Once Upon a Time in Hollywood

Tarantino in Cannes: So gut war Leonardo DiCaprio seit 15 Jahren nicht mehr

Once Upon a Time in Hollywood
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Quentin Tarantino träumt sich zurück ins Los Angeles von 1969, in dem Pornos große Premieren feierten und auf der Leinwand alles möglich schien. Mit Leonardo DiCaprio und Brad Pitt lässt er in Once Upon a Time... in Hollywood eine Ära auferstehen. Urkomisch und überraschend berührend ist der Film geworden, der sich des Umfelds der Manson-Morde annimmt, die L.A. erschütterten.

Überlang, zerfasert und nicht halb so waghalsig wie die Tarantino-Filme ab Inglourious Basterds ist Once Upon a Time... in Hollywood allerdings auch. Eine kleine Enttäuschung - anders lässt sich die Reise in die Traumfabrik der Hippie-Ära kaum beschreiben. Dafür geben Leonardo DiCaprio und Brad Pitt zwei der besten Darbietungen ihrer Karriere in einem Film, der ihnen huldigt: Helden, die Filmträume wahr machen, von denen wir nie eine Ahnung hatten.

Once Upon a Time in Hollywood blickt auf die Nebendarsteller Hollywoods

Sonntagmittag, der Braten rutscht gerade von Magen zu Darm und die Augenlider werden schwer. Die Fernbedienung liegt in der Hand und der Daumen drückt sich von Sender zu Sender, von trällernden Charmeuren, missmutigen Polizisten, zu einem alten Schinken, in dem Terence Hill Ohrfeigen und Kugeln verteilt, dann wieder der Charmeur.

Once Upon a Time... in Hollywood schaut sich wie so ein schläfriger Sonntag des Müßiggangs, in dem das Interesse beim Zappen nirgendwo hängen bleibt.

Wir beobachten den abgehalfterten Gerade-noch-so-Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) bei der Arbeit in einer Western-Serie und wir begeben uns mit Cliff Booth (Brad Pitt), seinem Stunt-Double, Sauf-Kumpan und Mädchen für alles auf eine Spritztour, während Sharon Tate (Margot Robbie) durch ihr Leben tanzt.

Sie gehören zum Ensemble der Traumfabrik, die eine ein aufsteigender Star, die anderen wieder in der Riege der Nebendarsteller angekommen.

Im Kopf tickt die Uhr: Wann werden wir zum ersten Mal Charles Manson sehen? Wie wird Tarantino mit der Ermordung Tates und ihrer Freunde in einer Augustnacht des Jahres 1969 umgehen? Die realen Hintergründe verwandeln sich in Once Upon a Time... in Hollywood in einen unterschwellig anwesenden Spannungsfaktor.

Once Upon a Time ... mit Leonardo DiCaprio: Der Plot ist Nebensache

Tarantino lässt sich nämlich Zeit, sehr viel Zeit. So viel Zeit, dass man im Prinzip nichts an Once Upon a Time... in Hollywood spoilern kann, wenn man über die ersten Hundert Minuten schreibt. Außer vielleicht einen der Dutzend Gastauftritte bekannter Gesichter.

Aber wen interessieren Spoiler? In Once Upon a Time... in Hollywood tritt die Handlung so häufig auf die Vollbremse, dass der Plot zur Nebensache gerät. Das gehört zu den Stärken und Schwächen des Films.

In Tarantinos neuntem Film wird schließlich sein Hollywood lebendig, mitsamt der Filmposter, Motel-Schilder und Persönlichkeiten seiner (jugendlichen) Obsessionen. Für einen Besuch im Playboy-Anwesen wird sich ebenso Zeit genommen wie für ausgedehnte Fahrten, in denen Pitts Stuntman auf die Stadt der Engel blickt wie ein Rancher auf die Weite seines Grundstücks.

Drei Dinge, die ihr über den neuen Tarantino wissen müsst:

  • Leonardo DiCaprio spielt den fiktiven Western-Star Rick Dalton, der in der realen TV-Serie Lancer mitspielt.
  • Damien Lewis spielt Steve McQueen und ich brauche einen Psychologen, mit dem ich über seine Perücke sprechen kann.
  • Robert Richardson führt wie schon bei den letzten Tarantinos die Kamera des Films, der auf 35 Millimeter gedreht wurde.
  • Alle Infos zum Festival Cannes 2019 in der Übersicht.

