Titanic - James Camerons Meisterwerk feiert Jubiläum

Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in Titanic
© 20th Century Fox
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Meint es gut mit den Menschen.

In Teilen der damaligen Fachpresse führten die scheinbar endlose Produktionsphase, das auf unübliche 200 Millionen Dollar angestiegene Budget und der um sechs Monate nach hinten verschobene Starttermin von Titanic zu reichlich Skepsis. Mit gleich zwei verantwortlichen Major-Studios im Rücken habe James Cameron einen heillos überveranschlagten Film gedreht, hieß es 1997, so aufgeblasen wie das einst größte Passagierschiff der Welt. Branchenmagazine stellten Verlustrechnungen auf in der Gewissheit, er werde an den Kinokassen gnadenlos untergehen. Und bevor überhaupt jemand Camerons maßstabsgetreuen Nachbau des Unglücksdampfers zu Gesicht bekam, war er schon zum Symbol von Hollywoods Hybris geworden.

Solche Zweifel zerschlug seine Titanic bekanntlich im großen beziehungsweise allergrößten Stil, mit Rekordeinnahmen in Milliardenhöhe, elf gewonnenen Oscars und einem Regisseur, der sich in Los Angeles selbst zum "König der Welt" kürte. Ganz ausräumen konnte er die hartnäckigen Vorbehalte gegen ihn jedoch nicht: Titanic gilt zugleich als einer meistgesehenen wie meistgehassten Filme der Kinogeschichte. Ihn zu mögen oder gar zu verehren, schien stets nach einer gewissen Rechtfertigung zu verlangen – noch heute kann es vorkommen, dass die Begeisterung für ihn auf fragende bis entsetzte Gesichter stößt (persönlich zigfach erlebt).

Zwölf Jahre verabschiedete sich James Cameron daraufhin von der großen Leinwand, gelegentliche Dokumentarexpeditionen ausgenommen. Mit Hochdruck arbeitete er an einem noch viel gigantischeren, auch das letzte Misstrauen zerschlagenden Film (die Bürde des Kinokönigs: alles daran setzen zu müssen, dass die Welt sich ihm auch weiterhin ergibt). Statt Maßstäbe sollte Avatar - Aufbruch nach Pandora sogar gänzlich neue Standards setzen, sollte nicht mehr nur Einspielergebnisse übertreffen, sondern die Kinolandschaft buchstäblich umbauen als ein sämtliche Sinne in Beschlag nehmendes 3D-Motion-Capture-Erlebnis, das die mit Titanic erprobte Mischung aus Actionspektakel und Superromanze ins volldigitale Filmzeitalter überführt.

Der mit einem Schlag zum internationalen Teenageridol avancierte Leonardo DiCaprio versuchte hingegen, die "Leo-Mania" und den medialen Hype um ihn regelrecht vergessen zu machen. Eine ganze Reihe kerniger, sichtlich mühsam erschlossener Rollen war nötig, um Fleißbienchen von jenen Zuschauern zu erhalten, die ihm Titanic nie verzeihen wollten und irgendwann doch generös urteilten, dass er "eigentlich" ein guter Schauspieler sei. Leonardo DiCaprio war gewissermaßen die Kristen Stewart seiner Zeit. Und der Mythos vom ewig übergangenen Oscar-Kandidaten begann dort, wo die Academy den Romeo des Eventfilms nicht einmal mit einer Nominierung bedachte.

Für die rätselhaft aggressive Ablehnung des ehemals allgegenwärtigen wie gleichwohl organischen, nämlich aus wachsendem Interesse und ehrlicher Begeisterung entfachten Phänomens Titanic gab es natürlich bestimmte Gründe. Von James Cameron, dem markigen Technokraten unter Hollywoods Blockbuster-Autoren, hatte offenbar niemand erwartet, dass er eine Romanze so ausladend erzählen könnte wie es die epischen Melodramen der klassischen Studioära taten. Dass er Liebesgefühle mit dem gleichen Bombast in Szene setzen würde wie zuvor nur den Kampf gegen Maschinen aus der Zukunft oder Verfolgungsjagden zwischen Geheimagenten und Terroristen.

Auf dem Höhepunkt postmodernen Filmemachens mischte Cameron das Spektakel mit all den eindrücklich getricksten Zerstörungsbildern unter eine Erzählung, die überraschenderweise frei von Ironie war. Außen wie innen sollte sie einmal nicht von männlichen Behütern oder Frauen mit schweren Geschützen, sondern herzerweichender Sanftmütigkeit bestimmt sein. Titanic erzählte die Geschichte einer Befreiung aus Rollenverhältnissen und die Geschichte einer Verführung, die Geschichte also der von Kate Winslet gespielten Rose. Schlichte Gemüter glaubten deshalb, der kommerzielle und emotionale Erfolg des Films ließe sich dadurch erklären, dass er "für Frauen" gemacht sei.

