Under the Skin: Scarlett Johansson als Alien im verstörendsten Film der 2010er

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© Leonine
Under the Skin
30.01.2020 - 15:20 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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In Under the Skin verdreht Scarlett Johansson als Alien Männern den Kopf. Einer der besten Filme der letzten Dekade ist aber vor allem eine bestürzende Parabel über die Tragik des Menschseins.

Neben ihrer Superheldinnen-Rolle als Black Widow im Marvel Cinematic Universe, die Scarlett Johanssons Karriere im vergangenen Jahrzehnt deutlich prägte, ragt einer ihrer Filme hoch über alle anderen hinaus. Gemeint ist der Science-Fiction-Trip Under the Skin, in dem die Schauspielerin ein Alien verkörpert, das auf der Erde eine rätselhafte Mission verfolgt.

Kaum ein anderer Film der vergangenen Dekade steht derart kryptisch, rätselhaft, verstörend und abstrakt in der Tradition großer surrealer Vorbilder wie Jonathan Glazers experimenteller Monolith.

Neben den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten ist Under the Skin, der in unserer Top 100 der besten Filme der letzten Dekade Platz 4 belegt, vor allem eine berauschende Filmerfahrung. Durch die Perspektive eines außerirdischen Wesens wird die Menschheit zum Fremden.

Spannende Fakten zu Under the Skin

  • Under the Skin basiert lose auf dem gleichnamigen Roman von Michel Faber, der 2000 erschienen ist. Schon 2001 wollte Jonathan Glazer das Buch erstmals verfilmen.
  • Viele Szenen in Under the Skin wurden mit Laiendarstellern und versteckten Kameras in Glasgow gedreht. Die regelmäßigen Reaktionen auf Scarlett Johanssons Figur sind dadurch reale, nicht einstudierte Momente.
  • Bei einem Budget von umgerechnet 13,3 Millionen Dollar spielte Under the Skin nur rund 5,7 Millionen Dollar  wieder ein. Der Film gilt damit als kommerzieller Misserfolg.
  • Mit 2.313 Bewertungen der Moviepilot-Community kommt Under the Skin auf einen Punktedurchschnitt von 6,4.

Under the Skin entführt in eine fremde Welt, die unsere Welt ist

Nicht von dieser Welt wirken die anfänglichen Momente in Under the Skin, wenn sich aus scheinbaren Planetenumrissen und unverständlich gemurmelten Satzfetzen langsam die Nahaufnahme eines Auges bildet. Obwohl die folgenden Szenen auf der Erde stattfinden, erweckt Jonathan Glazers Werk weiterhin den Anschein eines Films, der selbst von einem anderen Planeten zu stammen scheint.

Was der Betrachter zumindest ansatzweise erfassen kann, sind Aufnahmen von Scarlett Johansson, deren Körper als Hülle eines außerirdischen Wesens dient. In einem Van fährt sie durch das schottische Glasgow, um alleinstehende Männer zu verführen und zu sich in ein heruntergekommenes Haus zu locken.

Under the Skin

Durch diese wiederholten Abläufe bekommt Under the Skin einen stark ritualisierten Charakter, der zu einigen der bizarrsten Szenen des Films führt. Plötzlich befinden sich die verführten, entkleideten Männer in pechschwarzen Nicht-Räumen, in denen sie in einer seltsamen Flüssigkeit versinken. Was anschließend mit ihren Körpern passiert, lässt sich mit Worten nur schwer beschreiben.

Während diese Szenen den verzerrten Albtraum-Visionen des frühen David Lynch ähneln (eines der Opfer mit krankheitsbedingt deformiertem Gesicht ruft Der Elefantenmensch vor Augen), entwickelt Jonathan Glazer eine ganz eigene Ästhetik der Verfremdung des Realen.

Ohne Untertitel wirkt der starke Akzent der schottischen Laiendarsteller im Original beispielsweise wie eine kaum verständliche, andersartige Sprache. Doch auch durch verschiedene Stilmittel - übereinander geschichtete Bilder, ungewöhnliche Einstellungen oder der befremdliche, dissonante Score von Mica Levi - wird Under the Skin zur Erkundung von Menschlichkeit durch eine außerirdische Perspektive.

Under the Skin vermittelt ein pessimistisches Menschenbild in isolierter Überforderung

Je weiter sich die rätselhafte Protagonistin in Under the Skin menschlichen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Bedürfnissen annähert, desto stärker steuert Jonathan Glazers Film auf einen pessimistischen Abgrund zu.

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Under the Skin

Zunächst inszeniert der Regisseur die Außerirdische in Menschengestalt noch als raffinierte, unwiderstehliche Jägerin, die Geschlechter-Konventionen verdreht und das vermeintlich stärkere Geschlecht ins Verderben schickt.

Zunehmend wird Under the Skin jedoch zur bitteren Parabel über die menschliche Ablehnung des Fremden sowie zum als Science-Fiction-Film codiertes Sinnbild von Isolation und Einsamkeit.

Trotz ihrer äußerlichen Schönheit wird Scarlett Johanssons Figur zum Symbol menschlicher Ablehnung. Unbeachtet geht sie manchmal in dem Gewirr aus Menschen, Blicken und Stimmen unter, während so etwas wie das vermeintlich harmlose Verzehren einer Schwarzwälder Kirschtorte zum ungenießbaren Hindernis wird.

Under the Skin

Aus unserer Welt, die Jonathan Glazer im letzten Drittel vermehrt in Bildern von unberührter Natur zeigt, wird die Protagonistin trotz menschlicher Erscheinung als Fremdkörper verdrängt. Passend zur Herleitung des Alien-Begriffs von dem englischen Adjektiv alienated (entfremdet) ist Under the Skin nicht nur eines der außergewöhnlichsten Seherlebnisse des vergangenen Jahrzehnts.

Unter dem Deckmantel eines verstörenden, kryptischen Science-Fiction-Films hat Jonathan Glazer vielmehr die tragische Studie humaner Entfremdung geschaffen, die durch nicht-menschliche Augen auf unsere Welt blickt und schließlich am Menschsein zerbricht.

Was haltet ihr von Under the Skin?

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