In Once Upon a Time... in Hollywood wird mit der Auferstehung einer Stadt geprahlt, jedes Detail begafft. Dass der Film von Szene zu Szene, fiktivem Film zu fiktiver Serie springt, als gäbe es kein Ziel, keinen Grund und auch nicht immer die geniale Tarantino-Idee, welche sowas rausreißt, verstärkt diesen Eindruck.

Andererseits macht das den Charme dieses 160-Minüters aus. Wenn einer Nostalgie so weit (über)treiben kann, dass sie wieder ästhetisch spannend wird, dann ja wohl Tarantino. In diesem Fall ist das oben erwähnte Gefühl des Zappings keine Untertreibung.

Quentin Tarantino macht das Fernsehen zum Kino

In Once Upon a Time... in Hollywood macht Tarantino das Fernsehen zum Kino. Normale Filmszenen gehen ohne Vorbereitung in Serien-Dreharbeiten über. Nur bleibt die Illusion häufig ungebrochen. Wenn DiCaprios Rick Dalton beim Dreh der Westernserie Lancer einen schmierigen Bösewicht mit fettigem Bart gibt, dann umkreist die Kamera diesen schmierigen Bösewicht, ohne dass eine Filmklappe ins Bild ragt.

Die Welt von Lancer wird ebenso real wie es die Welt von Once Upon a Time... in Hollywood ist. Das macht die Magie der Traumfabrik aus, ob nun für die große Leinwand oder die kleine Mattscheibe produziert wird.

Der täglichen Fernseh-Unterhaltung jener Jahre setzt Quentin Tarantino mit Once Upon a Time... in Hollywood ein nötiges Denkmal in einer Ära, die "künstlerisch wertvolles" TV mit der Geburt von Tony Soprano datiert. Wir schauen zu, wie Dalton nach vergessenen Dialogzeilen den Flachmann gegen die Wohnwagenwand schmeißt. Aber der Blick hinter die Kulissen bleibt liebevoll, vor allem für die Stars.

Once Upon a Time ... zeigt Leonardo DiCaprio so stark wie seit Jahren nicht mehr

Leonardo DiCaprio spielte schon seit Jahren nicht mehr so frei und locker auf wie in Once Upon a Time... in Hollywood. Da müssten wir zurück zu Aviator oder Catch Me If You Can reisen. Ohne Cowboy-Hut knabbert sein Rick Dalton nervös an den Fingernägeln. Er ist ein kleiner, unruhiger Mann, der große, einschüchternde Typen perfekt darstellen kann.

Daltons Träume von Hollywood stehen kurz davor, auf dem Asphalt zu zerschellen und über diese tiefsitzende Wunde, die seine große Liebe zu schlagen droht, macht selbst Tarantino keine Witze. Oder nur wenige.

Brad Pitts Cliff Booth wirkt dagegen wie ein richtiger Star, so wie wir uns Steve McQueen außerhalb des Sets vorstellen wollen. Tough, selbstsicher, ruhig. Selbst Bruce Lee würde ihn nicht einschüchtern (obwohl er es im Film versucht). Die gespielte Gewalt Hollywoods hat auf seinem Stuntman-Körper reale Spuren hinterlassen: Echte Narben ziehen sich über seine Haut, wie die Straßen durch die Stadt der Engel.

Gibt es in Once Upon a Time... in Hollywood allerdings ein Gesicht, das Tarantinos Liebe zur Traumfabrik ausstrahlt, dann gehört es Margot Robbie. Wir sitzen mit ihr im Kino, schauen den Dean Martin-Film Rollkommando an und werden Zeugen einer unglaublichen Verwandlung, die Kamera, Schnitt und so weiter zu erzeugen im Stande sind. Hier die lebensfrohe junge Frau, die im Traumland angekommen ist, und oben auf der Leinwand der nächste große Star, Sharon Tate.

Was erwartet ihr von Once Upon a Time in Hollywood?

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