Zeitenwende in Hollywood: Harvey Weinstein und die langfristigen Folgen

Brett Ratner, Kevin Spacey, Harvey Weinstein
© Universal/Netflix/David Shankbone (Own work) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons, Ausschnitt
Brett Ratner, Kevin Spacey, Harvey Weinstein
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pinotnoiraurevoir Joana Müller
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2017 war das Jahr der unschönen Enthüllungen, Entlassungen und Rücktritte. Es war das Jahr der Mutigen, die endlich zu ihrer Stimme fanden, und das Jahr der Ohnmächtigen, denen endlich eine Stimme gegeben wurde. Die Missbrauchsskandale um Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Co. prägten die mediale Berichterstattung der vergangenen Wochen und Monate wie kein zweites Thema und zogen nicht nur massive Folgen für die mutmaßlichen Täter nach sich, sondern entfachten auch zahlreiche Diskurse um Recht, Moral und Kunst. Werft mit uns einen Blick zurück auf die Ereignisse um MeToo, den Weinstein-Effekt sowie die direkten Konsequenzen. Und schaut mit uns nach vorn, wenn wir kritisch hinterfragen, welche Auswirkungen für die amerikanische Filmbranche sowie einzelne Filmprojekte noch folgen könnten.

Ein offenes Geheimnis

Am 05.10.2017 veröffentlichten zwei Autorinnen der New York Times einen Artikel über acht Fälle, in denen Harvey Weinstein Frauen, darunter Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen seiner ehemaligen Produktionsfirma Miramax, sowie des bis dahin von ihm mitgeleiteten Unternehmens The Weinstein Company, sexuell belästigt und genötigt und sie im Anschluss für ihr Schweigen bezahlt haben soll. Miramax und The Weinstein Company gehörten zu den führenden Produktionsfirmen in Hollywood und waren für die Entstehung zahlreicher namhafter Filmprojekte wie Good Will Hunting und Pulp Fiction verantwortlich. Kurze Zeit später traten weitere Frauen vor, die zuvor unter Weinstein arbeiteten, und beschuldigten den Hollywood-Mogul der sexuellen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Bis Ende Oktober wurde Weinstein von 82 verschiedenen Frauen beschuldigt.

Dass Harvey Weinstein sexuelle Gefälligkeiten gefordert oder sie erzwungen haben soll, um der ein oder anderen aufstrebenden Schauspielerin im Gegenzug einen Karriereschub zu verschaffen, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein offenes Geheimnis in Hollywood. So wurde dies in den vergangenen Jahren von zahlreichen Prominenten der Unterhaltungsbranche zu verschiedenen Zeitpunkten und Anlässen angedeutet, während im Laufe der Zeit sogar einige offizielle Klagen gegen Weinstein vorgebracht wurden, doch wurde dies von den meisten Mitwissern und -tätern mit abgewandtem Blick hingenommen. Erst die gebündelten Aussagen, die der New York Times-Artikel sowie die weitere Berichterstattung, unter anderem vom New Yorker und von NBC, an die Öffentlichkeit brachten, konnten den Fall Weinstein letztendlich ins Scheinwerferlicht rücken.

MeToo und der Weinstein-Effekt

Gestärkt von den öffentlichen Anschuldigungen gegenüber dem millionenschweren Produzenten, rief die US-amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano (Charmed - Zauberhafte Hexen) auf ihrem Twitter-Account dazu auf, dass jede Frau, die schon einmal sexuell belästigt oder missbraucht wurde, den Hashtag MeToo posten solle, um der Welt das Ausmaß der sexuellen Gewalt gegenüber Frauen zu verdeutlichen. Damit nahm sie die ursprünglich von Tarana Burke ins Leben gerufene Kampagne auf, die sich unter dem Titel MeToo bereits seit 2007 dem Versuch widmet, Opfern von sexueller Gewalt zu helfen. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich der Hashtag auf sämtlichen Social Media-Kanälen und wurde in Kombination mit dem Weinstein-Skandal von zahlreichen Menschen als Anlass genommen, Missbrauchs- und Belästigungsfälle weiterer prominenter Personen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Davon betroffen war unter anderem Schauspieler Kevin Spacey, der zunächst von seinem ehemaligen Schauspielkollegen Anthony Rapp, im Folgenden von weiteren Kolleg_innen, auch am Set der Netflix-Serie House of Cards, der sexuellen Belästigung und Nötigung bezichtigt wurde. Weitere beschuldigte Stars sind unter anderem Schauspieler Dustin Hoffmann, Comedian und Filmemacher Louis C.K., NBC-Moderator Matt Lauer, RatPack-Dune Enterprises-Chef Brett Ratner und Amazon Studios-Vorsitzender Roy Price, während bereits bestehende Vorwürfe gegen Regisseur Woody Allen erneut laut wurden. Auch in diesen Fällen handelte es sich um in der Filmbranche schon länger bekannte Gerüchte, die zum Teil erst im Zuge der Weinstein-Affäre zu Konsequenzen führten.

Diese darauf folgenden Konsequenzen bestanden unter anderem in der Suspendierung, der fristlosen Kündigung oder Rücktritten der beschuldigten Personen. Die Branche reagierte radikal und verbannte mutmaßliche Täter, gegen die eine überzeugende Beweislage zu sprechen schien. Im Falle von Harvey Weinstein und Kevin Spacey, Brett Ratner und Roy Price bedeutete dies nicht nur private Konsequenzen, sondern auch deren Abzug aus den meisten laufenden und bereits mit ihnen geplanten Produktionen. Die Netflix-Erfolgsserie House of Cards wird für ihre letzte Staffel ohne ihren Hauptdarsteller auskommen. Quentin Tarantino und weitere Filmemacher_innen, die zuvor eng mit Weinstein zusammenarbeiteten, suchten sich eine neue Produktionsfirma für ihre kommenden Projekte. Warner und Co. verzichten in Zukunft auf RatPac-Dune als Finanzier.

