2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß (2005), DE
Laufzeit 85 Minuten, FSK 12, Dokumentarfilm, Drama, Kinostart 07.04.2005

7.1 Kritiker
3 Bewertungen
Skala 0 bis 10
6.7 Community
22 Bewertungen
4 Kommentare
2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß - Bild 26690
  • DVD
Diesen Film bewerten
Bewertung löschen
noch nicht bewertet

von Malte Ludin,

60 Jahre nach der Hinrichtung des verurteilten Kriegsverbrechers Hanns Ludin, zeigt der Dokumentarfilm des Sohnes Malte Ludin die verzweifelte eigene Suche nach der Wahrheit und die Schwierigkeit, mit ihr zu leben. Er geht der Frage nach, wie viel Schuld der Vater auf sich geladen hat und er will wissen, was seine älteren Schwestern wussten oder hätten wissen müssen. Hanns Ludin wird bereits in der Weimarer Republik berühmt, weil er in der Reichswehr für Hitler konspiriert. Nach 1933 steigt er schnell zum SA-Obergruppenführer auf. Ihm werden der Blutorden und andere hohe Weihen des Nazistaates zuteil. 1941 schickt ihn Hitler als Gesandten in den “Schutzstaat” Slowakei. Als “Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches” soll er dort die Interessen Berlins durchsetzen: vor allem die “Endlösung”. Nach dem Krieg wird Hanns Ludin von den Amerikanern an die Tschechoslowakei ausgeliefert, 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Diese Tatsachen nimmt sein jüngster Sohn, der Filmemacher Malte Ludin, zum Ausgangspunkt einer schmerzlichen filmischen Auseinandersetzung mit den Legenden, die in der Familie über den Vater kursieren. War er ein Held und Märtyrer oder ein Verbrecher? Auf einmal sind alle bereit zu reden: Die Schwestern, Schwager, Nichten und Neffen.

HandlungMalte Ludin ist das fünfte Kind aus einer gutbürgerlichen deutschen Familie und wächst in der Nachkriegszeit auf. An seinen Vater kann er sich kaum erinnern, da dieser die Todesstrafe erhielt, als Malte noch klein war. Heute, als sechzigjähriger Regisseur, macht er sich daran, ein altes Familientabu zu brechen und interviewt seine Mutter wie auch seine Geschwister zu der Vaterfigur. Ludin deckt Traumata auf, die tief im Familienverständnis, aber auch in der deutschen Nachkriegsgeneration verwurzelt sind. “Wir haben von nichts gewusst.” In der Familie Ludin wird selbst die Figur des Vaters vom überzeugten Nationalsozialisten, der direkt unter Hitlers Führung in der Tschechoslowakei stationiert war, zum Widerstandskämpfer stilisiert.

Die Geschwister leiden an der nicht aufgearbeiteten Schuldfrage sowie an der Unvereinbarkeit der Erinnerung an den Übervater, den Menschen Hanns Ludin, und seinen Taten als Verantwortlicher für die Judendeportation nach Auschwitz. Ludin gelingt es, ein einfühlsames Sittenporträt der Deutschen abzuliefern und gleichzeitig anhand seiner eigenen Familie zu zeigen, wie sehr die Schuldfrage des Holocaust auf der Nachkriegsgeneration lastet.

Weiterführende Informationen
Der Titel des Films verweist auf Godards Film Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß

Weitere Informationen im Internet
Filmkritik von Georg Seeßlen auf der Filmzentrale


Cast & Crew


Kritiken (1) — Film: 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

Suchsland: FAZ, FR, filmdienst, Berlin... Suchsland: FAZ, FR, filmdienst, Berlin...

Kommentar löschen
9.5Herausragend

Ein Protokoll der Verleugnung und des Verschweigens, der Lebenslüge und der Beschwichtigung. Indem Ludin - der als Verwandter das unbestreitbare moralische Recht und das nötige Vorwissen hat - in die tiefen Schichten des familiären Unterbewusstseins eindringt, wird sein Film zur exemplarischen Darstellung der Rhetorik der Verdrängung in all ihren Facetten [...]

Kritik im Original Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten


Kommentare (3) — Film: 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

Kommentar schreiben
Sortierung

spanky

Kommentar löschen
Bewertung7.5Sehenswert

Intime und teils beklemmende Einblicke in die familiären Verhältnisse der Nachkommen eines Kriegsverbrechers. Eine spannende Aufarbeitung der Geschichte am ganz persönlichen Fall. Chapeau, Malte Ludin!

Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

annaberlin

Kommentar löschen
Bewertung10.0Herausragend

Hervorragende Dokumentation über den Schuldkomplex der Deutschen, veranschaulicht am Beispiel einer Familie, deren Vater ein führender Nazi war und nach dem Sieg der Alliierten die Todesstrafe erhielt. Malte Ludin überzeugt durch einschneidende Interviews, die die innere Zerrissenheit der Geschwister zeigen und die quälende Frage, wie man mit dieser Last umgeht.

Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Fabs123

Kommentar löschen
Bewertung9.0Herausragend

Malte Ludin beschäftigt sich in dieser Dokumentation mit der NS-Vergangenheit des eigenen Vaters und trifft dabei in der Familie auf teils erbitterten Widerstand. Ignoranz und Verdrängungsmechanismen, von denen er sich selbst nicht ausnimmt, werden hier schonungslos aufgedeckt.

Kommentar gefällt mir Kommentar gefällt mir doch nicht Antworten

Kommentar schreiben