Cannes 2016

Personal Shopper - Kristen Stewart & die unverdienten Buhrufe

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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Zugegeben, mit Beginn des Abspanns von Personal Shopper brach das Publikum im Théâtre Debussy in Cannes nicht gerade in Begeisterungsstürme aus. Verdutztes Schweigen überwog. Vereinzelt wurde zum Klatschen angesetzt. Innerhalb weniger Sekunden brachen die Rufe ein paar weniger, aber dafür beharrlicher Zuschauer durch, die auch ohne Buh-als-Fremdsprache-Kurs übersetzt werden konnten: Clouds of Sils Maria 2: Valentine's Reckoning hat Olivier Assayas leider nicht gedreht. Dabei arbeitet Kristen Stewart in Personal Shopper wieder für einen kapriziösen Star und eine gepflegte Identitätskrise garniert die neuerliche Zusammenarbeit der US-Schauspielerin mit dem französischen Regisseur. Tatsächlich erforscht Assayas Motive und Themen aus Sils Maria auch in Personal Shopper, nur wählt er dafür das Vehikel eines Geisterfilms. Im Saal dieser Pressevorführung mit ihren mittlerweile vielzitierten Buhrufen kühlte sich die Stimmung genau in jenem Moment ab, als offenbar wurde, dass es Assayas mit der Genre-Exkursion ernst meint.

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Kritiken oder generell Reaktionen im Umfeld des Festivals in Cannes haben keinen besonders guten Ruf oder sagen wir: einen flexiblen. 8.30 Uhr beginnt die erste Pressevorführung im Wettbewerb und damit für viele Publikationen das Rennen um den ersten Platz in den Google-News, den Timelines bei Twitter und Facebook, spätestens einen Tag später finden sich in den fürs Festival gedruckten Ausgaben der Branchenmagazine die Reaktionen. Die altehrwürdige Variety ist nun sogar dazu übergegangen, Kritiken zu posten, während sie geschrieben werden. Absatz für Absatz darf der Leser seinen Browser aktualisieren, um zu erfahren, wie BFG - Big Friendly Giant abgeschnitten hat. Hinzu kommen die tradierten Rituale im Zuschauerraum. Bei jeder Wettbewerbsvorführung wird das aufscheinende Festival-Logo beklatscht. Ein lautstarker Dialog mit der Leinwand und im weiteren Sinne dem Filmemacher gehört dazu, was bei Toni Erdmann in mehrfachem Szenenapplaus resultiert und bei Personal Shopper in Buhrufen.

Die frühen Reaktionen aus Cannes, wie sie auch hier im Tagebuch festgehalten werden, haben ihren Reiz und auch einen Wert. Vor zwei, drei Jahren habe ich täglich ab 11 Uhr die Cannes-Hashtags durchforstet, um die ersten Reaktionen auf den neuen Refn oder Cronenberg herauszufiltern. Über das Management der eigenen Erwartungen hinaus ist das Filmfestival in Cannes schließlich ein Spektakel für sich, das manchen Wettbewerbsbeitrag an Dramatik übertrifft. Cannes ist gleichzeitig eine Riesen-Show und Quelle einer verdichteten kritischen Kakophonie, die sich erst Wochen oder Monate später zum Diskurs ordnen lässt. Buhrufe in Cannes berichten wenig über die Qualitäten eines Films und sehr viel über die Atmosphäre des Festivals, den Wettbewerb und die Beziehung eines sehr speziellen Publikums zum größeren Werk eines Künstlers und dem Medium Film.

In Personal Shopper lädt Olivier Assayas zu extremeren Reaktionen ein, wenn er Kristen Stewart nach dem gesitteten Drama Die Wolken von Sils Maria einen Geist auf den Hals jagt, der nicht zufällig wie Elektrosmog aussieht (wie auch immer Elektrosmog aussieht). Statt mit Juliette Binoche ein Stück durchzugehen, starrt Kristen Stewarts Maureen zwischen Moped-Fahrten durch Paris und Shopping-Touren für ihre abwesende Auftraggeberin Kyra minutenlang auf ein Display, um einem Geist zu texten, dessen Smartphone der Wahl offenbar I-Phones sind. Maureen ist ein Medium, in Paris will sie Abschied von ihrem verstorbenen Zwilling Lewis nehmen. Ihre Miete bezahlt sie, in dem sie Kyra Kleider und Accessoires für Foto-Shootings und Auftritte auf dem Roten Teppich kauft. Maureens Alltag dreht sich wie jener von Stewarts Assistentin in Sils Maria ausschließlich um eine andere Person. Von dieser Parallele ausgehend, entwickelt sich Personal Shopper zur Trauergeschichte mit geisterhaftem Einschlag. Als sie im Haus ihres Bruders eine Präsenz spürt, glaubt sie, mit dem Verlust des Doppelgängers abschließen und endlich ihr eigenes Leben führen zu können. Der technophile Geist erweist sich jedoch als penetranter Stalker.

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Kristen Stewart liefert in Personal Shopper eine außergewöhnliche Ein-Frau-Show ab, schließlich befindet sie sich größtenteils im Dialog mit Displays, knarzenden Dielen, knallenden Türen oder laufenden Wasserhähnen. Es ist eine einsame Darstellung einer Trauernden, die mit dem Bruder ein Stück weit die Identität verloren hat. Hier perfektioniert Stewart ihr Versteckspiel mit der Kamera, das ihren Figuren zuvor eine für Hollywood-Filme ungewohnte Scheuheit verlieh. In Café Society von Woody Allen kreiert Stewart die schönsten Momente des Films, wenn sie im Gespräch mit Filmpartner Jesse Eisenberg die Augen schließt. Dann scheint ihre Figur Vonnie für ein paar Sekunden zu verschwinden, aus dem Gespräch, der Realität, dem Film, vielleicht hinein in eine schönere Zukunft. Sicher können wir nicht sein, das Mysterium bleibt. In Personal Shopper fliegen die Augen von Wand zu Boden zu Wand, der direkte Blick bleibt flüchtig. Von anderen Figuren distanziert sich Maureen ähnlich, häufig starrt sie anwesend abwesend auf ihr Display, bewegt sich durch den Raum wie an einer Kleiderstange entlang, deren Waren eine nach der anderen überflogen und weitergeschoben werden. Wir wiederum können die Augen nicht abwenden von Kristen Stewart, die mit Hilfe von Assayas' konzentriert zerstreuter Inszenierung eine magnetische Leinwandpräsenz aufbaut. Maureen hat mit Lewis einen Teil von sich verloren ... oder enthält sie ihn uns nur vor?

Wenn die Leistung der Hauptdarstellerin also eines nicht verdient hat, dann Buhrufe. Aber halten wir uns daran nicht länger auf als nötig. Mit Personal Shopper hat Olivier Assayas eine Weiterentwicklung von Sils Maria vorgelegt, die in ihrem Spiel mit dem Genrekino eher an Demonlover und Boarding Gate erinnert. Dank seines Duos im Zentrum überzeugte Die Wolken von Sils Maria vor allem durch seine minutiöse Einbettung in eine komplexe Beziehung. In Personal Shopper hingegen arbeiten Assayas und Stewart mit einer Figur, die eben diesen Einblick verwehrt, weshalb der Film an sich distanzierter und auch leerer wirkt. Der Immersion eines echten Horrorfilms wird zudem ein Riegel vorgeschoben. Es geht ja nicht darum, wie genau wir die Ektoplasma-Wolke sehen, sondern, ob sich irgendwann auch Maureen zeigt.

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