Zombiefilme - Wie die Untoten das Kino eroberten

Dawn of the Dead
© Universal Pictures
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Meint es gut mit den Menschen.

Es heißt, die Idee des wiederauferstandenen und fortan willfährigen Toten habe ihre Wurzeln in karibischen Ritualen, bei denen Menschen von Voodoo-Priestern mit Flüchen belegt, unter die Erde gebracht und als seelenlose Gestalten ins Leben zurückgeholt worden seien. Etymologisch lassen sich Anwendung und Bedeutung des Begriffes Zombie tatsächlich in der haitianischen Kreolsprache verorten, zumindest seine etwas anders geschriebene Variante Zombi, die laut Kulturwissenschaftlerin Gudrun Rath mit einer ästhetisch und funktionell abweichenden Bedeutungsgeschichte des Mythos einhergeht. Wenn wir in unserem Themenspecial Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 an die Ursprünge der populären Figur denken, vermittelt in Filmen und den darüber geschriebenen Texten, stellt sich die Frage, was am spezifischen Wesen des Zombies (nicht der freilich seit Menschengedenken kursierenden Angst vor einer Rückkehr der Toten) noch überlieferter Aberglaube und was schon distanzierende Kolonialfantasie ist. Einzug in die amerikanische Populärkultur erhielten Zombies jedenfalls während der US-Besatzung Haitis zwischen 1915 und 1934 - als mit Zauberkraft gefügig gemachte Sklaven.

Eine direkte literarische Tradition hat die Figur, anders als viele artverwandte Schauergestalten oder frühe deutsche Horrorfilme, nicht. Ihre Einflüsse reichen von Frankenstein und dessen aus Leichenteilen zusammengeflicktem Monstrum bis zum vampirischen, seine untote Existenz mit ständigem Blutdurst bestreitenden Graf Dracula. Auch das jüdische Fabelwesen Golem und die Rache nehmende Mumie sind Vorläufer, genau wie der unter dem Einfluss des wahnsinnigen Dr. Caligari stehende Somnambule aus Robert Wienes Meisterwerk. Im Kino taucht der erstmals so bezeichnete Zombie vermutlich 1934 auf (über eine Filmgeschichte, von der große Teile für immer verloren sind, lassen sich derartige Aussagen nur mit Vorsicht treffen). In Victor Halperins unabhängig finanziertem White Zombie mimt Bela Lugosi einen die Sippschaft von Kolonialherren gegeneinander ausspielenden Strippenzieher, der alle Bewohner Haitis zu hypnotisieren und für seine Zwecke zu missbrauchen versteht. Auffällig ist das hier bereits vollständig entwickelte Vokabular des Subgenres ("lebende Tote") und die rassismuskritische Lesarten ermöglichende Darstellung perfider Imperialisten.

Der politische Zombie

Letzteres gilt für den zweiten großen Klassiker des frühen Zombiefilms noch mehr. Jacques Tourneurs 1943 in die US-Kinos gebrachter Ich folgte einem Zombie ist ein finsteres Melodram, das mehrfach Bezug auf die US-amerikanische Sklavengeschichte nimmt. Am Ende scheint sich die Furcht vor den unterjochten, nie endgültig kontrollierbaren Indigenen zu bestätigen – der geständigen weißen Voodoo-Priesterin, die abtrünnige Familienmitglieder in Zombies verwandelt, möchte niemand Glauben schenken. Im Rückblick es ist bemerkenswert, wie diese Filme den Kontext ihrer Erzählungen reflektieren. Dennoch schien ein radikaler Bruch mit den historischen Bedingungen des Mythos unumgänglich. George A. Romero holte die Zombies von weit entfernten Inselstaaten ins ländliche Pennsylvania der tumultreichen späten 1960er Jahre. Wenn es sich beim Zombiekino um ein Projekt der kulturellen Aneignung handelt, dann ist Die Nacht der lebenden Toten dessen Modernisierung und Neuerfindung. Eine Dekolonisation gewissermaßen, die den lebenden Toten nicht als das exotisierbare Fremde, sondern eigene verzerrte Spiegelbild inszeniert.

Zombies waren jetzt aus Gräbern steigende Torkelkörper mit Lust auf Menschenfleisch. Untote, die Gebissene zu ihresgleichen machen. Kadaver, die sich allein durch Vernichtung des Hirnes außer Gefecht setzen lassen. Nur Romero selbst gelang es noch, die Radikalität und Wucht seines Zombie-Urknalls zu übertreffen. In Dawn of the Dead, der 10 Jahre später produzierten Fortsetzung, erweitert sich die eingeschränkte Perspektive des kammerspielartigen Vorgängers zu einem Blick aufs nationale Chaos. Zombies wurden zu Botschaftern der Apokalypse – ehemals denkende Menschen, die unentwegt gegen die Türen eines Einkaufszentrums schlagen. Vielleicht hat kein Bild jenen Kollaps der Zivilisation, von dem zu erzählen das Genre verdammt war, trefflicher eingefangen. Später, in Land of the Dead, zeigt Romero seine Zombies sogar als bewusst handelnde Wiedergänger des Antikapitalismus, deren Gefräßigkeit eine Form des Aufbegehrens ist. Bis heute gelten die von ihm aufgestellten Regeln, ein bisschen ergänzt und umgemodelt, aber nie grundsätzlich verworfen. Zombiefilme sind politische Filme, im Guten wie im Schlechten.

