Cannes 2017

Will Smiths Netflix-Verteidigung und russischer Hass in Loveless

Loveless
© Non-Stop Productions
Loveless
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Loveless hält, was der Titel verspricht. Der Beitrag in der Konkurrenz von Cannes 2017 sucht nach dem Verbleib eines vermissten Kindes und findet die verschneiten Schlachtfelder der russischen Gesellschaft. Nicht etwa im Donezbecken, sondern daheim hinter den leuchtenden Fenstern der Vorstädte von Moskau oder St. Petersburg schwelt der Hass. Mit dem Drama legt Andrey Zvyagintsev den Nachfolger von Leviathan vor, in dem die korrumpierte Verbindung von Staat und orthodoxer Kirche ihre Bürger niederwalzte. Vodka-Flasche und Jagdgewehr aus Leviathan werden in Loveless nun gegen leuchtende Smartphone-Displays eingetauscht. Die haben in etwa dieselbe Wirkung auf die Wahrnehmung der Eltern wie mit Methanol gestreckter Schnaps. Auf diesem Grad der Nuanciertheit (Smartphones sind bäh!) bewegt sich Loveless, der eher mit seiner formalen Brillanz bei Laune hält als den hasserfüllten Scharmützeln der Figuren. Noch politischer als Leviathan ist Loveless geraten, leider nicht besser. Aber wie das Festival anderswo zeigte, kann Politkino immer noch schlimmer aussehen. Mit dem von Will Smith in der Jury-Pressekonferenz gepredigten "globalen filmischen Verständnis" der Netflix-Zuschauer kommt man da auch nicht weiter.

Ein 74-minütiger Amnesty International-Flyer

Es gibt schließlich Filme, die meinen es einfach zu gut. Sea Sorrow von Schauspielerin und Nun-Regisseurin Vanessa Redgrave ist so einer, über den man angesichts der hehren Ziele und ihres äußerst stümperhaften Pfades dahin, fast fremdbeschämt schweigen möchte. Die Dokumentation eröffnet mit dem Blick in drei Gesichter. Drei Schicksale von Flüchtlingen auf der Suche nach Sicherheit werden erzählt, die es alle in die verregnete Idylle Italiens verschlagen hat. Die dokumentarische Unmittelbarkeit von Alltagsbeobachtungen wird in Sea Sorrow jedoch sogleich beiseite geputzt, um den Film in ein Pamphlet für einen humanen Umgang insbesondere mit den unbegleiteten Minderjährigen zu verwandeln.

Eleanor Roosevelt und die Menschenrechtscharta auf der einen, der Holocaust, Coventry, die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands auf der anderen Seite - historische Parallelen werden bemüht, um in der Gegenwart den moralischen Appell anzustimmen. Aufgebrochen wird dieser legitime Ansatz allerdings von der Selbstdarstellung seiner Schöpferin, die als bunter Talking Head mittels Green Screen vor historischen Schwarz-Weiß-Explosionen predigt. Ein, gelinde gesagt, surrealer Effekt. Ich könnte nun noch mit den überflüssigen Shakespeare-Rezitationen anfangen oder dem inszenatorischen Wunder, selbst eine Vorleserin wie Emma Thompson amateurhaft aussehen zu lassen. Inwiefern ein 74-minütiger Amnesty International-Flyer noch als Film zählen kann, wäre die nächste Frage.

Sea Sorrow ist einer dieser Filme, bei denen ich mich im Sessel gewunden habe. Schlimmer als jede Stromberg-Folge schmerzten die künstlerischen, oder besser kunstlosen, Entscheidungen der Beteiligten. So müssen sich meine Eltern bei meinen Oberstufen-Ausflügen ins Theater gefühlt haben. Bleiben wir dabei: Gut gemeint ist im Kino oft meilenweit entfernt von gut verfilmt.

