The Deuce – Staffel 1, Folge 5: Letzter Ausweg Porno

Maggie Gyllenhaal in The Deuce
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Meint es gut mit den Menschen.

Hierzulande wird die Debatte um Prostitution seit einigen Jahren mit verschärftem Ton geführt. Als illustratives Unterscheidungsmerkmal "alter" und "neuer" emanzipatorischer Positionen demonstriert sie einen Diskurswandel, in dem sich verdienstvolle Frauenrechtlerinnen nicht mehr (nur) gegen patriarchalische Strukturen und deren Repräsentanten, sondern plötzlich auch Vertreterinnen eines postmodern-intersektionellen Feminismus behaupten müssen. Diese haben in Alice Schwarzer offenbar ihren Hauptfeind ausgemacht: Zahlreiche Stimmen kritisierten den 2013 von der Zeitschrift Emma formulierten "Appell gegen Prostitution", weil er nicht zwischen illegalem Frauenhandel und legitimer Sexarbeit differenziert oder die Vorzüge des Prostitutionsgesetzes anerkannt habe – beispielsweise die darin geregelten zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten und Versicherungsansprüche der Frauen. Umgekehrt hieß es, "Netzfeministinnen" relativierten Ausbeutung und Unterdrückung.

Indem The Deuce das Thema durch zeitlich und räumlich scheinbar weit entfernte Zusammenhänge verhandelt, greift die HBO-Serie historische Bedingungen einer Diskussion auf, die vielleicht beiderseits an gewissen Erfahrungswirklichkeiten vorbeiargumentiert. Um Agitation geht es David Simon ebenso wie den Regisseurinnen und Regisseuren nämlich nicht. Sie werfen Schlaglichter auf ein vielfältiges Geschäft mit Sex, das in seiner Komplexität keinen Raum für ideologische Frontenbildung zulässt. So zeigt The Deuce schonungslos Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Prostituierte im New York des Jahres 1971 noch gänzlich verfangen sind: Mit all der selbstverständlichen Gewalt, die Frauen ertragen und Behörden ignorieren, der tief sitzenden Misogynie von Zuhältern und Freiern, der erbärmlichen Realität des Anschaffens und ihren sozialen Voraussetzungen. Interessiert aber ist The Deuce auch an einer (hier: utopischen) Idee selbstbestimmter Sexarbeit, die der neue Hardcore-Kinomarkt in Aussicht stellt.

Pornographie also – bewegte Lustbilder, die heute tatsächlich auch von Frauen und nicht mehr ausschließlich für den männlichen Blick produziert werden. Einigkeit besteht darüber allerdings genauso wenig, die queerfeministische Aneignung und Umdeutung von kommerzieller Nacktheit argumentiert fleißig gegen das anhaltende Bestreben ihrer Einschränkung ("PorNo"). In The Deuce ist bislang unklar, ob sich das aufblühende Business für die mittlerweile zentrale Figur der Serie, Candy alias Eileen (Maggie Gyllenhaal), wirklich als Rettungsanker oder doch nur Fortsetzung bekannter Erniedrigungsformen erweisen wird. Andererseits kann es schlimmer wahrscheinlich nicht mehr kommen: Candy wird in der neuesten Folge erst ausgeraubt und krankenhausreif geschlagen, dann von Zuhälter Rodney (Method Man) ob ihrer notdürftig kaschierten Wunden brüskiert und schließlich auch verbal aufs Schlimmste gedemütigt. Candy weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Und tut einfach beides.

In Gesprächen mit freiwilligen Sexarbeiterinnen ist häufig die Rede von einer strikten Trennung zwischen beruflicher und persönlicher Intimität – private Liebesbeziehungen dürfe die Prostitution nicht berühren, was leichter gesagt als getan scheint. Candy jedenfalls hat erhebliche Schwierigkeiten, den ehrlich um sie bemühten Jack (Will Chase) an sich heran zu lassen, und schon in der vorletzten Folge legte ihr zärtlicher Abschiedskuss die Vermutung nahe, dass sie lange keinen Mann mehr auf diese Weise berühren konnte. Bemerkenswert ist, wie The Deuce zunehmend die eigenen erotischen Bedürfnisse der anschaffenden Frauen ins Bild setzt. So macht Jack einen verdutzten Eindruck, als Candy sich nach dem gemeinsamen Sex durch Selbstbefriedung zum Höhepunkt bringt. Ein schöner Moment, wenn auch mit tristem Ausgang: Das Taxigeld für die Heimfahrt erinnert Candy umgehend an eine Wirklichkeit, in der gerade sorgenfreies Vögeln keine Selbstverständlichkeit ist. Am Ende dürfte ihr Ausstieg besiegelt sein.

Während die einen der Prostitution den Rücken kehren, wenden sich ihr andere zu. Darlene (Dominique Fishback) hat Abbys Ticket in die Heimat genutzt, um für Zuhälter Larry (Gbenga Akinnagbe) ein neues Mädchen zu rekrutieren. Das Leben in der Provinz ist für sie keine Alternative, dafür braucht es nur wenige Einstellungen und schwärmerische (Selbst-)Lügen vom Big Apple. Verinnerlichte Machtverhältnisse erweisen sich einmal mehr als die wirkmächtigsten, und Larry reicht das Mädchen wie einen Gegenstand an Rodney weiter. Vincent (James Franco), dessen Handlungsstrang allmählich die politische Ökonomie des auf ungleich höheren Ebenen mit Sexarbeit verstrickten Gangsterlebens problematisiert, errichtet derweil einen von der Mafia finanzierten Puff. Die zuvor weitgehend diffusen Szenen zwischen ihm und Schwager Bobby (Chris Bauer aus The Wire) verdichten sich damit zu einem schlüssigen Plot, der von den eigentlich entscheidenden Abhängigkeiten in The Deuce erzählt: der Logik des Markts.

Sky Ticket - The Deuce

Parallel zur wöchentlichen Ausstrahlung auf HBO ist die Serie in der Nacht von Sonntag zu Montag wahlweise Deutsch synchronisiert oder im Original über Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand zu sehen. Einen Tag später läuft die erste Staffel auf Sky Atlantic HD. Jeden Dienstag ist sie dann außerdem als digitaler Download bei Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox erhältlich.

Alle Recaps zur ersten Staffel von The Deuce:


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