Vergesst Game of Thrones: Carnival Row stillt euren Fantasy-Durst wie nie zuvor

Carnival Row: Orlando Bloom und Cara Delevingne
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Carnival Row: Orlando Bloom und Cara Delevingne
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StrawStar Esther Stroh
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Redakteurin bei Moviepilot. Potterhead, Buchvorlagen-Verschlingerin und Abspann-Sitzenbleiberin. Durchs Aufwachsen ohne TV früh zur Kinogängerin erzogen.

Als Fantasy-Fan ist es in letzter Zeit schwer geworden, richtig gute Filme und Serien des eigenen Lieblings-Genres zu finden. Sicher: Wenn Superhelden über die Leinwände und Bildschirme schweben, ist das auch "fantastisch" im übernatürlich Sinne des Wortes. Aber so richtig gut durchdachte Fantasy-Fantasy mit übernatürlichen Kreaturen, Magie und einer ausgefeilten eigenen Welt aufzustöbern, kann durchaus eine Herausforderung sein.

Doch Fantasy-Lover haben nun Grund zum Feiern, weil wir ganz spoilerfrei verraten können, dass die Suche ein Ende hat: Schon der düstere erste Trailer war vielversprechend und jetzt ist es gewiss: Carnival Row könnte im Post-Game of Thrones-Zeitalter eure neue Lieblings-Fantasyserie werden, denn:

  • Carnival Row schafft es, aus bekannten Elementen etwas völlig Neues zu erschaffen.
  • Obwohl Carnival Row in einer vergangenen Zeit angesiedelt ist, spiegelt die Serie die aktuellen Themen unserer Welt gekonnt wider.
  • Figuren, Worldbuilding und Geschichte fügen sich bei Carnival Row zu einem absolut stimmigen Fantasy-Puzzle zusammen.

Carnival Row: Jack the Ripper im viktorianischen Feen-Zeitalter

Carnival Row stürzt uns atemlos in seine Geschichte: Ein Konflikt tobte im mythischen Feen-Heimatland Tirnanoc seit die Menschen-Reiche es entdeckten und um die dortigen Reichtümer kämpften. Dieser große Krieg ist zwar seit sieben Jahren vorüber, doch mit dem Rückzug der einen Menschenseite (den "Burguesen") hat sich die Situation der Fabelwesen ("Fae") nicht eben verbessert. "Der Pakt" macht Jagd auf sie und sie flüchten aus ihrer Heimat.

Dieser Flucht durch den Wald schließen wir uns an und begleiten die Fee Vignette (Cara Delevingne), die knapp auf einem Schiff in die viktorianische Menschenstadt "The Burgue" entkommt. Statt einer Rettung erwartet sie hier jedoch ein Leben in der verachteten Unterschicht aller nicht-menschlichen Kreaturen.

Hier trifft Vignette zu ihrem Missfallen außerdem auf ihren totgeglaubten einstigen Liebhaber Rycroft Philostrate, genannt "Philo" (Orlando Bloom). Der verließ sie vor sieben Jahren, stieg vom Soldaten zum Polizei-Inspektor auf und versucht nun eine Fae-Mordserie in der Straße Carnival Row aufzuklären.

Seine Jack-the-Ripper-Parallele versucht Carnival Row dabei gar nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Der unbekannte Mörder erhält sogar den Spitznamen Jack, als Opfer mit herausgerissenen Gedärmen aufgefunden werden.

Doch auch, wenn wir Carnival Row mit Ripper Street oder Penny Dreadful vergleichen könnten: Bei der Amazon-Serie, die erstaunlicherweise ohne Buchvorlage nach einem nie gedrehten Film-Skript von Serienschöpfer Travis Beacham (zusammen mit Co-Creator René Echevarria) entstand, werden bekannte Elemente zu etwas völlig Neuem zusammengesetzt.

Gutes Storytelling trifft in Carnival Row faszinierende Figuren

Mit der geschilderten Ausgangssituation ist noch nicht einmal die Hälfte dessen erzählt, was sich in Carnival Row noch ereignet. Doch die Amazon-Serie lässt sich glücklicherweise Zeit damit, ihre Komplexität vor unseren Augen zu entfalten. Die vielschichtigen Charaktere öffnen sich von Episode zu Episode immer ein kleines Stück weiter.

Jeder hat ein Geheimnis. Jeder hat eine Vergangenheit, die es zu erforschen gilt. Sei es nun der aufstrebende Faun Mr. Agreus (David Gyasi), der als Huf- und Hornträger in seiner reichen Nachbarschaft nicht akzeptiert wird, Vignettes oberflächliche Herrin Imogen Spurnrose (Tamzin Merchant) oder die intriganten politischen Zirkel rund um Kanzler Absalom Breakspear (was wäre eine gute Serie ohne den grandiosen Jared Harris?).

Orlando Bloom mag nicht der ausdrucksstärkste Schauspieler sein, doch er trägt seine Hauptrolle souverän und erinnert uns wieder daran, warum er in Zeiten von Der Herr der Ringe und Fluch der Karibik Weltruhm genoss. Dass diese Serie ihn wieder groß machen könnte, ahnt er wohl auch selbst, wenn wir uns seinen Produzenten-Credit so ansehen. Cara Delevingne bringt jedenfalls die richtige Mischung aus Verletzlichkeit und Aufbegehren mit, um die zwei als überzeugendes Hauptdarsteller-Duo zu zeigen.

