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Mein Herz für Klassiker

Ich, Alphaville & und die urbane Dystopie

08.04.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Alphaville
© Arthaus / Kinowelt
Alphaville
Jean-Luc Godard, das Enfant terrible des französischen Films, zeichnet mit Alphaville eine dystopische Zukunftsvision in höchst eigenartiger Form. Doch in dem befremdlich futuristischen Setting steckte schon damals überraschend viel Gegenwart.

In Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 verbindet Jean-Luc Godard klassische Science-Fiction-Motive mit Elementen des Film Noir und erschafft 1965 eine düstere Großstadt-Atmosphäre, lange bevor Ridley Scott seinen Blade Runner drehte und lange nachdem Fritz Lang mit Metropolis die dystopische Stadt im Kino etablierte. Es ist eine fremdartige Welt, in die Jean-Luc Godard seine Zuschauer und seinen Protagonisten, den Geheimagenten Lemmy Caution, schickt. Dabei ließ der französische Meisterregisseur keineswegs spezielle Filmkulissen anfertigen, sondern drehte im wahrhaftigen, im realen Paris. Durch geschickte Ausleuchtung und unkonventionelle Perspektiven verwandelte Jean-Luc Godard das Paris der 1960er Jahre in das futuristische Alphaville. Auch die Tatsache, dass der Titelheld die Stadt nicht etwa in einem fliegenden Raumschiff, sondern mit einem sehr bodenständigen Ford Galaxy erreicht, verdeutlicht, wie der Regisseur seine Zukunftsfantasie mit der Gegenwart verschmelzen lässt und dass diese übertechnisierte und gefühlsleere Welt von der Unseren gar nicht so weit entfernt ist.

Mein Herz für Klassiker schenke ich heute Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60. Für diese Aussage wäre ich in der titelgebenden Stadt wahrscheinlich in ein Schwimmbad geführt und erschossen worden. Jegliche Formen von Gefühl, Leidenschaft und Fantasie soll das faschistische System Alphaville im Keim ersticken und im Falle eines unkontrollierten Aufblühens, den entsprechenden Wirt so rasch wie möglich vernichten. Reguliert und regiert wird die Stadt mithilfe des hochintelligenten Computersystems Alpha 60, das einzig und allein wissenschaftlicher Logik verpflichtet ist. Spion Lemmy Caution (Eddie Constantine) gelangt von außerhalb in das geschlossene System, um einen vermissten Kollegen aufzuspüren und stellt als gefühlsbetonter Mensch mit Hang zur Poesie eine unberechenbare Variable in der gesellschaftlichen Gleichung dar, auf der Alphaville basiert.

Warum ich Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 mein Herz schenke
Jean-Luc Godard versteht es meisterhaft, die Zukunft in der Gegenwart zu offenbaren. Die Einzelteile seines Films scheinen unordentlich zusammengewürfelt und greifen doch perfekt ineinander. Die kühlen Schwarz- Weiß-Bilder stilisieren alltägliche Gegenstände und Räumlichkeiten zu einer entmenschlichten Zukunftswelt, deren Geist von der befremdlichen Stimme eines künstlichen Haupthirns getragen wird. Alphaville ist nicht nur ein politischer Film, wenn er die Konsumgesellschaft und unverantwortliche wissenschaftliche Forschung kritisiert, sondern zeugt auch von gewitzter Ironie, wenn er kunstvoll mit verschiedenen Genre-Elementen jongliert und mit seiner Hauptfigur ein klassisches Agentenbild parodiert. Jean-Luc Godard gelang mit diesem einzigartigen Sci-Fi-Noir ein Fest für die Sinne, das zu einem Fest im Kopf des Zuschauers ausarten kann. Und genau das sollte Kino im Idealfall doch erreichen.

Warum auch andere Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 lieben werden
Alphaville protestiert laut und deutlich gegen Logik, rasante Technisierung und eine verwissenschaftliche Welt. Dieser inhaltliche Aufschrei findet sich auch Ästhetik und Form des Films wieder. Alphaville ist effektvoll ohne ein Effekt-Spektakel zu sein und wirkt durch die teilweise elliptische Erzählweise unstrukturiert und impulsiv. So kontrastiert Jean-Luc Godard das im Film von Alpha 60 verkündete Dogma des mathematisch berechenbaren Individuums. Das Kunstprodukt Alphaville ist so konzipiert, dass es in der fiktiven Welt der gleichnamigen Stadt niemals hätte existieren dürfen. Eigenwillig, virtuos und genial appelliert der Regisseur mit seinem Film auch an die Freiheit und Schönheit der Kunst.

Warum Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60 die Jahrzehnte überdauert
Der neunte Film von Jean-Luc Godard ist in seiner Thematik so aktuell wie nie. Durch allgegenwärtige Computersysteme verfremdete Kommunikation ist maßgeblich an der Formung unserer Gesellschaft beteiligt. Genau wie der Science-Fiction-Tyrann Herr von Braun im Film um die Macht des elektronischen Superhirns Alpha 60 weiß, wenn es darum geht die Bevölkerung seiner Stadt zu unterdrücken, sind sich totalitäre Staaten heutzutage der Wichtigkeit des Internets bewusst.

Ein Computer war tatsächlich auch in hoher Funktion an der Alphaville-Premiere beteiligt. Die Gäste hatten statt Einladungen Lochkarten erhalten und mussten die Tickets am Kino-Eingang in einen Automaten einführen. Die Maschine überzeugte allerdings nicht durch mathematische Präzision und ließ zu viele Besucher herein. Natürlich wurde darüber müde gelächelt und gemeinhin angenommen, dass die Technik ganz ohne menschliches Zutun eben nicht fehlerfrei funktionieren könne. Was aber, wenn das System ganz bewusst und aus eigenen Stücken handelte, weil es um die Qualität des Films wusste? Wir werden es nie erfahren.

Was sagt ihr zu Alphaville – Lemmy Caution gegen Alpha 60?

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