Ulk und Verderben – Zombies als Massenphänomen

Ende der 1970er Jahre setzte der Erfolg von Dawn of the Dead (wahrscheinlich ist es der profitabelste Zombiefilm überhaupt) eine unüberschaubare Welle an US-amerikanischen und ganz besonders europäischen Nachzüglern in Gang, bei der auch zahlreiche ältere Titel kurzerhand umbenannt und neu veröffentlicht wurden. In den italienischen Ablegern des von Dario Argento produzierten Romero-Films treten Zombies noch deutlicher als von Verwesung gekennzeichnete Untote auf, deren fauliges Fleisch und aus Poren kriechende Würmer eher die körperliche denn gesellschaftliche Zersetzung betonen: Ihre schleichende Unaufhaltsamkeit setzt ein Verderben in Umlauf, bei dem es um die furchtbare Gewissheit geht, dass der Tod erst der Anfang ist. Ohne Rücksicht auf Genregrenzen mischten die Italiener daher Zombies mit Kannibalen, gaben Okkultes hinzu oder ließen Untote gegen Haie kämpfen wie in Lucio Fulcis wunderschönem Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies. Hierzulande waren es vor allem solche Titel, die zu einer wahren Hysterie gegenüber Horror im Allgemeinen und Zombies im Besonderen führten.

Vielleicht war der bald auch humorvolle Einsatz von Zombies als entscheidende Prägung des Motivs unausweichlich. Zombie-Komödien und seltener –Parodien greifen nicht nur satirische Wesenszüge des Genres auf, die schon vergleichsweise früh, beispielsweise in King of the Zombies (1941), entdeckt und ausgekostet wurden, sondern können es durch Umdeutungen ihrerseits reflektieren. So präsentierte sich Re-Animator (1985) als vergleichsweise intelligenter Ulk über wissenschaftliche Hybris, der den Topos des lebenden Toten in Richtung Fun-Splatter verschob. Braindead (1992), die Zombie-Variante von Hitchcocks Psycho, führte diese Abzweigung auf einen bis heute unübertroffenen Gipfel aus Blut und Gedärm. Shaun of the Dead (2004) gelang ein Spagat zwischen Romero-Hommage und romantischer Komödie, die zugleich Revitalisierung des postmodernen Zombies als auch dessen Abgesang war. Erstaunen kann lediglich die schiere Menge und Popularität von Zombiekomödien. Auf moviepilot stimmten Nutzer vor einigen Jahren über die Top 50 der besten Zombiefilme ab und kürten Zombieland (2008) noch vor Romeros Arbeiten zum Sieger.

Der (vorübergehende) Tod des Zombiekinos

Anlass der Umfrage war die Veröffentlichung von World War Z, dem gänzlich folgenlos gebliebenen Versuch, Zombies mit Produktionskosten von 200 Millionen Dollar auf Blockbuster-Niveau zu hieven. George A. Romero, der nie wirklich Kapital aus seinen einflussreichen Ideen schlagen konnte, hasste den Film und machte ihn für die Finanzierungsschwierigkeiten weiterer Dead-Episoden verantwortlich. Als Urheber mit Deutungshoheitsanspruch trat er jedoch nie auf – zu Nachahmern und Verwurstungen äußerte sich Romero nur kritisch, wenn er eigene Projekte durch sie in Gefahr gebracht sah. Oft zitiert wurde sein Urteil über The Walking Dead, die "Seifenoper mit dem gelegentlichen Zombie", und auch der damalige Trend zu rennenden Toten behagte ihm nicht ("ihre Knöchel würden brechen"). Anfang des neuen Jahrtausends wurden solche visuell-ästhetischen Unterschiede als Erneuerung des Genres gedeutet. Die wie eine Wissenschaft betriebene Abgrenzung von Infizierten zu lebenden Toten füllte ganze Internet-Foren, in denen offenbar niemand Romeros meisterlichen Virusthriller The Crazies gesehen hatte, der schon 1973 demonstrierte, dass es am Ende eben überhaupt keinen Unterschied macht.

So führt 50 Jahre, nachdem im Kino erstmals die Nacht der lebenden Toten hereinbrach, noch immer kein Weg am Begründer des modernen filmischen Zombie-Mythos vorbei. Selbst die Schwierigkeiten des Topos, sich konstant auf der großen Leinwand zu behaupten, haben mit der darin eingeschriebenen Widerständigkeit seines Erfinders zu tun. George A. Romero wollte an Zombies nie etwas anderes beweisen als die Fragilität von Menschen und ihren sozialen Gefügen. Die Filme machten bei allem Affektreichtum deutlich, dass kein Angriff durch Untote so verstörend ist wie die menschliche Reaktion auf ihn, und fast allen Epigonen fiel es schwer, Romeros Zombies und die an sie geknüpften Ideen zu isolieren. Vielleicht ist der unernste Zugriff, die offenbar viel beliebtere Verballhornung, eine Folge dieser nie restlos überzeugend gemeisterten Herausforderung. Weshalb Zombiefilme jetzt als kostengünstigste Herstellungsform des Horrorfilms vor allem den Videomarkt überschwemmen. Die konsequente Treue zu Romero ist gleichermaßen eine Not wie seine schönste Bestätigung: Nach wie vor scheint es unmöglich, ihn zu widerlegen.

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