Albtraum-Exzess: Spring Breakers ist der ultimative Disney-Entzug

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Spring Breakers
26.01.2020 - 09:30 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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In Spring Breakers verlieren sich Disney-Sternchen im Partyrausch ihres Lebens. Harmony Korines doppelbödiger Jugendkultur-Exzess belegt Platz 8 unserer 100 besten Filme der Dekade.

Einmal im Jahr verlassen die Studenten in den USA den Campus, um sich die Seele aus dem Leib zu feiern. Die Tradition des Spring Break wird dabei gewissermaßen zur transzendentalen Erfahrung, die Regisseur Harmony Korine für seinen Film Spring Breakers in kaum zu beschreibende Impressionen übersetzt.

An der Oberfläche wirkt Spring Breakers wie ein weiterer 08/15-Vertreter der Partyfilm-Welle, der an Erfolge wie Hangover oder Project X anknüpfen will. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich Korines Werk jedoch als doppelbödiger Rausch, der die hedonistische Jugendkultur der Gegenwart ebenso in ihren Untergang schickt wie auf Händen in höhere Sphären trägt. Für uns landet Spring Breakers verdient auf Platz 8 der 100 besten Filme der letzten 10 Jahre.

Spannende Fakten zu Spring Breakers:

  • Mit Spring Breakers hat Harmony Korine gewissermaßen seinen eigenen Spring Break-Wunschtraum erfüllt. Während in seinen jüngeren Jahren alle feiern waren, verbrachte er seine Freizeit überwiegend mit Skateboardfahren.
  • Der Regisseur hat absichtlich die ehemaligen Disney-Stars Selena Gomez und Vanessa Hudgens besetzt, die dadurch ihr Image aufbrechen sollten.
  • Spring Breakers sollte ein Sequel erhalten, für das Jonas Åkerlund als Regisseur vorgesehen war. Bis heute kam die Fortsetzung nie zustande. Auch die Pläne für eine Spring Breakers-Serie verliefen im Sand.
  • In der Moviepilot-Community kommt Spring Breakers bei 4500 Bewertungen auf einen Punktedurchschnitt von 5,6.
  • Bei einem Budget von rund 5 Millionen Dollar spielte Spring Breakers erfolgreiche 31,7 Millionen Dollar  ein.

Spring Breakers ist ein Film wie ein experimentelles Musikalbum

Für die Inszenierung von Spring Breakers wählte Harmony Korine einen Stil, den er im Interview mit Dazed  selbst als sogenanntes liquid narrative beschrieb. Für ihn sollte die Ästhetik des Films eher Musik gleichen.

In den ersten Szenen, die das freizügige, alkoholisierte Treiben beim Spring Break in Florida zeigen, gleicht Spring Breakers noch einem Musikvideo, das im MTV-Stil mit grell übersteuerten Farben die Augen und Ohren des Betrachters angreift. Schon nach kurzer Zeit treibt Korine seinen Stil aber noch viel weiter in deutlich experimentellere Regionen.

Spring Breakers

Durch Szenen, die sich selbst regelmäßig wiederholen, und wiederkehrende Dialogfetzen nähert sich der Regisseur dem Rhythmus von Hip-Hop und Electro an. Auch hier wird auf Samples (Altes wird wiederverwendet und in einen neuen Kontext gesetzt) und Loops (Altes wird zur Intensivierung exakt wiederholt) zurückgegriffen.

Tatsächlich wird Spring Breakers audiovisuell dadurch zu einem Novum. Die eigentliche Handlung über vier Freundinnen, die nach einem Raubüberfall genügend Geld für den Spring Break-Urlaub haben und sich dem puren Exzess hingeben, zerfließt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft früh zu einem hypnotischen Delirium in grellen Neonlichtern.

Harmony Korine zeigt mit Spring Breakers ein verzerrtes Porträt amerikanischer Kultur

Oft wirkt Spring Breakers aufgrund der abstrakten Zersplitterung vertrauter Partyfilm-Montagen kaum noch wie ein Film, sondern eher wie ein verfilmtes Musikalbum, das einen auch aufgrund des modernen Soundtracks zwischen Skrillex, Britney Spears und Waka Flocka Flame in einen fieberhaften Strudel aus Popkultur-Symbolen und Jugendkultur-Codes zieht.

Selbst zahlreiche Sichtungen des Films zeigen kaum Abnutzungserscheinungen. Spring Breakers ist vielmehr ein Werk der puren, atmosphärischen Stimmungsbilder, das sich ähnlich eingängig wie ein Musikalbum voller unwiderstehlicher Hits wieder und wieder erleben lässt.

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Spätestens mit dem Auftritt von James Franco als Drogendealer Alien vermischen sich in Korines Film schließlich Spaß und Exzess plötzlich mit Bedrohung und Gewalt. Dabei wird nie ganz klar, wer in dem sexuell aufgeladenen Spiel zwischen den jungen Frauen und Francos White Trash-Scarface die Oberhand hat (das Ende des Films bezieht jedoch deutlich feministische Stellung).

Korines Spring Breakers ist ein Zerrspiegel eines modernen Amerikas der Jugend, in dem der Übergang vom Drogen- und Alkohol-Abstürzen in Hotelzimmern zu Teenagern mit Maschinengewehren und pinken Einhorn-Sturmmasken fließend ist.

Spring Breakers huldigt einer der größten Popmusikerinnen aller Zeiten

Die wohl ikonischste Szene in Spring Breakers zeigt die verbliebenen drei Protagonistinnen um Alien am Klavier herum versammelt. Einen Song soll er für sie spielen, der sie inspiriert. Darauf kündigt Alien einen Song von Britney Spears an, die er als eine der größten Sängerinnen aller Zeiten bezeichnet.

Es folgt der bekannte Song Everytime, den Alien und die drei Hauptfiguren mit einer gefühlvollen Hingabe singen, die das kaum greifbare Zeitgefühl in Spring Breakers plötzlich stillstehen lässt. Kurz nachdem die Stimme der Popsängerin selbst einsetzt und die bekannte Zeile Every time I try to fly I fall erklingt, kippen jedoch auch die Bilder in Korines Film erneut.

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Plötzlich zeigt der Regisseur, wie Alien und seine maskierten Mitstreiterinnen verschiedene Party-Touristen überfallen, ausrauben und verprügeln. Die dabei entstehenden Eindrücke der bewaffneten Brutalität rufen ähnlich markant in die Popkultur eingebrannte Bilder realer Taten hervor wie den medial für jeden sichtbaren Absturz von Britney Spears selbst.

Spring Breakers ist Harmony Korines Zeugnis davon, was für eine abseitige Schönheit im tiefen Fall liegen kann. Aus der gewalttätigen Hölle, in die zwei der Frauen im vollends realitätsfernen Finale noch absteigen, schreiten sie als neugeborene Ikonen wieder empor. Vom Menschen zum Symbol.

Was haltet ihr von Spring Breakers?

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