Von Fantasy-Meister Guillermo del Toro: Der zu Unrecht gefloppte Nightmare Alley ist ein hervorragender Thriller

Nightmare Alley - Trailer (Deutsch) HD
2:14
Guillermo del Toros Nightmare Alley mit Bradley Cooper und Cate BlanchettAbspielen
© Disney
Guillermo del Toros Nightmare Alley mit Bradley Cooper und Cate Blanchett
20.01.2022 - 08:30 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
2
4
Der geheimnisvolle neue Noir-Krimi Nightmare Alley von Guillermo del Toro betrügt uns geschickt zu einem noch viel besseren Kinobesuch, als erwartet.

"Hereinspaziert, hereinspaziert", ruft Nightmare Alley ab heute und lädt ein in sein buntes Zirkuszelt. Doch wenn wir unser Ticket erst einmal gelöst und uns nach drinnen begeben haben, erhalten wir in den dunklen Ecken von Fantasy-Meister Guillermo del Toros neustem Film nicht das, was wir vielleicht gedacht haben ... sondern etwas noch viel Besseres. Etwas, was einen Kinokassen-Flop in den USA  nicht verdient hat. Denn der Kinobesuch wird zu einer beeindruckenden Vorstellung jenseits der Vorstellungskraft. Keine Angst, wir bleiben hier Spoiler-frei.

Nightmare Alley war schon lange vor seinem Kinostart ein Meister der Irreführung

Worum geht's auf den ersten Blick in Nightmare Alley? Der ambitionierte Stanton Carlisle (Bradley Cooper) schließt sich einer Gruppe Zirkuskünstler an und entdeckt sein Talent, andere Menschen hinters Licht zu führen. Sein Aufstieg im Show-Geschäft lässt nicht lange auf sich warten, doch die Gefahren lauern schon hinter der nächsten Ecke seines Erfolgs.

Nach Erfolgen wie Pans Labyrinth, seinen zwei Hellboy-Filmen, Crimson Peak und zuletzt dem oscarprämierten Shape of Water hat sich Regisseur Guillermo del Toro einen Ruf als Meister ungewöhnlicher Fantasy verdient. Folglich versprach der erste Trailer zu Nightmare Alley auch einen düsteren Ausflug ins Reich von Freaks und Monstern.

Fantasy oder nicht? Seht den ersten Trailer zu Nightmare Alley

Nightmare Alley - Teaser Trailer (English) HD
Abspielen

Doch schon im zweiten Trailer zu Nightmare Alley fand eine subtile Fokus-Verschiebung statt. Potenzielle Fantasy-Elemente der Jahrmarkts-Attraktion rücken in den Hintergrund. Dafür schiebt sich der von Bradley Cooper gespielte, selbsterklärte Gedankenleser Stanton Carlisle nach vorn. Aus dem Fantasy-Film wird ein Noir-Thriller.

Was die kurzen Einblicke vorab gemeinsam haben, ist die bewusste Verwirr-Taktik: Bevor wir nicht im Kinosessel sitzen (und den sich entfaltenden Ereignissen nicht länger entkommen können), will Guillermo del Toros Film uns wie ein geschickter Zirkus-Mitarbeiter an der Nase herumführen.

Tretet ein in die Nightmare Alley

Die wenigsten kennen wahrscheinlich die Buchvorlage Nightmare Alley * von William Lindsay Gresham oder deren Verfilmung Der Scharlatan, die 1947 nur ein Jahr nach der Veröffentlichung des Romans erschien. So dürfen wir uns völlig unvoreingenommen in Guillermo del Toros Nightmare Alley begeben. Und das ist gut so, denn mit dem unbedarften Blick eines neugierigen Zuschauenden lässt sich dieser Film am besten genießen.

Nightmare Alley: Von charmanten Betrügern und psychologischer Verführung

Was für den Auftritt eines Magiers gilt, passt auch zu Nightmare Alley: Wir wollen erstaunt und trickreich überzeugt werden. Zusammen mit Stanton stolpern wir also als Neulinge in die Zirkuswelt, wo Clem (Willem Dafoe) menschliche Ungeheuer ausstellt, Molly (Rooney Mara) elektrischen Blitzen die Stirn bietet, Bruno (Ron Perlman) Gewichte stemmt und die allwissende Zeena (Toni Collette) den Besuchern ihre Zukunft vorhersagt.