Carnival Row und seine nebenbei gezeichnete riesige Welt

Dennoch ist es vor allem das Ambiente, das der Serie neue Fantasy-Facetten abgewinnt. Während bei Game of Thrones nur gelegentlich einen Drache, Weißen Wanderer oder etwas rotpriesterliche Magie zeigte, ist das fantastische Element in Carnival Row zu jeder Zeit präsent, weil irgendwo im Hintergrund immer ein Feenflügel, ein Troll oder der gehörnte Kopf eines Fauns zu sehen ist.

Wir lernen die übernatürliche Welt im Vorbeigehen kennen. Details wie Witwenzöpfe oder ein Zentaur als Kutscher und Pferd in Personalunion verstärken dabei den Eindruck eines ausgefeilten Unterbaus, dem auch in Zukunft noch viel hinzugefügt werden kann. Der "Märtyrer" als alternative Jesus-Ikone ersetzt den ans Kreuz genagelten Heiland mit einem Gehängten (und stellt mit dieser fiktiven neuen Religion zugleich die unheimliche Darstellung unserer Heiligenbilder in Frage).

Zugleich wird mit dem viktorianischen Setting die Phase des Umbruchs aus menschlicher Sicht hervorgehoben, wenn gerade Elektrizität eingeführt wird und kinematisch bewegte Standbilder Bilder den Vorspann prägen. In Carnival Row trifft so Magie auf Fortschritt.

Die Aktualität der Vergangenheit in Carnival Row

Doch der Fortschritt wird auf dem Rücken der Unterklasse ausgetragen. Und diese geplagte Unterklasse sind in Carnival Row ganz klar die verhassten "Andersartigen", also die Fae. Ihnen stehen nur niedere Berufe (wie als Diener, körperlich schwere Arbeiter und Prostituierte) zu. Anders als viele X-Men können die Horn- und Flügelträger ihr Wesen nicht verstecken und so dem Klassensystem entfliehen.

Produzent Marc Guggenheim hat deshalb völlig recht, wenn er Carnival Row als Spiegel unserer Gesellschaft bezeichnet, in der Rassismus und Diskriminierung genauso eine Rolle spielen wie heute.

Zur Glaubwürdigkeit des Klassensystems trägt dabei in Carnival Row auch bei, dass für jede Spezies-Bezeichnung zugleich ein Schimpfwort existiert. Die Herabwürdigung der "Critch" (abgeleitet von "Kreaturen"?) beginnt eben schon in ihrer Benennung. Selbst wenn sie (brandaktuell) Flüchtlinge sind, die nur eine Zuflucht und ein besseres Leben suchen.

Carnival Row: Endlich wieder Fantasy, in die es sich einzutauchen lohnt

Spannenderweise treten in Carnival Row unverbrauchte Wesen in den Vordergrund, die in den letzten Jahren in anderen filmischen Fantastik-Vertretern häufig eher Rand- bzw. Nebenfiguren blieben: Denn statt erneut Zwerge und Elfen zu bemühen, stehen Feen und Faune (geschimpft: "Pix" und "Puck") im kreatürlichen Zentrum der Geschichte.

Fügen wir dann als wohldosierte Zutaten noch etwas Gore bei den Morden, viele zu lösende Geheimnisse sowie unerwartete Wendungen und einen Schuss nackte Haut hinzu, kann Carnival Row eigentlich nichts mehr falsch machen. (Und glaubt mir: Nichts ist sinnlicher als die verbotenen Inter-Spezies-Liebschaften dieser Serie.)

Okay, die Werwölfe könnten vielleicht noch eine CGI-Überarbeitung vertragen, aber ansonsten sind die Schauwerte fantastisch. Sei es nun die Ausstattung in viktorianischen Häusern oder die Kostümwahl der Feen. Handgemachte Hörner und Flügel lassen das Creature-Design angenehm greifbar werden und verschmelzen es zugleich gekonnt mit Computer-Effekten.

Dabei schreckt Carnival Row in seiner komplexen Erzählung auch vor längeren Ausflügen in die Vergangenheit der eigenen Geschichte nicht zurück. Ohne zu viel zu verraten: Spätestens nach Folge 3 wird wohl der (alleinige) Drehort Tschechien seine Tourismus-Zahlen gewaltig steigern können.

Das Gesamtbild ergibt am Ende eine angenehm runde Fantasy-Welt, in der wir uns in all ihrer Verkommenheit sofort zu Hause fühlen dürfen. Zum Glück wurde Staffel 2 von Carnival Row schon vor dem Start auf Amazon bestellt, denn der Suchtfaktor dieser Serie ist enorm.

Dieser Serien-Check entstand auf Grundlage aller 8 Episoden der 1. Staffel von Carnival Row, die ab heute komplett auf Amazon Prime bereitsteht.

Freut ihr euch schon, in die fantastische Welt von Carnival Row einzutauchen?

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Redakteurin bei Moviepilot. Potterhead, Buchvorlagen-Verschlingerin und Abspann-Sitzenbleiberin. Durchs Aufwachsen ohne TV früh zur Kinogängerin erzogen.
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