Mr. Vincent Vega eckt an

Warum Adam Sandler für großes Komödienkino steht

Andy Samberg und Adam Sandler in Der Chaos-Dad
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Moviepilot Team
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Meint es gut mit den Menschen.

1984, Donny Berger ist 12 Jahre alt. Ein neunmalkluger Dreikäsehoch, der die Schule eigentlich nur zum Nachsitzen besucht. Dass sich das durchaus lohnen kann, zeigt gleich schon die Vorspannsequenz von Der Chaos-Dad. Dort sitzt Donny Berger mutterseelenallein im Klassenzimmer und träumt von nichts anderem, als seine gut aussehende Englischlehrerin flachzulegen. Was folgt, ist kein Traum, sondern der erfüllte Wunsch eines pubertären Jungen: Miss McGarricle verführt den unschuldigen Donny und zeugt schließlich sogar einen Sohn mit ihm. Ein landesweiter Skandal, der die Lehrerin ins Gefängnis und den Knirps in die Medien befördert.

28 Jahre später ist vom einstigen Fernsehruhm nur noch eine dicke Plauze geblieben. Kontakt zu seinem Sohn hat Donny keinen mehr, bei TV-Produzenten versucht er verzweifelt, Restkapitel aus seinem früheren Celebrity-Status zu schlagen. Der ehemalige Saturday Night Live Adam Sandler spielt hier die Rolle seines Lebens. Um Sandlers Kinokarriere ist es neuerdings schlecht bestellt, sowohl Jack und Jill als auch Der Chaos-Dad floppten geradezu phänomenal an den Kinokassen. Ihn hier als heruntergewirtschafteten Ex-Promi mit zersaustem Haar und Dreitagebart zu sehen, hat also schon mal einen ganz eigenen Reiz.

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Donny Bergers Sohn heißt Han Solo. Han Solo Berger. Auf seinem Rücken prangt ein überdimensionales New-Kids-on-the-Block-Tattoo, tagtäglich schluckt er Antidepressiva. Dass er sich in eine wohlhabende Familie einheiraten und von seiner Vergangenheit nichts mehr wissen möchte, ist demnach nur allzu verständlich. Vor der großen Hochzeit erscheint Papa Berger auf der Bildfläche und bringt die Vorbereitungen ordentlich durcheinander, ehe lüsterne Schwiegeromas, übergewichtige Stripperinnen und spermadurchtränkte Brautkleider die Junggesellenzeit versüßen.

Mehr gibt es inhaltlich nicht zu sagen über diesen neuen Film mit Adam Sandler, der allerdings auf eine Weise unfassbar ist, wie vor ihm schon lange keine US-Komödie mehr. Der Chaos-Dad ist die konsequenteste Anhäufung von Schwachsinn seit Jahren. Heterosexueller Camp, republikanischer Altmännerunfug und irritierende Ultrakunst zugleich. Beispielloser Blödelulk, hemmungslose Selbstvertrashung und liebevoller Gruppenquatsch in einem.

Es ist schon überaus faszinierend, wie Adam Sandler seit einigen Filmen offenbar ganz zu sich selbst findet. Erste Anzeichen dafür ließen sich in Leg dich nicht mit Zohan an ausmachen, der zumindest im ersten Drittel eine faszinierend doofe Faxen-Schau bot. Dass die vergnügliche Wandlung vom israelischen Mossad-Geheimagenten zum Frisör dann derben Witz gegen süßlichen Nahostversöhnungskitsch eintauschte, war wohl eben schlicht noch dem Erfolgssystem Sandler geschuldet. Einem System aus Konventionen, Familien-Entertainment und sich selbst einzäunender Gags, das bereits kurz vor seiner eigenen Überwindung stand. Spätestens mit Jack und Jill, seiner bis dato besten Komödie, befreite sich Sandler schließlich endgültig vom Erfolg garantierenden Ballast früherer Filme. Von schwachsinnigen, aber allzu bemühten Handlungen, aufgeschrieben wirkenden Witzchen und kalkulierten harmlosen Dusseligkeiten. Jack und Jill, das quasi plot-, motivations- und umso mehr wunderbar sinnfreie Initiationsritual, suhlte sich im charmanten Nonsens ohne Form, im reduzierten Einfach-nur-noch-Quatsch und nichtsdestotrotz mit Herzblut auf Film gebannten gemeinsamen Spaß.

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Ja, der gemeinsame Spaß in Sandlers Filmen, er übertrug sich selten so von der Leinwand auf das Publikum wie bei Der Chaos-Dad. Die Arbeit mit Freunden, mit wiederkehrenden Gesichtern vor und hinter der Kamera, verleiht seinen Filmen – und diesem ganz besonders – eine beinahe magische Dynamik. Der nicht länger auf dezidierte Brüller, spezielle Pointen oder einfallsreiche Drehbuch-Momente ausgelegte Humor geht in ein Gefühl über, das ihn wie das Resultat eines eingespielten Teams, eines gemütlichen Familientreffens und launigen Zusammenkommens wirken lässt. Der Chaos-Dad gerinnt dadurch zu einer Art hermetisch-harmonischem Film, der sich – im herkömmlichen Sinne – mit nicht mehr (be-)greifbarem Ulk einer eigenen Rhythmik, Vortragsweise und letztlich auch Sinnlichkeit hingibt. Ein Komödienkino, das an nichts geschult scheint, sondern ganz aus sich selbst hervorgeht.

In der Ausgelassenheit des spitzbübischen Klamauks, des nicht unbedingt Komischen, aber vielmehr ungefiltert Infantilen, liegt der Unterschied eines Films wie diesem und den zig anderen Doof-Wursteleien aus der aufgehübschten Prüderie der jüngeren Hollywood-Komödie (zu der längst auch das ach so viel versprechende Ehrenrettungskino eines Judd Apatow gehört). Und das vor allem, weil Adam Sandler und Kumpanen ihren sinnbefreiten Schabernack hier nicht mehr länger gegen Randgruppen jedweder Art, sondern einfach nur noch gegen alles und jeden und nicht zuletzt auch gegen sich selbst richten. Wie die famosen, subversiven Jackass oder Sleaze-Grotesken eines Sacha Baron Cohen erinnert Sandlers herrlich alberner Vulgaritätsreigen an ein Kino, das das Erbe von John Waters eindrucksvoll im Mainstream fortsetzt. Und das heißt eben nicht unbedingt, einen solchen Film in Lacheinheiten zu messen, sondern über ihn verblüfft zu sein: Vom erstaunten Starren auf die große Leinwand ob all des schrankenlosen, unfassbaren, zersetzenden Geblödels.

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