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Horror-Monat 2018

Die ersten Horrorfilme, die in Deutschland Angst verbreiteten

DIF / moviepilot
© Das Cabinet des Dr. Caligari
DIF / moviepilot
01.10.2018 - 08:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Wer durch die Horrorfilm-Geschichte führen will, kommt am deutschen Stummfilm nicht vorbei. In den 1910er/1920er Jahren trumpfte dieser mit Schauergeschichten auf, die zu echten Klassikern geworden sind.

Ich wäre so gern dabei gewesen, vor knapp 105 Jahren am 22.08.1913 im Berliner Mozartsaal, denn angeblich sollen die Zuschauer aufgeschrien haben, als sich bei der Vorführung von Der Student von Prag selbiger auf der Leinwand im Spiegel sah und wirklich leibhaftig zweifach erschien. Wie ein zeitgenössischer Beobachter berichtete, trauten sich viele nicht, auf die Leinwand zu schauen, andere schrien auf. Das erste Mal in der Geschichte des noch jungen Mediums verbreitete sich Angst, Schrecken und Panik im Kinosaal verursacht durch puren technischen Experimentiergeist und eine schaurige Geschichte.

Nichts anderes war Der Student von Prag von und mit Paul Wegener: Ein Schauermärchen über einen armen Studenten, der sein Spiegelbild verkauft, um teilzuhaben am Reichtum der gehobenen Gesellschaft. Als sein Doppelgänger aber immer unabhängiger wird, selbst aktiv in Erscheinung tritt und böse Entscheidungen trifft, tötet er ihn und damit auch sich selbst. Heute zählt Der Student von Prag mit zu den wichtigsten Produktionen der deutschen Frühgeschichte des Kinos. Er gilt als einer der ersten Kunstfilme bzw. Autorenfilme aus Deutschland und mittlerweile auch als der erste expressionistische Film, der eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung und Etablierung der nationalen deutschen Kinematographie spielte.

Darum ist Der Student von Prag so bedeutsam

Die Geschichte selbst ist nicht besonders originell. Die Verweise und Motivübernahmen aus Märchen- und Sagenstoffen und die Transformation des Doppelgänger-Motivs aus der romantischen Literatur war sogar für das damalige Publikum überdeutlich. Denken wird nur an Peter Schlemihls wundersame Geschichte und dessen verkauften Schatten von Adalbert von Chamisso, an die Doppelgänger in Siebenkäs von Jean Paul, an den Horror in William Wilson von Edgar Allan Poe oder auch an den Pakt im Faust-Stoff von Johann Wolfgang Goethe. Aber das romantische Doppelgänger-Motiv erstmals ins bewegte Bild gesetzt zu sehen, schien damals eine Welle der Faszination und Begeisterung und zugleich das Entsetzen beim Zuschauer hervorgerufen zu haben.

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Außerdem produzierte Der Student von Prag nicht nur einen Schub in der Entwicklung des Doppelgänger-Motivs selbst, weil er einige literarische Vorlagen verarbeitete und modifizierte, sondern weil er mit der Übertragung des Literarischen ins Filmische seine eigenen Möglichkeiten entdeckte und entwickelte. Der Student von Prag zählt zu den ersten Filmen, die auch wirklich filmisch dachten, mit Doppelbelichtungen, Kadrierungen, Licht und Schatten-Effekten etc. Mit seinen visuellen und narrativen Strukturen setzte er Standards, die in nachfolgenden Filmen - mit oder ohne Doppelgänger-Motiv, im Horror- wie im Fantasy-Genre - immer wieder aufgegriffen, variiert und auch neu geschöpft wurden.

Sagen, Märchen und Schauergeschichten als Exportschlager

Viele deutsche Filmemacher der Zeit orientierten sich an märchen- und sagenhaften Stoffen, denn diese nationalen Geschichten erwiesen sich als Exportschlager. 1915 kam Der Golem in die Kinos, wieder war Paul Wegener maßgeblich daran beteiligt. Dreimal inszenierte der Schauspieler und Regisseur den jüdischen Legendenstoff (1917: Der Golem und die Tänzerin / 1920: Der Golem, wie er in die Welt kam) um eine Lehmfigur, die mittels Formeln zum Leben erweckt wird. Eigentlich sollte sie als Beschützer auftreten und tat dies auch anfangs, aber als der Golem feststellte, dass er niemals wirklich zum Menschen werden konnte, wurde er zur Bedrohung für alle. Frankenstein lässt grüßen.

Gerade der Doppelgänger oder das andere Ich spielten eine herausragende Rolle im frühen deutschen Film. Damals wie heute gilt: "Der größte vorstellbare Thrill ist es, seine Identität zu verlieren; er verbindet die größte Angst vor völliger Auflösung und die große Lust bei der Erfahrung einer Neugeburt." (Georg Seeßlen) Das Horrorgenre wird diesen Topos immer wieder aufgreifen, dem frühen deutschen Film kommt zu, sich des Themas erstmals intensiv angenommen zu haben, unter anderem auch mit Der verlorene Schatten (1920), Orlacs Hände (1924) und vielen anderen Filmen.

Nosferatu, eine Symphonie des Grauens

Höhepunkte der deutschen Schauerwelle

Einen absoluten Höhepunkt erlangt die Schauerwelle des frühen deutschen Films mit Das Cabinet des Dr. Caligari (1920). Der Film ist heute einer der wichtigen Vertreter des frühen phantastischen Films, hatte und hat aber immer mit massiver Kritik und Kontroversen sogar aus eigenen, prominenten Reihen zu kämpfen.

[...] diese barbarische Orgie der Selbstvernichtung gesundes Menschentums in der Kunst, dieses Massengrab aller gesunden Prinzipien des Films, dieses Schlachtfeld stummer Hysterie, dieser Tummelplatz bemalter Leinwand, stümperhaft gezeichneter Kulissen, angepinselter Gesichter, unnatürlicher Verzerrungen und Handlungen, abscheulicher Hirngespinste. (Sergej Eisenstein)

Trotz Eisensteins Kritik ist Caligari filmisch hochinteressant, schaffte es doch das Team um Regisseur Robert Wiene, den Autoren Carl Mayer und Hans Janowitz sowie den Produktdesignern aus einem Mangel (geringes Budget) eine avantgardistische Strömung zu initiieren.

Verzicht stand auch beim anderen wichtigen Gruselfilm der Zeit Pate: Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922) dürfte nicht Dracula heißen, weil das deutsche Studio nicht über die Verfilmungsrechte von Bram Stokers Roman verfügte. Nichtsdestotrotz schuf das Team um F.W. Murnau einen Gruselfilm, der heute ebenfalls ein Klassiker ist. Dabei gilt neben dem Regisseur und der gespenstischen Atmosphäre besonders dem Hauptdarsteller der Dank: Max Schreck verkörperte kongenial das Dämonische.

Schaut euch einige dieser frühen Gruselgeschichten an, ihr werdet viele Dinge entdecken, die das Horrorgenre prägten. Deshalb sind sie Klassiker, auch wenn der Begriff mittlerweile etwas inflationär benutzt wird. Aber auf die frühen deutschen Gruselfilme trifft er meines Erachtens zu. Sie provozieren bei jeder Generation immer wieder neue Interpretationen, schlagen ihre eigenen Lesarten vor und zeigen sowohl zeitgenössische Vorlieben wie ideologische Hintergründe. Überaus spannend.

Was sagt ihr zu den frühen Gruselfilmen aus Deutschland?

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