Verführerischer Fantasy-Albtraum im Kino: The Green Knight erfindet Ritter-Legenden neu

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The Green Knight
02.08.2021 - 10:30 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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The Green Knight entfaltet im Kino einen enorm starken Fantasy-Sog: David Lowerys Film versteht es, unsere Erwartungen in seinem Bilder-Reigen aufregend zu unterwandern.

The Green Knight ist kein herkömmlicher Fantasy-Film und das ist auch gut so. Es ist ein Abenteuer, das als Bilder-Rausch gefühlt werden muss. Mit einem strahlenden Dev Patel in der Hauptrolle des Tafelrunden-Ritters entführt das Kinoerlebnis uns in verstörend schöne Abgründe.

The Green Knight zeigt, dass Ritter-Fantasy auch anders geht

Wer David Lowerys Filme wie A Ghost Story und Elliot, der Drache gesehen hat, weiß längst, dass der amerikanische Regisseur Filme dreht, die ungewöhnliche Ansätze und Perspektiven für ihre Erzählungen wählen. Das Fantasy-Werk The Green Knight reiht sich in diese Tradition ein und zeigt uns die mittelalterliche Arthus-Legende von Sir Gawain und dem Grünen Ritter als kraftvollen visuellen Strudel, in den wir uns willig hinabziehen lassen.

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Sir Gawain (Dev Patel) hat sich seine Lorbeeren als Ritter noch nicht verdient, doch er will, dass alle seinen Namen kennen. Als am Weihnachtsabend der übernatürliche Grüne Ritter den König zum Duell fordert, ist deshalb er es, der die Herausforderung annimmt.

Obwohl der junge Duellant dem bedrohlichen Wesen den Kopf abschlägt, hat sein scheinbarer Sieg weitreichende Folgen: Der gefällte Gegner erhebt sich auch ohne Haupt wieder und ein tödlicher Pakt tritt auf diese Weise in Kraft: Nach einem Jahr soll Gawain den Grünen Ritter in dessen Heimat im Norden aufsuchen, um das, was er als Schlag ausgeteilt hat, mit gleicher Münze vergolten zu bekommen.

In The Green Knight werden keine Jungfrauen gerettet

Als Grundgerüst ist die Ritter-Handlung von Ehre und Mut gut erkennbar. Auch die abenteuerlichen Stationen auf der nachfolgenden Reise klingen nach lupenreiner Quest-Fantasy mit einem klaren Ziel. Umso erstaunlicher ist da: The Green Knight interessiert sich nicht vorrangig für große Heldentaten oder die Namen berühmter Nebenfiguren wie König Arthus, Merlin oder Morgan Le Fay. Sogar beteiligte Stars wie Alicia Vikander und Joel Edgerton sind hier zweitrangig.

The Green Knight lässt seine Bilder über die Fantasy-Handlung triumphieren

Wichtiger wird in The Green Knight stattdessen die zunehmend bedrückende Gefühlswelt des Protagonisten, die sich in immer albtraumhafteren, aber zugleich wunderschönen Fantasy-Bildern spiegelt, die über die eigenwilligen Kostüme und starken Farben weit hinausgehen. Denn die wahren zu besiegenden Drachen schlummern als Dämonen im eigenen Kopf und dort ist das Duell ungleich schwerer zu gewinnen.

So begleiten wir den nach der Jahresfrist nur widerwillig aufbrechenden Gawain, die heimatliche Burg im Rücken, beim minutenlang Ritt durch eine schier endlose Heidelandschaft. Die langgezogene Einstellung ohne Schnitte, in der scheinbar nichts passiert, wendet sich gegen unsere Sehgewohnheiten. Doch zum Rhythmus der Pferdehufe eröffnet die stumme Welt uns hier behutsam neue Sichtweisen und führt uns vom Ungewohnten zum Staunen.

The Green Knight: eine visuelle Wucht

Denn The Green Knight bricht aus den lichtlosen Räumen aus, die zu Beginn den Film dominieren, und nimmt sich Zeit, in Landschaften schwelgend anderes Tempo anzuschlagen. Der Weitwinkel-Fantasy-Epik einer Herr der Ringe-Wanderung werden hier bedrohlich nebelverhangene Wiesen und triste graue Sümpfe entgegengestellt. Doch der gelegentliche Lichteinfall zwischen düsteren Baumstämmen findet die Schönheit selbst im Angesicht des Schreckens. Unsere Gedanken erhalten so die Gelegenheit, zusammen mit den Augen schweifen.

Ohne Gefährten an seiner Seite wird Gawains schicksalshaft einsamer Trip zur Seelen-Reise. Die Etappen-Begegnungen mit Wegelagerern, Füchsen, Lords und kopflosen Nymphen fügen sich wie Traum-Sequenzen auf der Suche nach sich selbst aneinander. Und wenn wir von Bergspitzen ungläubig nackten Riesinnen hinterherblicken, ist das mystische Abenteuer ebenso eine Reise ins Äußere wie ins Innere.

Dev Patel erlebt in The Green Knight eine fantastische Verwandlung

Dass diese innere Reise über den Bilder-Reigen hinaus gelingt, verdankt The Green Knight nicht zuletzt der schauspielerischen Kraft seines Hauptdarstellers. Denn Dev Patel zeigt sich hier völlig verändert.

The Green Knight zeigt einen veränderten Dev Patel

Seit seinem Durchbruch als Slumdog Millionär spielte der Brite häufig Variationen seiner Skins-Rolle: den liebevollen Tollpatsch und nervösen Nerd. Doch all das lässt er in The Green Knight hinter sich. Zwar ist er immer noch groß und eher dünn, aber Bart, Haltung und Auftreten zeigen uns nun einen grimmigen Protagonisten mit unerwarteter Intensität.

Dev Patel ist in The Green Knight als Leading Man im Galopp erwachsen geworden (und wie das Internet  argumentiert: außerdem heiß). Und dieser schauspielerische Richtungswechsel kommt auch seiner Rolle des ruhmsuchenden Ritters enorm zugute, denn sowohl der Star als auch seine Figur stellen sich durch Herausforderungen einem beeindruckenden Wandel.

The Green Knight

In Kombination mit dem visuellen Rausch, den The Green Knight entfaltet, lotet Dev Patels Gawain einen etwas anderen Fantasy-Abgrund aus: nämlich den, der uns so weit hinab in seinen Sog zieht, dass wir am (hier nicht verratenen) Ende ritterliche Themen wie Ehre und Heldenmut neu hinterfragen müssen. Auf bildlicher, wie auch charakterlicher Ebene.

The Green Knight mag in seiner verrätselten Erzählung nicht immer leicht zugänglich sein, ist aber unbedingt einen Ausflug ins Kino wert, um sich der unwiderstehlichen Mystik einer neuer Fantasy-Perspektiven auszuliefern. Denn diese Art von Reise will am eigenen Leib erfahren werden.

Habt ihr The Green Knight schon als spannend andersartigen Fantasy-Ausflug im Blick?

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