Der Weltuntergang ist in Loveless noch das geringste Problem

Im unfairen Vergleich dazu (also zu Sea Sorrow, nicht meinem Schülertheater) verdient Loveless hymnische Kritiken, die er ausgehend vom Jubel vielleicht bekommt. Das dysfunktionale Ehepaar im Mittelpunkt steht nun kurz vor der Scheidung, als der 12-jährige Sohn verschwindet. Der Hass nimmt ihnen schon vorher den Blick auf die Misere des Jungen, der unter dem Gezänk leidet. Wobei das noch zu positiv klingt. Die Lieblosigkeit des Titels bündelt sich im Leid, den heimlichen Tränen dieses ungewollten Jungen, dessen Eltern neue Partner und Familien für ihr Glück und die Aufwertung ihres Instagram-Streams ersehnen. Strenge Gläubigkeit, das Beharren auf traditionelle Werte und paternalistische Firmenstrukturen werden im 2012 angesiedelten Loveless kritisch gestreift, um der Kälte nachzuspähen, die sich hier von Mutter zu Mutter zu vererben scheint. Oleg Negins Drehbuch läuft dabei mehrfach Gefahr, sich im Miserabilismus zu ergehen, gerade dank der eindimensional zänkischen Frauenfiguren. Mit Zvyagintsev und Kameramann Mikhail Krichman die verschachtelten Plattenbauräume zu navigieren, hat weiterhin seinen (außerordentlichen) Reiz. Doch Leviathan hatte sich trotz des gesellschaftskritischen Überbaus als offener erwiesen.

Das verschlingende Meer aus Leviathan wird in Loveless durch sich windende, wendende und sehnende Bäume am Flussufer ersetzt, die sich einander zuzuneigen scheinen und doch, von Schnee bedeckt, erstarren. Als hätte sich die Kälte von den vereisten Elternherzen in der Plattenbausiedlung herangeschlichen. Vereinzelte Schlaglichter stellen in Loveless rohe Gefühle an unerwarteter Stelle bloß, manchmal mit komischem Effekt, gelegentlich berühren sie tief. Wenn eine Figur aber im Russland-Trainingsanzug zu Nachrichtenmeldungen aus der Krimkrise joggt, scheint Andrey Zvyagintsev die finale Predigt aus Leviathan an satirischer Schärfe überbieten zu wollen. Der von den Maya prophezeite Weltuntergang kann kaum schlimmer sein als dieses "schreckliche" Erdendasein.

Runde 3: Netflix vs. Kino

Der hyper-desplenichige neue Film von Arnaud Desplechin, Ismael's Ghosts, hatte das Festival Cannes gestern morgen eröffnet. Mit seinem teils halsbrecherischen Erzähltempo, den Hitchcock-Anklängen und komprimierten Geschichten und Geschichten innerhalb der Geschichten bot Ismael's Ghosts einen vergleichsweise leichtfüßigen Einstieg ins Festival. Marion Cotillard gibt einen der Geister, mit Namen Carlotta. Von deren Verschwinden kann Filmemacher Ismaël (Mathieu Amalric) ebenso wenig lassen, wie Kim Novaks Madeline in Vertigo - Aus dem Reich der Toten vom Bildnis der Carlotta Valdes. Carlotta kehrt nach 21 Jahren zurück, Ismaël ist da bereits mit Sylvia (Charlotte Gainsbourg) liiert. My Golden Days, der vor zwei Jahren in Cannes lief, hatte das desplechinsche Tempo gehalten, überwältigt mit seinem vitalen Ideenreichtum. Die Geister allerdings tendieren zur Trägheit, wenn auch der virtuose Schnitt paralleler fiktiver und minimal realerer Stories manch herrliche Überraschung bereitet. Als Ganzes zerfahren, im Einzelnen immer mal wieder magisch ist der neue Desplechin mit seinen Geister-, Filmemacher- und Spionagereißern.

Das große Thema des ersten Festivaltages verdanken wir indes dem ungleichen Paar Pedro Almodóvar und Will Smith. Jury-Präsident und Juror zeigten sich bei der Pressekonferenz der Jury auf unterschiedlichen Seiten, was die gegenwärtige Netflix-Debatte rund um den Cannes-Wettbewerb, Okja und The Meyerowitz Stories angeht. Digitale Plattformen sollten das Kino nicht verdrängen, verlas Almodóvar in einem Statement, und sollten sich an die existierenden Regeln und Netzwerke der Auswertung halten. "Ich persönlich denke nicht, dass die Goldene Palme an einen Film gehen sollte, der nicht im Kino zu sehen ist."

Will Smith, dessen Sci-Fi-Thriller Bright Netflix für 90 Millionen Dollar ans Streaming-Ufer gezogen hat, hielt die persönliche Erfahrung dagegen. Netflix habe im Haushalt Smith die Kinoliebe seiner Kinder nicht verändert, im Gegenteil! Hier lasse ich mal zur vollen Entfaltung den O-Ton Smiths stehen: "[Netflix] has broadened my children’s global cinematic comprehension."

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