenden. Die Produktion wurde immer wieder verschoben. Ursprünglich wollten wir im Mai [2020] drehen, aber dann wurde es Herbst. In der Zeit war allerdings Hurrikan-Saison in der Karibik und der Dominikanischen Republik, wo wir gedreht haben. Wir wurden von mehreren Hurrikans getroffen. Die Sets wurden zerstört und der Strand überflutet. Alles, was hätte schiefgehen können, ist schiefgegangen.

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Nachdem wir uns am ersten Tag mit der Situation abgefunden haben, kam am zweiten Tag der Strand zurück. Am dritten Tag überraschte uns wieder ein Sturm und wir haben einen halben Tag verloren. Ich dachte wirklich: "Oh nein, wenn der nächste Hurrikan kommt, ist der Film vorbei. Wir können die Dreharbeiten nicht beenden. Uns geht das Geld aus." Doch dann hatten wir 38 Tage lang Sonne. Wir hatten eine Sechstagewoche und am siebten Tag, den Sonntag, eine Pause. Ausgerechnet an dem Tag war es immer stürmisch. Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir es geschafft haben.

Das hört sich unglaublich an.

Es war absolut verrückt. Ich stand unter so viel Stress. Drei Tage, bevor wir mit den Dreharbeiten anfangen wollten, existierte kein Strand zum Drehen. Der Hurrikan hatte alles einfach weggepustet. Das Wasser stand bis an die Felsen. Ich dachte nur: "Wie in aller Welt soll ich einen Film über einen Strand ohne einen Strand drehen?" Aber wir haben nicht aufgegeben und dann kam zum Glück der Strand zurück.

Hast du darüber nachgedacht, den Dreh in ein Studio zu verlegen?

Nicht wirklich. Ich wollte das Gefühl einfangen, wirklich da draußen zu sein. Ich wollte die Schauspieler:innen vor Ort sehen – die Sonne, den Wind und die Wellen. All die mit der Natur verbundenen Dinge waren mir sehr wichtig. Ich wollte dieses ganz bestimmte Gefühl einfangen. Deswegen habe ich auch auf Film gedreht. Damit das Wasser und der Strand deutlich organischer aussehen. [Ein Studio] kam für mich nicht in Frage.

Die Aufnahmen sind wirklich fantastisch geworden. Ich wollte sofort dort Urlaub machen, aber nach dem Film dachte ich mir – nein, danke!

[Lacht]

Wie hast du den Strand gefunden?

Wir haben wirklich überall gesucht. Der Strand musste mehrere Eigenschaften erfüllen, was geradezu unmöglich war. Das Wichtigste ist: Es musste ein Ort sein, an dem eine Filmproduktion möglich ist. Ich brauche eine Crew. Da ich aber kleine Filme drehe, kann ich nicht alle Crew-Mitglieder mitbringen. Stattdessen bin ich darauf angewiesen, dass ich eng mit den Menschen vor Ort zusammenarbeite, was auch Steuervorteile mit sich bringt.

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Und dann brauchte ich einen Strand, der über eine große Felswand verfügt, die ihn komplett oder zumindest zum Teil umgibt. Der Strand musste eine Bucht formen und durfte nicht zu weit von den Unterkünften der Crew entfernt sein. Wir haben in der ganzen Welt gesucht. Man würde denken, dass die Auswahl riesig ist. Es gab allerdings nicht viele Strände, die unsere Anforderungen erfüllt haben. Zum Glück haben wir diesen einen Strand in der Dominikanischen Republik gefunden.

Old ist dein erster Film, den du komplett außerhalb von Philadelphia gedreht hast. Wie war das für dich ausgerechnet in einer solchen Zeit, deine Heimat zu verlassen?

Es war sehr ironisch. Ich hatte meiner Familie bereits vor zwei Jahren gesagt, dass ich diesen Film plane und dann für längere Zeit weg sein werde. Sie sind eigentlich daran gewöhnt, dass ich zum Abendessen und am Wochenende zu Hause bin. Egal, was ich tue: Ich versuche immer, ein stabiles Familienleben zu ermöglichen. Aber in diesem Fall war das nicht so einfach. Also habe ich gesagt: "Ihr müsst mit mir kommen."

Es war genau in der Zeit, in der die USA im Lockdown war. Wir durften nicht einmal unsere Häuser verlassen. In der Dominikanischen Republik gab es zum Glück nur wenige [Corona-]Fälle. Wir haben hauptsächlich im Freien gedreht und die Produktion ziemlich klein gehalten. Wie sich herausstellt, war Old der perfekte Film, um ihn unter diesen ungewöhnlichen Umständen zu drehen.

Der Film basiert auf der Graphic Novel Sandcastle von Pierre Oscar Lévy und Frederik Peeters. Wenn du bereits existierende Stoffe verfilmst: Wie sehr hältst du dich an die Vorlage? Und ab welchem Punkt triffst du deine eigenen kreativen Entscheidungen?