Stan ist fasziniert und wir sind es auch. Die Verlockung des Schausteller-Lebens ist groß. Für den Neuankömmling wird ein Traum wahr, als er sich dem Zirkus anschließen und in dessen Reihen langsam aufsteigen darf. Doch wir sollten nicht vergessen, dass der Film auch den Albtraum im Namen trägt.

Nightmare Alley: Clem (Willem Dafoe) erklärt Stan die Zirkus-Welt

Es brodelt unter der Oberfläche, selbst wenn wir noch nicht wissen, welches Süppchen hier gekocht wird. Selbst wenn es zunächst nur die Tarot-Karten sind, die Unheilvolles vorhersagen. Doch längst hat Nightmare Alley uns am Haken. Längst hat der Film seine Köder ausgeworfen, ohne dass wir es mitbekommen haben. Der Brotkrumen-Spur werden wir erst viel später gewahr.

Obwohl Guillermo del Toro sich in Nightmare Alley thematisch von der Fantasy entfernt, die wir sonst von ihm kennen, findet sich seine Handschrift stilsicher in jedem Bild wider: Die wunderschönen Kulissen, Kostüme und Farben ziehen uns schillernd in ihren Bann. Mindestens genauso atmosphärisch geht es später im verschneiten New York weiter, als der Film nach einem Zeitsprung in die gehobene Welt des High-Society-Mentalismus eintaucht, in der Stan mittlerweile angekommen ist.

Nightmare Alley: Stan steigt auf

Spätestens, wenn Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett) dort auf den Plan tritt, sollte allen klar sein, dass wir durch den Ortswechsel der Welt der Täuscher nicht entkommen sind. Ganz im Gegenteil: Sie hat nur eine neue Stufe erklommen, die nun eine zunehmend psychologische Note erhält. Was sich nicht nur in der herrlichen Rorschach-Wandvertäfelung von Dr. Ritters Praxis spiegelt.

Nightmare Alley ist der verführerischste Albtraum, den ihr dieses Jahr träumen werdet

Wenn Stanton jedweden Alkohol ablehnt und die Ärztin dem (seiner Umwelt bisher so überlegenen) Charmeur daraufhin eine spontane Psychoanalyse angedeihen lässt, ist das der Auftakt zu einem atemberaubenden schauspielerischen Kräftemessen. Mit der hypnotischen Wechselwirkung zwischen Bradley Cooper und Cate Blanchett erreicht Nightmare Alley unweigerlich seinen Höhepunkt.

Nightmare Alley: Cate Blanchett vs. Bradley Cooper

Die "Angst ist der Schlüssel zur menschlichen Natur", schrieb schon Gresham in seiner Buchvorlage. Die Furcht eines jeden einzelnen zu erkennen und sie dem Publikum gewinnbringend zurückzuverkaufen, ist der große Trick des Karnevals. Diese Angst fängt Guillermo del Toro in Nightmare Alley mit der zunehmenden Düsternis der Geschichte ein. Wenn die gezielt gestreute Gewalt schließlich mit Heftigkeit über uns hereinbricht und auf ähnliche Weise verstört wie in Pans Labyrinth, ist das nur das letzte Teil eines finsteren Puzzles der Abhängigkeiten, was sich vor unseren Augen zusammenfügt.

Wir haben als Kino- und Zirkusbesucher vielleicht die Katze im Sack gekauft. Aber als Erlebnis zahlt sich Nightmare Alley dadurch umso mehr aus. Denn wenn der Kreis der Erzählung sich am Ende unerwartet schließt, erblüht plötzlich ein betörender Albtraum vor uns. Ein Albtraum, von dem wir nicht mal wussten, dass wir ihn träumen wollten.

Nightmare Alley: Bildgewaltig, aber auch berührend?

In der neuen Ausgabe des FILMSTARTS-Podcasts Leinwandliebe hat Moderator Sebastian neben Redakteur Björn noch Filmkritiker Sidney Schering zu Gast. Beim neuen Film von Shape Of Water-Regisseur Guillermo del Toro sind sie sich in einer Sache schnell einig: Nightmare Alley bietet grandiose Bilder. Doch ist das Drama auch emotional packend? Da gehen die Meinungen schnell auseinander.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externe Inhalte zulassenMehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Leinwandliebe  ist der wöchentliche Kino- und Film-Podcast unserer Kollegen und Kolleginnen von FILMSTARTS.

*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.

Werdet ihr euch Guillermo del Toros Nightmare Alley ansehen gehen?

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News