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Textgeschenke zum Geburtstag #14

100 Jahre Ingmar Bergman

Ingmar Bergman
© Bonniers Hylen
Ingmar Bergman
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"Feelings can creep up just like that. I thought I was in control." (In the Mood for Love)

Das was die menschliche Existenz, unser Leben ausmacht, war es, womit sich der schwedische Regisseur Ingmar Bergman in seinem Film- und Theaterschaffen beschäftigte: Liebe, Beziehungen zwischen den Geschlechtern, Sexualität, Einsamkeit, aber auch Religion und der Umgang mit dem Tod. So etwas wie die ewigen Aspekte menschlichen Seins. Oftmals zeichnen sich Bergmans Filme durch eine düstere, dramatische Perspektive auf dessen Themen aus, doch er drehte auch Komödien und Dokumentarfilme. Schaut man sich die Reihenfolge seiner Arbeiten genauer an, fällt deutlich eine autobiografische Prägung auf. Insbesondere die existenzialistischen Fragen seiner Werke lassen sich aus seinem Familienleben ableiten. Sein übermäßig strenger Vater Erik war beispielsweise ein evangelisch-lutherischer Pastor. Aber auch Bergmans fünf Ehen und einige Affären mit seinen Darstellerinnen dürften eine gewisse Rolle gespielt haben.

Im Laufe seiner Karriere arbeitete Ingmar Bergman an mehr als 60 Filmen und 170 Theaterproduktionen. Im Jahr 2003 drehte er seinen letzten Film und am 30. Juli 2007, also am gleichen Tag wie eine andere Regielegende, Michelangelo Antonioni, verstarb Bergman im Alter von 89 Jahren.

Wer sich noch nicht mit Bergmans Filmografie befasst hat, sollte in den nächsten Tagen einige Gelegenheiten dazu bekommen. In einigen Kinos wird es Retrospektiven geben (in Berlin zum Beispiel im Kino Babylon Mitte oder in München im Rahmen der Filmkunstwochen). Anlässlich des 100. Geburtstags des schwedischen Regisseurs kommt zudem die Dokumentation "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" in die Kinos, in der Regisseurin Margarethe von Trotta Bergmans Leben mit einem sehr persönlichen Blick folgt. Auch im Fernsehen gibt es einiges von und über den Ausnahmefilmemacher zu sehen. 3sat zeigt heute die Dokumentation "Ingmar Bergman - Herr der Dämonen" (20:15) sowie "Szenen einer Ehe" (21:15). Tele5 nahm sogar vier Filme ins Programm und zeigt diese wohl vollkommen werbefrei. Heute ab 20:15 sind das "Das siebente Siegel", "Wilde Erdbeeren" und "Das Schweigen". Morgen folgt noch "Fanny und Alexander" (um 20:15 in der Kinofassung, anschließend um 23:10 in der längeren, vierteiligen TV-Version). Außerdem wird es dieses Jahr wieder vermehrt Theateraufführungen geben, um Bergmans Jubiläum zu feiern.

Einige Moviepilot-Community-Mitglieder haben sich im Rahmen der Aktion Textgeschenke zum Geburtstag mit einigen Filmen aus Bergmans Werk näher befasst und kleine Texte dazu verfasst, die wir euch hier gesammelt und in chronologischer Reihenfolge präsentieren möchten. Auch wenn hier natürlich nicht alle bedeutenden Filme und charakteristischen Themen Bergmans abgearbeitet werden können, so sollte die Auswahl trotzdem abwechslungsreich und repräsentativ ausgefallen sein. Feiert mit uns 100 Jahre Ingmar Bergman!


Stefan Ishii über "Die Zeit mit Monika" (1953)

Es war ein schöner Sommer, aber ab heute ändert sich alles.

Ingmar Bergmans Filme, auch bereits in dessen Frühphase, waren zumeist von düsteren, bedrückenden Themen bestimmt und sind mit leidenden oder sich selbst quälenden Menschen bevölkert. "Sommaren med Monika - Die Zeit mit Monika" stellt da auch keine Ausnahme dar, jedoch wirkt der Film deutlich heller und leichter. Unter der Oberfläche sind die Qualen jedoch keinesfalls leichtere.