Das ist eine gute Frage. Ich finde, es hängt sehr davon ab, um was für eine Vorlage es sich handelt. Würde ich zum Beispiel Harry Potter verfilmen, dann gäbe es sehr viele Fans, die eine enge Beziehung zu den Büchern aufgebaut haben. Da hätte ich einige Verpflichtungen und Erwartungen zu erfüllen. Im Fall von Old sah die Sache anders aus, da es eine Graphic Novel ist, die vor allem aus Bildern besteht. Diese Bilder werden lose durch die Bewegung einer Geschichte zusammengehalten, aber es gibt keinen richtigen Abschluss.

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Ich habe diese Vorlage nur als Ausgangspunkt für meinen Film genommen und mit den Themen gespielt. Manche Sachen habe wir behalten, etwa den Doktor, die Familie und ein paar der Dinge, die den Kindern passieren. Auch die ethnischen Konflikte und andere Themen habe ich eingeflochten. Es gibt vieles, was ich an der Vorlage liebe. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass die Geschichte etwas andeutet, was noch nicht da war ... ein Ende. Also habe ich mir den Rest selbst ausgedacht.

Mir ist besonders die Figur von Rufus Sewell aufgefallen, die immer wieder von einem Film mit Marlon Brando und Jack Nicholson spricht. Wenn ich richtig liege, müsste es sich hierbei um Duell am Missouri von Arthur Penn handeln. Warum ausgerechnet dieser Film?

[Lacht] Ich habe ihn nie gesehen. Als ich vor längerer Zeit meinen Vater besucht habe, der an Demenz erkrankt ist, erzählte er mir ganz begeistert von einem Film, den er im Fernsehen gesehen hatte. Er sagte: "Jack Nicholson und Marlon Brando spielen zusammen in einem Film! Wie kann es sein, dass niemand diesen Film kennt? Das sind die zwei größten Schauspieler!" Beim Essen redete er immer noch davon – auch Tage später noch. Also sagte ich: "Okay, Dad. Ich baue das in meinen Film ein."

Gab es andere Filme und Serien, die dich bei der Arbeit an Old inspiriert haben?

Ich habe mir ein paar australische Filme zur Inspiration angeschaut. Einer war Walkabout. Hast du den gesehen?

Nein, leider nicht.

Das musst du unbedingt! Er ist absolut großartig! Direkt nach diesem Interview musst du ihn dir anschauen. Er ist wirklich so unglaublich gut.

Okay, kommt auf die Liste.

Und ich habe Picknick am Valentinstag geschaut. Bitte sag mir, dass du den kennst.

Den habe gesehen. Er ist fantastisch!

Sehr gut. Also diese beiden Filme waren meine größte Inspiration. Es geht darum, die Natur in einem Thriller-Setting darzustellen. Ein Albtraum eskaliert in etwas Wunderschönes. Die Filme gehören der Australian New Wave an, deren Stil mich inspiriert hat. Außerdem wollte ich das Gefühl einfangen, das ich am Ende von Planet der Affen hatte. Die Szenen mit dem Strand, der von Felsen umgeben ist – diese Bilder habe ich nie wieder vergessen.

Wenn du von den Bildern sprichst, kannst du mehr über deine Zusammenarbeit mit Kameramann Mike Gioulakis erzählen? Nach Split und Glass habt ihr euch bei Old erneut zusammengeschlossen.

Mike und ich sind gute Freunde. Er ist genauso obsessiv wie ich. Er fängt schon Monate vor Drehbeginn mit der Arbeit an. Wir überlegen uns jede einzelne Einstellung. Ich zeichne Storyboards und er zeichnete welche. Dann fügen wir sie zusammen, drucken sie aus und schauen sie uns vor den Dreharbeiten als eigenen Film an. Wir haben dieses Mal eine sehr formalistische Herangehensweise verfolgt und uns eine visuelle Nomenklatur überlegt.

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Da ging es um die Art und Weise, wie wir Zooms einsetzen oder wie wir mit Close-ups umgehen. Bei Bewegungen mit dem Kamerawagen sind wir zum Beispiel so vorgegangen: Die Kamera bewegt sich die meiste Zeit im Film unabhängig von den Ereignissen, die sie aufzeichnet. Das hat einen bestimmten Grund: Sie verkörpert die Zeit. Die Kamera ist immer in Bewegung, aber sie reagiert nicht auf die Bewegung der Figuren, sondern ist unabhängig und zieht vorbei.

Wir wollten das Gefühl heraufbeschwören, dass die Kamera nicht aufgehalten werden kann. Sie bewegt sich, während die Figuren lebensverändernde Dinge erleben. Manchmal hörst du nur etwas im Hintergrund und dann siehst du plötzlich die Auswirkungen. Wir wollten dadurch etwas Einzigartiges schaffen. Je spezifischer man sich fühlt, während man einen Film schaut, desto länger erinnert man sich an ihn. Meine Hoffnung ist, dass dich die Erfahrung von Old auch noch in vielen Jahren begleitet.

Old läuft seit heute, dem 29. Juli 2021, in den deutschen Kinos.

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Was erwartet ihr euch von Old im Kino?

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