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Magic Mike und der unsichtbare Penis

16.08.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Channing Tatum bricht das Tabu männlicher Nacktheit im Kino
© Concorde
Channing Tatum bricht das Tabu männlicher Nacktheit im Kino
Wahnsinn! Männliche Stripper als Protagonisten in einem Film von Steven Soderbergh. Aber halt! Warum ist männliche Nacktheit im Film eigentlich so besonders? Und ist Channing Tatum wirklich ein männliches Sexobjekt?

Heute soll der Schwerpunkt meiner Kolumne einmal nicht auf Frauen im Film liegen, sondern auf der Darstellung des nackten männlichen Körpers. Der Anlass ist offensichtlich, denn in seinem neuen Film erzählt Steven Soderbergh die Geschichte eines Nachwuchsstrippers (Alex Pettyfer), der vom erfahrenen Magic Mike (Channing Tatum) ins Business eingeführt wird. Dabei bleibt es natürlich nicht aus, dass sich die Darsteller partiell entkleiden. Warum aber ist dieser Fakt eigentlich so ungewöhnlich? Was macht nackte Männer auf der Leinwand zu etwas Besonderem, während eine nackte Frau beinahe zum genreunabhängigen Standrepertoire gehört?

Fassbenders Promi-Penis und der männliche Blick
Der Film ist nicht die einzige Kunstform, in der männliche Nacktheit eindeutig unterrepräsentiert ist. Die feministische Gruppe Guerilla Girls hat einmal die Ausstellungsstücke des Metropolitan Museum of Art in New York unter die Lupe genommen und festgestellt, dass nur 5% der ausgestellten Künstler, jedoch 85% der abgebildeten Nacktmodelle weiblich sind. Dieser starke Fokus auf die weibliche Blöße ist natürlich nicht in allen Epochen und Kulturen gleichermaßen stark vertreten. So schämten sich die alten Griechen mitnichten ihren Statuen deutlich sichtbare Genitalien zu formen. Und auch in der asiatischen Kultur ist der Phallus ein omnipräsentes Fruchtbarkeitssymbol.

In der westlichen Welt und im Film im Besonderen ist dies jedoch ein wenig anders. Das jüngste Beispiel für die Ungleichbehandlung von männlicher und weiblicher Nacktheit sind die Reaktionen auf den Film Shame von Steve McQueen. Während sich niemand für Carey Mulligan interessierte, die in einer nicht unbedingt vorteilhaften Duschszene ausgiebig in voller Blöße dargestellt wird, hat Hollywood geradezu eine Obsession mit dem besten Stück von Michael Fassbender entwickelt. Rachel Phan von der National Post bezeichnet den Film Shame daher kritisch als “Karrieresprungbrett für Fassbenders Penis”. Und ja, ich selbst muss gestehen, dass mir die Nacktheit des männlichen Hauptdarstellers viel stärker ins Auge sprang als die seiner weiblichen Kollegin. Auch ich bin nicht frei von diesem gesellschaftlichen Muster, das den nackten Mann als absonderlich, die nackte Frau aber als Normalfall einordnet. Auch der Auftritt von Jason Biggs im knappen Fetishoutfit in American Pie – Das Klassentreffen hat mich ehrlich gesagt ein wenig schockiert.

Die feministische Filmtheoretikerin Laura Mulvey hat in den 70er Jahren die These aufgestellt, dass der Blick der Kamera im Film immer ein männlicher ist, der die Frau als Objekt der Begierde betrachtet. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass ihre Nacktheit eine weitaus größere Bedeutung erfährt. Seitdem hat sich natürlich einiges geändert, nichtdestotrotz ist männliche Nacktheit im Kino offensichtlich noch immer etwas Außergewöhnliches. Elisabeth Raether bemerkt in ihrem Artikel auf Zeit Online
treffend: „Ein Mann begehrt. Er wird nicht begehrt.“ Für sie hat es gar etwas mit Macht zu tun, dass Männer sich auf der Leinwand bedeckt halten, während Frauen sich mit der Entledigung ihrer Kleidung auch eines Schutzes berauben.

