Crowdfunding: Eine Chance auf bessere Filme? - Teil 1: Debütfilme

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Immer mehr eigenwillige Independent-Filme nehmen ihre Bezeichnung beim Wort und entstehen finanziell völlig (oder zumindest größtenteils) unabhängig via Crowdfunding. Und damit schlagen sie immer häufiger eine aussichtsreiche Erfolgslaufbahn ein. So beispielsweise geschehen beim regionalen Kinofilmprojekt Mannheim - Neurosen zwischen Rhein und Neckar, das nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne nun auch an den lokalen Kinokassen der Metropolregion Rhein-Neckar triumphierte. Der regional gefärbte, mit Zuschauererfolg gesegnete Film von Thomas Oberlies konnte sich an seinem Startwochenende im Cineplex Planken in Mannheim gar gegen The First Avenger: Civil War durchsetzen. Und auch am zweiten Wochenende verteidigte der Mannheim-Film erfolgreich seine Spitzenposition im Zuschauer-Ranking, diesmal außerdem noch gegen Angry Birds - Der Film.

Crowdfunding hat sich im Laufe der letzten Jahre zu einer vielversprechenden Finanzierungsweise und einer echten Alternative zu klassischen Filmfinanzierungsmodellen entwickelt. Dabei werden mithilfe der beliebten Schwarmfinanzierung neben regionalen Erfolgsfilmen wie Mannheim - Neurosen zwischen Rhein und Neckar auch immer wieder (inter)national erfolgreiche Kinofilme wie Stromberg: Der Film oder Iron Sky realisiert. Und gerade im Bereich künstlerisch anspruchsvollerer Filmprojekte, die narrativ und visuell neue, 'radikale' Wege gehen wollen, ist Crowdfunding eine feste Größe geworden. So hat Charlie Kaufmans (Vergiss mein nicht!) erster Animationsfilm Anomalisa, nachdem das Filmprojekt mithilfe der US-amerikanischen Crowdfunding-Plattform Kickstarter gar eine neue Rekordsumme an Unterstützungsmitteln generieren konnte, später einen weltweiten Siegeszug bei Filmfestivals und Kritikern angetreten. Gekrönt wurde der Erfolg des Films schließlich im Frühjahr durch eine Oscar-Nominierung als bester Animationsfilm.

Mehr: Crowdfunding-Kampagnen beim Film - Fluch oder Segen?

Während das Thema Crowdfunding in den letzten Jahren auch immer wieder negativ auf sich aufmerksam machte, etwa wenn gestandene Hollywood-Größen die Schwarmfinanzierung aus eher zweifelhaften Gründen (aus)nutzten und dadurch für heißen Diskussionsstoff sorgten, hat sich mit besagten Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder dem deutschen Pendant Startnext nebenbei ein durchaus ernstzunehmendes Finanzierungsmodell für anspruchsvolle, andersartige und/oder (bloß) ehrgeizige Filmprojekte aller Art etabliert. Wir möchten uns nun, abseits viel diskutierter Mainstream-Produktionen aus Hollywood wie Wish I Was Here von Zach Braff oder Veronica Mars, die beide sicherlich nicht zwingend auf eine Schwarmfinanzierung angewiesen waren, auf eine kleine Spurensuche nach originelleren, künstlerisch wertvolleren Filmprojekten machen, die bereits via Crowdfunding realisiert wurden. Dabei sollen neben verschiedenen Filmgattungen und Genres auch die unterschiedlichen Verwendungsarten sowie die vielförmigen Möglichkeiten der Schwarmfinanzierung Beachtung finden. Den Anfang macht heute im ersten Teil dieser Themenreihe die stetig wachsende Sparte der Debütfilme.

Crowdfinanzierte Debütfilme

Debütfilmprojekte haben es gerade in finanzieller Hinsicht meist nicht leicht. Ob es sich nun um ein Kurz- oder Langfilmprojekt handelt, von Filmhochschulabsolventen oder Autodidakten und Quereinsteigern stammt, von Filmfördermitteln profitiert oder nicht: Das Geld ist immer (zu) knapp, die Möglichkeiten sind beschränkt. Um diesem Problem entgegenzuwirken, nutzen immer mehr angehende Filmemacher alternative Finanzierungsmöglichkeiten wie das Crowdfunding. Und das mit Erfolg. Ein jüngstes Beispiel ist das bewegende Indie-Drama Petting Zoo der texanischen Filmemacherin Micah Magee, die mit diesem Spielfilmdebüt ihr Studium an der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) sehr erfolgreich abgeschlossen hat.

Das deutsch-amerikanische Filmprojekt Petting Zoo kam zwar in den Genuss finanzieller Fördermittel vom Medienboard Berlin-Brandenburg sowie vom New York State Council for the Arts, dennoch fehlte es noch immer an vielen Ecken an Geld. So griff das ambitionierte Produktionsteam zusätzlich auf die Filmfinanzierung via Crowdfunding zurück, um Petting Zoo letztlich auf einem (halbwegs) angemessenen finanziellen Niveau realisieren zu können. Das durch die Schwarmfinanzierung gesammelte Geld floss unter anderem in die spärlichen Team- und Schauspielergagen. Außerdem mussten einige Flugkosten abgedeckt werden, denn Micah Magees kraftvolles Langfilmdebüt über eine stoische 17-Jährige, die ihre mühsam erarbeitete Unabhängigkeit und Freiheit durch eine ungewollte Schwangerschaft wieder zu verlieren droht, spielt mitten im Herzen des konservativen US-Staats Texas.