Diese Projekte könnten noch betroffen sein

Mit sieben Filmen, deren Veröffentlichung über die nächsten Monate hinweg geplant ist, muss sich The Weinstein Company nun auch am Box Office den möglichen Folgen der mutmaßlichen Taten ihres Mitgründers stellen. Unter anderem steht das Historiendrama The Current War um Thomas Edison (Benedict Cumberbatch) in den Startlöchern, das schon nach einer enttäuschenden Premiere beim Toronto Film Festival dieses Jahres auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Weiterhin war Weinstein an der Produktion von War With Grandpa mit Robert DeNiro in der Hauptrolle beteiligt, der im Mai 2018 in die deutschen Kinos kommt. Zuvor wird sich auch Garth Davis' Maria Magdalena dem Publikum stellen müssen. Das Bibeldrama mit Rooney Mara und Joaquin Phoenix erscheint hierzulande bereits am 15.03.2018. Weitere kommende Weinstein-Produktionen sind The Upside und Hotel Mumbai, deren Veröffentlichungen ebenfalls für nächstes Jahr geplant sind.


Abseits von Harvey Weinstein könnte es besonders der neue Streifen von Woody Allen, Wonder Wheel mit Kate Winslet und Justin Timberlake in den Hauptrollen, schwer haben, dessen deutscher Kinostart für den 11.01.2018 angesetzt ist. Außerdem bleibt abzuwarten, inwiefern die Beteiligung von RatPac und Brett Ratner am nächsten DC-Streifen Aquaman ihre Spuren bei Publikum und Presse hinterlässt, nachdem dessen fälschlich vermutetes Mitwirken an Wonder Woman 2 bereits vor einigen Wochen für Kontroversen sorgte. Vielleicht könnten sich Warner und DC auch die Frage stellen, ob das enttäuschende Abschneiden ihres Superhelden-Auflaufs Justice League unter den aktuellen Skandalen zu leiden hatte. Mit RatPac-Dunes Beteiligung sowie der von Hauptdarsteller Ben Affleck, der vor Kurzem von der Schauspielerin Rose McGowan der Mitwisserschaft im Falle Weinstein beschuldigt wurde, könnten hier bereits viele Zuschauer_innen ein moralisches Urteil gefällt haben.

Ebenso bleibt abzuwarten, inwiefern sich die konsequente Neubesetzung von Kevin Spaceys Rolle in Ridley Scotts Alles Geld der Welt durch Christopher Plummer auf den Erfolg des Streifens auswirkt, könnte hier doch wiederum das Interesse vieler Zuschauer_innen geweckt worden sein. Das Kriminaldrama erscheint am 15.02.2018 in den deutschen Kinos. Johnny Depps Mitwirken am kommenden Fantasy-Blockbuster Phantastische Tierwesen 2: Grindelwalds Verbrechen sorgt seit einigen Wochen aufgrund der kontrovers diskutierten Missbrauchsvorwürfe von dessen Ex-Frau Amber Heard bei zahlreichen Social Media-affinen Fans für Bauchschmerzen. Auch dies könnte vor Kinostart im November 2018 noch einmal eine Welle medialer Diskurse aufwerfen.

Von Kunst und Künstler_innen

Denn inwiefern hier eine Trennung zwischen Kunst und Künstler_in gezogen werden kann, ist ein weiterer Punkt, der durch das Thema erneut in den Fokus gerückt ist. Wie verhält es sich mit der nächsten Sichtung von liebgewonnenen Klassikern wie Pulp Fiction (Miramax-Produktion) oder Die Reifeprüfung (mit Dustin Hoffmann), von House of Cards, von Wonder Wheel und Aquaman, geschweige denn den noch kommenden unter Weinstein produzierten Filmen? Können wir uns das überhaupt noch mit gutem Gewissen angucken? Es wäre sicherlich ein Leichtes, sich als Moralapostel zu präsentieren, doch schwingt hier leider auch immer das mit, was wir trotz der zahlreichen Enthüllungen im Zuge des Weinstein-Skandals wohl oder übel immer noch nicht wissen - und vielleicht niemals wissen werden.

Der Weinstein-Skandal hat Folgen in Hollywood hinterlassen und die Welt auf ein Thema aufmerksam gemacht, das jahrzehntelang stigmatisiert und totgeschwiegen wurde. Gepaart mit weiteren Entwicklungen in Hollywood wie dem erhöhten Einsatz von Schauspielerinnen in traditionell männlich konnotierten Rollen, dem wachsenden Auftauchen von Figuren aus Minderheitsgruppen in großen Studio-Produktionen und dem Kampf um faire Bezahlung diverser Gender, rückt die Aussicht, oder besser gesagt Hoffnung, dass die altbackenen, misogynen wie heteronormativen Hierarchien, die die Filmbranche seit ihrer Entstehung dominieren, langsam endlich abgelegt werden, in eine vielleicht nicht mehr ganz so weit entfernte Zukunft. Denn wie uns der Blick auf den Chefsessel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten seit Beginn des Jahres kontinuierlich vor Augen hält, leben wir in dieser Welt ganz offensichtlich noch nicht.

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