Zum 45. Geburtstag

Spike Jonze - Zwischen Gefahr und Gefühl

Spike Jonze am Set von Her
© Warner Bros.
Spike Jonze am Set von Her

Als Spike Jonze am 02. März 2014 auf die Bühne des Dolby Theaters in Los Angeles gerufen wird, dankt er, ohne eine Spur falscher Bescheidenheit, seinen Freunden und Kollegen, die ihn schon seine gesamte Karriere begleiten. Er hat soeben den Oscar für das Beste Originaldrehbuch für Her gewonnen, seinem ersten ganz allein verfassten Drehbuch. Es ist der bisherige Höhepunkt seiner Karriere, die mit Skateboard-Videos von sich und seinen Freunden, und Musikvideos für Sonic Youth und den Beastie Boys begann.

Heute wird Spike Jonze, der als Adam Spiegel 1969 in Rockville, Maryland geboren wurde, 45 Jahre alt. Das Alter sehen wir dem ewig jugendlich wirkendem Ex-Skater kaum an. Nur ein paar graue Haare erinnern daran, dass er schon eine über 20-jährige Karriere hinter sich hat. Wir gratulieren und schauen uns an, wie Anarcho-Blödsinn von Jackass und feinsinnige Melancholie eigentlich zusammengehen.

Dream of the 90s
Lange bevor Being John Malkovich in die Kinos kam, prägte Spike Jonze schon die Popkultur. In den frühen 1990ern begann er Musikvideos für Hip-Hop und alternative Künstler zu drehen. Besonders mit Videos für die Beastie Boys (Sabotage, Don't Play No Game I Couldn't Win), aber auch Weezer (Buddy Holly, Island In The Sun), Fatboy Slim (Praise You, Weapon of Choice) und Björk (It's Oh So Quiet) hat er das popkulturelle Gedächtnis der 1990er erheblich mitgeprägt. Der Stil entstammt seinen Skateboard-Videos: schnell, wild, immer etwas schräg und oft mit einer Mischung aus Live-Auftritten und freigelassener Fantasie. Dann erfindet er Anfang der 2000er mit seinen Freunden Jeff Tremaine und Johnny Knoxville Jackass: "Wir dachten, das hält keine 8 Folgen und dass wir mit Mord davonkommen während wir 20 Minuten lang im Fernsehen das machen konnten, was wir wollten. Und dabei haben wir nur Zeug mit unseren Freunden und unseren Videokameras gedreht, um uns selbst zum Lachen zu bringen."[1] Aus acht wurden 25 Folgen und vier Kinofilme, bei denen Spike Jonze bis heute als Autor und Produzent tätig ist.

Spike Jonze selbst als Tänzer in Praise You von Fatboy Slim

Bis heute dreht Spike Jonze Filme mit den Freunden, die er während seiner Zeit als Musikvideo-Regisseur kennengelernt hat. In Interviews betont er stets wieder, wie wichtig ihm die Zusammenarbeit mit ihnen und der Rat von Kollegen ist. So konsultierte er während der Post-Produktion zu Her Steven Soderbergh und David O. Russell. "Es gibt Zeiten, da verlasse ich mich auf meine Freunde, damit sie mich retten", erklärt er Indiewire. Er gibt viel auf deren Meinung, lässt sich aber nicht von angeblichen Trends und wirtschaftlichen Faktoren leiten. Vielmehr steht das Was-Wäre-Wenn oder das Wäre-Es-Nicht-Cool-Wenn am Anfang seiner Filme. Die Zusammenarbeit mit Charlie Kaufman bei Being John Malkovich und Adaption trug besonders süße - oder besser bittersüße - Früchte. Was wäre, wenn ein Mann den Eingang zu John Malkovichs Gehirn findet? Wäre es nicht cool, Realität und Fiktion so sehr verschwimmen zu lassen, dass jeder Journalist danach fragt, ob es Donald Kaufman wirklich gibt?

Vom Scheitern und der Lust am Träumen
Eine andere Seite, die Spike Jonze in seinen Spielfilmen zeigt, ist eine melancholische, weniger extravertierte als in seinen Musik- und Skateboard-Videos. Nicolas Cage ist in Adaption ein mit sich und seiner Arbeit strauchelnder Autor, John Cusack in Being John Malkovich ein erfolgloser Puppenspieler und Joaquin Phoenix' Theodore findet nach der Scheidung von seiner Frau nur schwer die Kraft am sozialen Leben teilzunehmen - bis er das OS Samantha kennen lernt. Das Interesse an innerer Zerrissenheit kommt nicht von ungefähr.


In Interviews spricht Spike Jonze oft über seine Momente der Angst vor dem Scheitern[2]. Der Wochenzeitung Die ZEITsagte er: "Ich weiß mittlerweile, dass es bei allen großen Projekten, die ich mache, mindestens einmal den Punkt gibt, an dem ich denke: Die Sache geht schief, ich werde scheitern. Und dann geht es doch weiter". Bei öffentlichen Auftritten ringt er oft nach Worten; gibt zu kein großer Redner zu sein. Von diesen Unsicherheiten zehren seine Filme. Wo die wilden Kerle wohnen ist nicht etwa (nur) ein niedlicher Kinderfilm, sondern wieder einmal ein rührendes und surreales Drama über die Ängste und Vorstellungskraft eines Kindes. Etwaige Beklemmungen lähmen Spike Jonze nicht, er nutzt sie zur kreativen Auseinandersetzung mit unserem Innersten.

Spike Jonze ist einer mit großer Neugierde, immer etwas Neues dazuzulernen und keine ausgetrampelten Pfade zu betreten. Being John Malkovich, Adaption, Wo die wilden Kerle wohnen und Her verkörpern auf eine Art das, was Kino schon ganz zu Beginn der Filmgeschichte - zu Zeiten von Georges Méliès - zeigen sollte: Fantasie und Einfallsreichtum. Allerdings fabuliert Spike Jonze nie zum Selbstzweck, sondern immer, um die Psyche seiner Charaktere zu erforschen und eine in ganz realen Gefühlswelten verankerte Geschichte auf die Leinwand zu bringen.


Spike Jonzes Filme erreichten insgesamt zwölf Oscar-Nominierungen, von denen er selbst als Regisseur oder Autor vier Mal nominiert war. Mit Her hat es in diesem Jahr geklappt. Und obwohl der Glitzerveranstaltung zu Recht alle möglichen Kritikpunkte an den Kopf geworfen werden können, steht Jonze auch zu Recht im Rampenlicht, lächelt unsicher ins Publikum und dreht sich dann zu seinen Freunden auf der Bühne um, als würde er sie am liebsten zu sich ans Mikrofon holen. 

Wir gratulieren Spike Jonze zum 45. Geburtstag und wünschen uns mindestens 45 weitere Jahre voller unbekannter Welten und Reisen in die menschliche Gefühlswelt - vielleicht eine in die Skateboard-Subkultur, denn dann würde sich der Kreis wunderbar schließen.

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