The Deuce - Staffel 1, Folge 7: The Golden Age of Porn

Jamie Neumann in The Deuce
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Mit einem Wechsel ins Handlungsjahr 1972 nähert sich The Deuce dem "Golden Age of Porn" – wenige Monate trennen die Ereignisse der Serie noch vom Urknall des pornographischen Mainstream-Kinos. Verknüpft ist dieses Zeitalter vor allem mit Deep Throat, dem profitabelsten und wahrscheinlich einflussreichsten Hardcore-Spielfilm überhaupt. Einen landesweiten Erfolgszug durch Filmtheater (und Gerichte) startete er unweit der The Deuce genannten 42nd Street: Seiner Premiere am Times Square folgten rasch angeordnete Beschlagnahmungen und medienwirksame Festnahmen durch das FBI, die ersten von vielen Prozessen und schließlich Einnahmen von angeblich 600 Millionen Dollar. Knackpunkt des langen Wegs zur Legalisierung von Pornos war die jahrelang verhandelte Frage, ob Filme wie Deep Throat gegen das US-amerikanische Obszönitätsgesetz verstoßen. Wenngleich ihre Produktionen allen Unklarheiten zum Trotz unaufhörlich gedreht und gesehen wurden, bewegten sich Macher und Beteiligte der Pornographie in einer Grauzone.

David Simon bindet entscheidende Details dieser Entwicklung in seine Erzählung ein, von öffentlichen Sexshows mit Kameraattrappen bis zu ausverkauften Kinovorstellungen des schwulen Pornoklassikers Boys in the Sand (1971). Bevor das Geschäft salonfähig wird, geht The Deuce allerdings zwei Schritte zurück. Mehr denn je findet käuflicher Sex hinter vorgehaltener Hand statt, werden die Prostituierten von der Straße in die Unsichtbarkeit angeblicher Massage-Salons und notdürftig aufgebauter Porno-Sets gedrängt. Grund sind erneut symbolpolitische Vollstreckungen des Polizeiapparats: Mit halbherzigen Verhaftungsaktionen und feiertagstauglichen Säuberungen der Blocks sorgt das New York Police Department für einen scheinbar sexfreien öffentlichen Raum – und regelt freilich die neuen Organisations- und Vertriebsstrukturen von Pornos wie Puffs, an deren Umsatz auch Polizisten fleißig mitverdienen. Am Ende der ersten Staffel widmet sich die Serie den Repräsentanten des Staats in besonderer Weise.

The Deuce spielt in einer Zeit, als das NYPD wegen hochrangiger Korruptionsaffären unter massivem öffentlichen Druck stand. Die von den Polizisten Frank Serpico und Robert Leuci publik gemachten Vergehen legten damals einen Sumpf aus Polizeigewalt und systematischen Schmiergelderpressungen frei. Den historischen Kontext berücksichtigte David Simon von Beginn an. In der Pilotfolge beobachteten wir Officer Flanagan (Don Harvey) bei der Verhaftung von Abby (Margarita Levieva), die er statt polizeidienstlich zu erfassen lieber auf ein Bier einlud. Und sein Kollege Chris Alston (Lawrence Gilliard Jr.) scheint von der pflichtschuldigen Umsetzung fadenscheiniger Prostitutionsbekämpfung ebenso genervt. In einem Moment führt er die Sexarbeit untersuchende Undercover-Reporterin Sandra (Natalie Paul) zum Essen aus, im nächsten sitzt er lachend mit ebenjenen Pimps beim Friseur, deren ausbeuterische Methoden Sandra aufzudecken plant. Nicht um Kausalitäten geht es der Serie, sondern komplizierte Abhängigkeitsverhältnisse.

Flanagan, Alston und zunehmend auch Officer Haddix (gespielt von Ralph Macchio, dem ehemaligen Karate Kid!) sind typische Simon-Figuren – ambivalent und schwer zu fassen, also ziemlich reizvoll. Sie würden sich gut einpassen in die unbequemen Filme eines Sidney Lumet, der mit Serpico (1973) und Prince of the City (1981) Erfahrungswirklichkeiten von Polizisten aufgriff und sie in Tödliche Fragen (1990) und Nacht über Manhattan (1997) fiktional weiterspann. The Deuce bewegt sich ästhetisch und erzählerisch näher am New-Hollywood-Kino jener Zeit als an Boogie Nights (1997). Simons Blick ist entschieden unnostalgisch, seine Rekreation einer allenfalls oberflächlich glamourösen Ära hat nichts Wehmütiges (was ihn auch unterscheidet von amüsant-anekdotischen Rückblicken wie der Dokumentation Inside Deep Throat). Ganz ohne Hoffnungsschimmer wäre das nicht zu ertragen: Die Ära der vom Bedeutungsverlust ihres kriminellen Kontrollsystems bedrohten Cops und Pimps neigt sich in der neuesten Folge dem verdienten Ende zu.

Die große Tragik der Serie ist damit zwar längst nicht überwunden: Von den neuen Strukturen profitieren Frauen wie Darlene (Dominique Fishback) weiterhin am allerwenigsten, und ob das Bemühen um Einfluss in der Pornoproduktion Eileen (Maggie Gyllenhaal) tatsächlich irgendetwas bringen wird, ist noch völlig offen. Die Weichen jedoch scheinen gestellt, besonders im wieder aufgegriffenen bzw. vertieften Handlungsstrang der Prostituierten Ashley (Jamie Neumann). Sie war es, die zu Beginn der Serie von Zuhälter C.C. (Gary Carr) verstümmelt wurde, und kehrt der Straße mit Abbys Unterstützung nun den Rücken (das "privilegierte" Arbeiten in Bobbys Salon oder Harveys Pornos ist für sie demnach keine Alternative). Lediglich ein Schnitt trennt die zwei entscheidenden Bilder der aktuellen, von James Franco unerwartet großartig inszenierten Folge. Pimp Reggie (Tariq Trotter) geht von Blei durchlöchert zu Boden. Und Ashley fährt die Rolltreppe des Busbahnhofs hinauf in eine ungewisse Zukunft. Es kann nur besser werden.

Sky Ticket - The Deuce

Parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung auf HBO ist die Serie in der Nacht von Sonntag zu Montag wahlweise Deutsch synchronisiert oder im Original über Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand zu sehen. Einen Tag später läuft die erste Staffel auf Sky Atlantic HD. Jeden Dienstag ist sie dann außerdem als digitaler Download bei Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox erhältlich.

Alle Recaps zur ersten Staffel von The Deuce:


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