Mr. Vincent Vega eckt an

Der Hobbit oder eine 48fps-Doku-Soap mit Zwergen

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise
© Warner Bros. Pictures
Der Hobbit - Eine unerwartete Reise

Vor knapp einer Woche startete Der Hobbit: Eine unerwartete Reise in den deutschen Kinos, der erste Teil einer auf drei Filme gestreckten Adaption des überschaubaren Kinderbüchleins von J.R.R. Tolkien. Zu sehen ist der knapp dreistündige Film in einer wahlweise analogen oder digitalen 2D-Fassung, der ungleich weiter verbreiteten 3D-Version sowie auf insgesamt rund 150 deutschen Kinoleinwänden auch im von Regisseur Peter Jackson favorisierten HFR 3D. Wer nicht unter einem Stein lebt, wird angesichts des Werberummels um diese Version wissen, dass sie in High Frame Rate gedreht wurde, also mit 48 statt der üblichen 24 Bildern pro Sekunde arbeitet. Seit Beginn der 1930er Jahre gelten 24fps (frames per second) als Standard der Kinoindustrie, an dem sich bis heute, trotz unterschiedlichster Weiterentwicklungen des Kinos bis hin zur vollständigen Digitalisierung, nichts geändert hat. Seinerzeit vorrangig als Konsens durchgesetzt, um die hohen Kosten der Filmentwicklung zu minimieren, könnte ein Blockbuster-Kino mit 24fps – je nach Erfolg von Der Hobbit und einer entsprechenden Bereitschaft des Publikums, den Wandel mit zu tragen – bald vielleicht der Vergangenheit angehören.

Eine seltsame Art von Fantasy-Hyperrealismus
Für eine höhere Bildfrequenz, an der es grundsätzlich erst einmal nichts auszusetzen gibt, entschied sich Peter Jackson insbesondere deshalb, weil seine auf visuellen Reichtum in Landschaftspanoramen und imposanten Schlachtgemälden abzielende Fantasy-Ästhetik durch die unschönen Nebeneffekte der 24fps-Projektion behindert würde. Speziell in dynamischen Bildern, bei Kamerafahrten oder –Schwenks beispielsweise, sei der Sehgenuss durch störendes Ruckeln sowie eine starke Bewegungsunschärfe (motion blur) beeinträchtigt. Das ist ganz gewiss ebenso eine richtige Einschätzung, umso mehr in Zeiten spektakulärer 3D-Filme, wie auch die Nachteile der einst in erster Linie aus pragmatischen Gründen standardisierten 24fps-Frequenz lange bekannt und zurecht umstritten sind. Dennoch kippte mir letzte Woche, als ich vorfreudig im Kinosessel Platz genommen und die ersten Minuten von Der Hobbit vor meinen Augen dahin ziehen gesehen hatte, die Kinnlade herunter. Mehrmals überlegte ich, das Filmtheater zu verlassen ob der potthässlichen 48fps-Bilder. Nein, das sei eben eine Umstellung, daran müsse ich mich erst einmal gewöhnen, das hat alles seine Richtigkeit – sagte ich mir. Und blieb, saß, litt.

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Die verhaltenen Stimmen der Filmkritik aus Übersee hinsichtlich der erhöhten Bildwiederholfrequenz waren eine kolossale Untertreibung. In 48 Bildern pro Sekunde sieht Der Hobbit aus wie Reality-TV mit Zwergen, als würde RTL seine Doku-Soaps am Vormittag jetzt in Mittelerde produzieren. In glasklaren Bildern wird dort dem unsäglichen Schärfer als die Realität-Fetisch gehuldigt, eine seltsame Art von Fantasy-Hyperrealismus zelebriert und ausnahmslos jedes gestalterische Detail als High-End-Politur serviert. Das Auenland ist ein Konglomerat aus Setbauten zum Anfassen und überhöht künstlicher Wirklichkeit, die Höhlensysteme des Berges Erebor sehen wie eine gigantische, von Touristen mit Camcordern gefilmte Freizeitparkattraktion aus. In Kombination mit der 3D-Technik verwandeln sich selbst kleinere Kamerabewegungen zu schwindelerregenden Achterbahnfahrten, während die aufwändigen Actionszenen Simulationsübungen von Testpiloten gleichkommen, nur eben auf die denkbar unansehnlichste Weise im Gewand einer HD-Seifernoper.

Bilder, die nach Anschluss suchen
Der eigentlich nicht uninteressante Überschuss an immersiven Eindrücken beschränkt sich allerdings auf die spektakuläreren Momente, in denen vor lauter visueller Bombardierung sowieso kaum noch irgendetwas eine Rolle spielt. In verhaltenen dialoglastigen Momenten, vor allem dort, wo Peter Jackson mit Nah- und Halbnahaufnahmen arbeitet, sowie Bewegungen aller nicht-computeranimierten Figuren kommt der Fernsehfilm-Touch besonders hässlich zur Geltung. Es gibt diesen Effekt auf dem Computer, wenn eine darauf abgespielte Filmdatei ins Stocken gerät und dann das Bild für wenige Sekunden schneller ablaufen lässt, um wieder Anschluss zum eigentlichen Rhythmus zu finden. Der Hobbit sieht nahezu drei Stunden lang so aus, als ob die Bilder nach einer Art Anschluss suchen würden. Unwirkliche, also eben nicht – wie intendiert – realistischer wirkende Bewegungen bestimmen die gesamte Interaktion, ganz so, als würden alle Figuren sich wie auf Speed bewegen: Kantig, beschleunigt, ruckelnd.

In seiner visuellen Gestaltung erscheint der Film in der 48fps-Version wie ein Making-Of-Video von Der Herr der Ringe: Die Gefährten, wie ein kleiner billiger und eben so gar nicht epischer Fantasy-Schmonz aus dem Ramschregal. Und das also ist dann das Resultat der großen Vision eines zum Führungsgiganten der Hollywoodindustrie verkommenen neuseeländischen Ex-Funsplatter-Regisseurs. Das also ist, was den Sehgenuss störende Nachzieheffekte und Unschärfen ausbessern, die weltweiten Kinos zu erneuten Aufrüstungen bewegen und überhaupt eine neue Art des Filmerlebnisses schaffen sollte. Die Befürworter von 48 Bildern pro Sekunde und HFR 3D, Bryan Singer etwa oder Spezialeffektvirtuose Douglas Trumball, sehen darin eine oder vielleicht sogar die Zukunft des Kinos. Und natürlich arbeitet James Cameron, der wohl auf jede technische Erneuerung am Liebsten ein persönliches Copyright besitzen würde, bereits an einer noch höheren Bildfrequenz. Avatar 2 soll dann in 60fps in die Kinos kommen – im Jahre 2014, wenn Peter Jacksons Trilogie-Abschluss Der Hobbit 3: Die Schlacht der Fünf Heere mit lediglich 48 sekündlichen Bildern vielleicht schon langweilige Geschichte sein wird.

Als Mr. Vincent Vega polemisiert sich Rajko Burchardt seit Jahren durch die virtuelle Filmlandschaft, immer auf der Suche nach dem kleinstmöglichen Konsens. Denn “interessant ist lediglich Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider.” (Christian Kracht). Wenn er nicht gerade auf Moviepilot aneckt, bloggt Rajko für die 5 Filmfreunde und sammelt Filmkritiken auf From Beyond.

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