Crowdfunding als Teilfinanzierung

Die Teilfinanzierung eines Filmprojekts via Crowdfunding ist heute ebenso charakteristisch für die Nutzung der Schwarmfinanzierung geworden wie die Funktion dieser Online-Plattformen als Werkzeug zur finanziellen Nachwuchs- und filmischen Vielfaltsförderung. Crowdfunding hat sich also zu einem starken, immer häufiger genutzten Finanzierungsmittel entwickelt, das ganz gezielt für bestimmte Produktionsabschnitte und Teilbereiche eines Filmprojekts eingesetzt wird. So erhöhen sich nämlich in vielerlei Hinsicht die Chancen auf eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne, die ihr Finanzierungsziel tatsächlich auch erreicht, sowie die Chance auf eine erfolgreiche Umsetzung des gesamten Filmprojekts. Eine Teilfinanzierung via Crowdfunding setzt das Finanzierungsziel der jeweiligen Kampagne generell auf eine realistischere Ebene, da eine Filmproduktion im Gesamten stets sehr kostspielig ist und die Finanzierung einer spezifischen Produktionsphase (grob: Vorproduktion, Dreharbeiten, Postproduktion) sich demnach schlicht und ergreifend als einfacher erweist. Außerdem bleibt somit die Möglichkeit der Finanzierung anderer Produktionsbereiche eines Filmprojekts durch klassische Fördermittel etc. bestehen. So geschehen bei Petting Zoo sowie bei Mannheim - Neurosen zwischen Rhein und Neckar. Letzteres Filmprojekt durfte sich nach erfolgreich abgeschlossenen Dreharbeiten, die größtenteils mithilfe einer Schwarmfinanzierung ermöglicht wurden, über eine Postproduktionsförderung der MFG (Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg) freuen.

Crowdfunding und die Chance auf bessere Filme

Während sich Mannheim - Neurosen zwischen Rhein und Neckar hauptsächlich mit seinem großen regionalen Zuschauererfolg rühmen kann, blickt Petting Zoo derweil sogar auf eine erfolgreiche Berlinale-Teilnahme in der Sektion Panorama zurück, die dem Independent-Film viel Ruhm und Kritikerlob bescherte. Dieses erfreuliche Schicksal teilt das gefühlvolle Drama unter anderem mit dem starken Debütfilm She's Lost Control der deutschen Filmemacherin Anja Marquardt, die als New Yorker Filmstudentin ihren ersten Spielfilm ebenfalls mithilfe von Kickstarter finanzierte und größtenteils in den USA realisierte. Beide Filme zeichnen sich zudem dadurch aus, dass sie einen besonders mutigen Blick auf unsere heutige Gesellschaft werfen. Selbstbewusst rücken die Filmemacherinnen von uns gern übersehene oder gar ignorierte Facetten der gesellschaftlichen Wirklichkeit in den Fokus ihrer Betrachtungen, nehmen neue (oder zumindest frische) relevante Perspektiven und Sichtweisen auf unsere Welt ein. In feinfühligen Filmporträts und -Charakterstudien werden neue narrative Wege gegangen, vernachlässigte Randthemen und -existenzen mit Aufmerksamkeit bedacht, kritischere Töne angeschlagen und Geschichten mit radikalen, aber dennoch glaubwürdigen und realitätsnahen Figuren erzählt. Dabei gelingt beiden Filmen die emotionale Gratwanderung, Kritik an ihren eigenen Figuren und der Gesellschaft, in der sie leben, zu üben, ohne sie gleichwohl zu verurteilen.

Dass Filmfestivals, -Verleiher und -Kritiker bereits erkannt haben, dass aus Crowdfunding-basierten Projekten oftmals sehr bedeutsame, gesellschaftlich relevante Filme hervorgehen (können), die besonders einfühlsame Einblicke in die menschliche Psyche und Seele liefern, bewies etwa die Berlinale dieses Jahr, indem sie erfolgreich eine Kooperation ihres Nachwuchsförderprogramms Berlinale Talents mit der Crowdfunding-Plattform Kickstarter ins Leben rief.

Mit der alternativen Filmfinanzierung via Crowdfunding geht gerade für Debütfilmprojekte eine beachtliche narrative sowie visuelle Freiheit einher. Die finanzielle Unabhängigkeit räumt angehenden Filmemachern neue kreative Möglichkeiten ein, die ihnen dabei helfen (können), aus der endlosen Masse an Debütanten herauszustechen, die sich im harten professionellen Filmgeschäft beweisen und etablieren wollen. Damit wird sich auch der zweite Teil dieser Themenreihe anhand aktueller Film-Erfolgsbeispiele wie Lotte noch einmal genauer befassen.

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