Ist Channing Tatum das überfällige Objekt der weiblichen Begierde?
Nun erscheint es ja so als habe Steven Soderbergh der ungleichen Abbildung nackter Körper mit seinem aktuellen Film endlich ein Ende gesetzt und dem weiblichen Kinopublikum ein Objekt der Begierde präsentiert. Tatsächlich aber hat er einmal mehr bewiesen, dass männliche Nackedeis keine Lustobjekte, sondern Witzfiguren darstellen. Nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im echten Leben unterscheidet sich die Atmosphäre in einem Stripclub für Herren erheblich von der klassischen Chippendale-Show. Während in erstgenanntem Etablissement Damen in neckischen Dessous mit geschürzten Lippen aufreizend die Beine spreizen, sind männliche Stripper am ehesten als halbnackte Clowns zu bezeichnen, die bei ihrem Publikum weniger sexuelles Verlangen als vielmehr Amüsement hervorrufen wollen. Dementsprechend rief Magic Mike beim weiblich dominierten, amerikanischen Kinopublikum auch pubertär anmutendes Gekicher hervor. Scheinbar, so Dodal Stewart auf Jezebel, ist die männliche Nacktheit ein solcher Tabubruch, dass nur mit Lachen darauf reagiert werden kann. Indem männliche Stripeinlagen – nicht nur in Magic Mike, sondern auch in der Realität – den Unterhaltungsaspekt gegenüber der potentiellen Erotik der Veranstaltung übermäßig stark betonen, erhalten sie dieses Tabu weiterhin aufrecht. Männer werden so nie zum Objekt der Begierde, sondern zu erfolgreichen Showstars, die sich an der freudigen Begeisterung der johlenden Frauen ergötzen. Wie Caroline Heldman in ihrer Betrachtung von Magic Mike anmerkt, sind es die Männer, die im Zuge ihrer Performance Befriedigung erfahren und nicht die Frauen. Channing Tatum ist also nicht das Objekt der Begierde. Er ist das männliche Subjekt, durch dessen Augen wir sein weibliches Publikum als unzurechnungsfähige Masse untervögelter Frauen erleben.

Kein Penis in Sicht – Die Tücken des männlichen Selbstbewusstseins
Welche Auswirkung aber hat es auf die Selbstwahrnehmung des Mannes, dass seine Nacktheit in der kulturellen Repräsentation geradezu tabuisiert wird? Wie in meinem letzten Artikel versprochen, will ich mich auch der männlichen Perspektive nicht verschließen. Es ist durchaus zu kritisieren und zu problematisieren, dass die Dominanz des männlichen Blicks auf das entblößte und somit unterlegene weibliche Objekt ein Männerbild kreiert, in dem physische und psychische Stärke eine besonders große Rolle spielen. Auch Schwäche zeigen zu dürfen, ist ein Privileg. So wie Frauen oft bemängeln, ihnen werde im Film zu wenig Stärke zugesprochen, dürfen Männer die Beschwerde einreichen, dass ihnen eine Unbesiegbarkeit aufgezwungen wird, der sie niemals entsprechen können. Denn auch Männer haben Selbstzweifel und die fehlende Zurschaustellung männlicher Genitalien im Film hat unter anderem eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen besten Stücks zur Folge. In Anbetracht dessen, dass Pornodarsteller, deren Maße bekannter Weise nicht dem Durschnitt entsprechen, oftmals die einzige Referenz darstellen, sollte es keinen mehr wundern, dass die Penisverlängerung nicht nur ein Phänomen des Spamfilters ist. Und auch dazu weiß Magic Mike einen destruktiven Beitrag zu leisten: Der einzige Penis, den Steven Soderbergh seinem Publikum „zumutet“, wird in einer Penispumpe gezeigt, die diesem zu Unrecht unterrepräsentierten Körperteil ein vorzeigbares Volumen verleihen soll.

Nachsatz
Während die kleine Feministin in mir geknebelt in der Ecke liegt, möchte ich an dieser Stelle abschließend bemerken, dass ich – alle moralischen Bedenken beiseite – die halbnackte Performance von Channing Tatum trotz allem sehr genossen habe.

Wie seht ihr das? Ist männliche Nacktheit im Kino wirklich unterrepräsentiert? Und wenn ja, sollte daran überhaupt etwas geändert werden?

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