Wie alle Versuche einer Vergeschlechtlichung des Kinos zielte diese scharfsinnige Beobachtung offenbar darauf ab, Titanic nicht ernst nehmen zu müssen oder vielleicht auch guten Gewissens verachten zu dürfen - immerhin verzweifelten Männer seit Bodyguard (1992) nicht mehr so demonstrativ stolz an unverstelltem Kitsch. Als hätte James Cameron entsprechenden Reaktionen vorgreifen wollen, machte er diese eingeschränkte Perspektive sogar zum Ausgangspunkt seines Films, der ziemlich unromantisch mit abenteuerlustigen Wissenschaftlern und technikversessenen Nerds beginnt.

Die Rahmenhandlung mit ihren zahlreichen epischen Vorausdeutungen ist nicht nur ein Musterbeispiel geschlossenen Erzählens, weil Cameron sich darin wie Spielberg vom Kleinen zum Großen bewegt, er das in anderen Verfilmungen der Katastrophe ausgesparte Durchbrechen der Titanic zu Beginn als Animation auf einem Minibildschirm zeigt oder für Sekunden auf die Entstehung der Zeichnung schneidet, die Jack von Rose anfertigt. Sondern weil diese Rahmung sich insbesondere darum bemüht, ein der Liebestragödie gegenüber unaufgeschlossenes Publikum in die schwärmerische Erzählung einzubeziehen. Am Ende sitzen die zunächst argwöhnischen Männer gebannt vor einer 100-jährigen Frau, die ihr Herz ausschüttet.

Genauso kurzsichtig wie die ohnehin allzu offensichtlich falschen Abzirkelungen (schließlich wurde Titanic ein über Alters- und Geschlechtergrenzen hinausweisendes Ereignis) wären andererseits rein identitätspolitische Lesarten des Films. Zweifellos ist Rose das Zentrum der Geschichte, Antriebsmotor und Verbindungsglied, eine tolle und wahrscheinlich auch "starke" Frauenfigur – etwas Besonderes gelingt Cameron vor allem in der erotischen Annäherung mit Jack, die das amerikanische Klischee vom ersten Sex auf der Autorückbank zärtlich umkodiert (indem das Mädchen den Jungen über den Sitz zieht und ihrem zitternden Liebhaber das Gesicht streichelt).

Doch gehören solche reizvollen Variationen am Liebesfilm- und Popkulturkanon zu einer größeren Idee, die James Cameron vom Melodram als Spektakel verfolgt. Vielleicht ergab sich die Popularität des Films zuallererst aus der formalen Bestätigung des alten Stils und seiner figuralen Erneuerung, der Verquickung von Romanze und Desaster, der Fiktionalisierung von Geschichte und ihrer tatsächlichen Bebilderung auf dem Grunde des Atlantiks. Die Skeptiker hatten ja völlig Recht, mit absoluter Besessenheit wollte Cameron das Kino bezwingen wie einst die RMS Titanic das Meer. Aber warum sollte das schlecht sein? Herausgekommen ist immerhin einer der leidenschaftlichsten Blockbuster der 1990er Jahre.

Dazu zählt freilich auch der unbedingte Wille, den über 1500 Opfern des Unglücks ein filmisches Denkmal zu setzen, das vor Kitsch erst recht nicht zurückschreckt. Die Darstellung der sozial Schwachen, der eingeschlossenen, niedergezwungenen und ultimativ auch mit Waffengehalt vor dem Zugang zu Rettungsbooten gehinderten Menschen will genauso berühren wie das Porträt der selbstsüchtigen Adeligen eben gruseln soll. Cameron gelang keine Analyse von Klassenverhältnissen, er rechnete vielmehr unnachgiebig mit ihnen ab. Hollywood-Kapitalismuskritik im Blick zurück, aber dann wenigstens richtig.

Trotz des enormen Aufwands, den Rekonstruktion und nochmaliger Untergang des Riesenschiffes erforderten, ist Titanic letztlich ein intimer Film. Seine hoffnungslose Romantik reicht über die eigentliche Liebesgeschichte hinaus. Sie befällt Ausstattungsdetails, Kamerasubjektiven und Überblendungen im Close-Up, findet Ausdruck und Konturen auf allen gestalterischen Ebenen. Bestimmt ist es nicht originell, zumindest sehr unspezifisch, das überwältigende Gefallen eines Films damit zu begründen, er sei "Kino" oder "Kino pur". Dem irrsinnig schönen Pathos von James Cameron aber lässt sich tatsächlich kaum etwas anderes entgegenhalten: Ein Bekenntnis zum Kino, als sei es das erste Mal.

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