Quälend nüchtern: Zero Dark Thirty ist einer der besten Kriegsfilme des Jahrzehnts

Zero Dark Thirty ist einer der besten Filme der 2010er Jahre
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Zero Dark Thirty ist einer der besten Filme der 2010er Jahre
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the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Krieg, das sieht im Kino oft so aus wie in 1917 - also von der scheinbaren Plansequenz abgesehen. Soldaten kämpfen unter Beschuss um ihr Überleben, eine wild zusammen gewürfelte Gruppe muss eine unmögliche Mission erfüllen oder ein Bataillon gegen eine unbesiegbare Übermacht bestehen. Am Ende steht Aufatmen oder pathetische Trauer.

Im 21. Jahrhundert änderte sich wenig an den Erzählmotiven des englischsprachigen Kriegsfilms, egal ob wir über Black Hawk Down, 13 Hours, Hacksaw Ridge oder jüngst 1917 sprechen. Gerade vor diesem Hintergrund fällt Zero Dark Thirty von Kathryn Bigelow auf, der Elemente des Agenten- und Kriegsfilms mischt, um eine mehrjährige Episode aus dem "Krieg gegen den Terror" zu erzählen: die Jagd nach al-Qaida-Anführer Osama bin Laden. Zero Dark Thirty steht bei unseren 100 besten Filme des Jahrzehnts auf Platz 5.

Zero Dark Thirty: Fakten und Fiktion im Terror-Krieg

Nach ihrem oscarprämierten Kriegsfilm Tödliches Kommando - The Hurt Locker setzte sich Kathryn Bigelow erneut mit Drehbuchautor Mark Boal zusammen. Eigentlich wollten sie ein Drehbuch über die Suche nach Osama bin Laden in Afghanistan verfassen, als 2011 die reale Nachricht vom Tod des Mannes eintraf, den die USA als Auftraggeber der Terroranschläge vom 11. September 2001 beschuldigten.

Boal stieß bei Recherchen auf mehrere Aussagen, denen zufolge eine CIA-Analystin großen Anteil an der jahrelangen Suche nach bin Laden hatte. Auf Basis dessen entstand die von Jessica Chastain gespielte Maya. In jungen Jahren von dem Auslandsgeheimdienst rekrutiert, scheint ihr ganzes Leben auf die Suche nach dem Drahtzieher der Anschläge ausgerichtet zu sein.

Spannende Fakten zu Zero Dark Thirty

  • Mit einem Budget von 40 Millionen Dollar hat Zero Dark Thirty weltweit rund 133 Millionen eingespielt.
  • 5.635 Moviepiloten haben den Film gesehen und ihm eine Durschnittswertung von 7 Punkten gegeben.
  • Zero Dark Thirty steht aktuell Abonnenten von Amazon Prime Video zum Streamen bereit.

Mit Mayas wissbegierigen und oft emotionslosen Augen blicken wir in Zero Dark Thirty auch auf die Gefangenen, die den "Enhanced interrogation techniques" der CIA ausgesetzt sind, ein Euphemismus für die von der Bush-Regierung abgesegnete Folter.

Ein Kriegsfilm ohne Schlacht: Zero Dark Thirty

Im Grunde erzählt Zero Dark Thirty über acht Jahre hinweg von einem Krieg, blendet aber traditionelle Schlachtfelder und Aufstände aus. Statt einzelne Kampfhandlungen der USA im Irak oder Afghanistan zu zeigen, stellt das Drehbuch der asymmetrischen Kriegsführung der Terroristen - Anschläge auf Zivilisten oder CIA-Anlagen - die Geheimdienstarbeit der USA gegenüber.

So verbindet das Drehbuch Aspekte der modernen Kriegsführung mit Motiven des Agentenfilms: Treffen mit Informanten, Überwachung, Hinterhalte. Nur fehlt der Geheimdienstarbeit von Maya jeder Bond-Glamour, ja selbst die Anspannung und Action aus Serien wie 24 oder Homeland.

Diese reagierten sich an dem Trauma des 11. Septembers mithilfe von einzigartigen Heldenfiguren ab, die kraft ihres Willens die Zeitgeschichte verändern konnten. Maya gerät zwar ebenfalls in brenzlige Situationen, die meiste Zeit sitzt sie allerdings vor Aktenbergen und in Meetings mit Vorgesetzten.

Maya fehlt es zudem schlicht an Charakter. Sie scheint vielmehr ein Wesen zu sein, das für diese eine Suche gezüchtet wurde. Ihr Nährboden sind die Fernsehbilder der einstürzenden Türme, ihr Geist und Urteilsvermögen wurde durch die CIA geformt, ihre Bestimmung ist das Most Wanted-Poster von Osama bin Laden.

Eine leere Analystin neben Superhelden

Damit kreierten Kathryn Bigelow und Mark Boal eine der faszinierenden Filmheldinnen der 2010er Jahre. Während Drohnen-Mensch Tony Stark als Iron Man die Welt rettete, schickte Zero Dark Thirty eine innerlich ausgehöhlte Analystin auf die Jagd nach dem Staatsfeind Nummer 1 der Vereinigten Staaten.

Maya verkörpert eine analytische Sucht nach Vergeltung, deren Rücksichtslosigkeit im Kleinen - im Umgang mit Verdächtigen - Schlaglichter auf das große Ganze wirft. Den Folterszenen in Zero Dark Thirty geht jeder Triumph ab. Stattdessen betont die distanzierte Inszenierung die Hilflosigkeit der Opfer und Unmenschlichkeit der "Verhörspezialisten".

Die Entscheidung, welche Aspekte des Krieges in Zero Dark Thirty dargestellt werden, führt zu einem Gefühl ständiger Zuspitzung. Jedes unrechtmäßige Verhör wirkt deshalb wie ein integraler Bestandteil einer weltumspannenden Spirale der Gewalt. Die Anschläge werden auf diese Weise in eine Wechselbeziehung mit den komplexen Schauplätzen des Krieges gegen Terror gesetzt.

Das eine kann nicht ohne das andere erzählt werden. Das eine kann das andere aber auch nicht entschuldigen. Was einige Kritiker von Zero Dark Thirty bei Erscheinen 2012 anders sahen. Damals wurde dem Film die Verherrlichung von Folter vorgeworfen. Die Realität der Inszenierung erweist sich auch im Rückblick als komplizierter.

Zero Dark Thirty bietet keine idealistische Leitfigur wie Adam Driver sie im thematisch verwandten Aktenwälzer The Report von Amazon spielt. Wir müssen die Geschehnisse mit den Augen der von Chastain aufreibend gespielten Maya sehen. Deren Leere kehrt sich im Finale dermaßen erdrückend nach außen, dass einem die Luft wegbleibt.

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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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