Der Mittelteil des Filmes, der auf den Schären vor Stockholm spielt, ist von einer wunderbaren Sommerlichkeit und Unbeschwertheit geprägt, die die Probleme der zwei jungen Hauptfiguren aus dem ersten Teil fast vergessen lassen könnten. Beide sind mit ihrem Beruf und ihrer Lebenssituation unzufrieden. Monika arbeitet auf einem Markt, ihr Vater ist Alkoholiker. Sie wünscht sich nichts mehr als der familiären Enge entkommen zu können. Harry fühlt sich als Laufbursche eines Porzellangeschäft nicht gewertschätzt. Sie beschließen aus jugendlicher Ungestümheit ihre Jobs zu kündigen und verschwinden mit einem gestohlenen Motorboot. Sie geniessen die Freiheiten. Sie tuen und lassen wonach ihnen der Sinn steht. Monika entwickelt im Verlauf der Handlung deutlichen Stolz auf ihren Körper. Die idyllische Selbstbefreiung wird durch ausgelebter Sexualität geschürt. Doch die Wirklichkeit holt die Jugendlichen - und den Zuschauer - irgendwann abrupt ein und sie müssen zurück nach Stockholm. Der freie, sommerliche Himmel über den Schären muss dunklen Wolken über Schwedens Hauptstadt weichen. Probleme werden deutlich und die gedankenlose Leichtigkeit ist endgültig dahin. Harry wird schmerzhafte Erkenntnisse machen müssen.

"Die Zeit mit Monika" läßt Erinnerungen an den italienischen Neorealismus wach werden. Die Bildsprache ist eindeutig realistisch. Die pessimistische Geschichte wird weitgehend moralfrei erzählt. Der Zuschauer durchläuft gemeinsam mit den Figuren ein Wellenbad der Gefühle. Wir lernen mit Harry Monika kennen, lieben und hassen. Wir leiden mit ihm, wenn wir beispielsweise an den befreienden Sommer mit Monika zurückdenken. Wir begreifen schlussendlich das Unglück menschlicher Existenz - wie es so häufig durch Bergmans Filme der Fall ist.

Aber in Erinnerung bleibt dann eben auch Harriet Andersson, die durch ihre provokante und wilde Sexualität beeindruckt. Bergman scheute selbst vor dem Zeigen direkter Nacktheit Anderssons nicht zurück. Der zu diesem Zeitpunkt ungefähr doppelt so alte Regisseur ging damals eine Beziehung mit der jungen Frau ein, was den Film auf mehreren Ebenen beeinflusst haben dürfte und die Schauspielkarriere Anderssons so richtig ins Rollen brachte.

Ich bin dankbar, Ingmar. Für dein einflussreiches Gesamtwerk und für "Sommaren med Monika" im Speziellen, der mein Lieblingsfilm aus deiner ehrfurchtgebietenden Filmografie wurde. Wo auch immer du bist, lass dich zu deinem Hundertsten ordentlich feiern! Wir denken an dich!

Stefans Kommentar zum Film findet ihr auch hier.


Amarawish über "Wilde Erdbeeren" (1957)

Noch bist du weit, ich weiß nicht, wo du bist; doch wirst du wieder bei mir sein, wenn erst der Sommerwind dem Herbst gewichen ist.

Lieblich, doch wild wachsend, sattrote Früchte, von zarten Händen gepflückt, ziehen alle Aufmerksamkeit auf ihre bedeutungsvolle Existenz. Der Anblick von wilden Erdbeeren versetzt ihn in einen sentimentalen Seinszustand. Wehmütig entsinnt er sich vergangener Zeiten. Urplötzlich waren die Erinnerungen so klar, wie die Wirklichkeit selbst. 



Ein lauer Sommerwind, träumerisches Wetter und die bittersüße Erinnerung an die Zeit der Unbekümmertheit. Unter strenger Organisation erwacht die Feier im Kreis der Familie, untermalt mit jugendlichem Leitsinn, kunterbunter Vielfalt menschlichen Daseins, Entdeckerfreude samt Lebenslust und einem selbst komponierten Lied. Doch die Dramatik entkommt dem Ende nicht gänzlich.

Da sitzt er nun. Der gealterte Egoist mit väterlichem Charme, der seinen beruflichen Erfolg als Fassade trägt. Es ist die sympathische Maske, die ein versteinertes, mit Bitterkeit angereichertes Herz voller Leere verbirgt.



Des Nachts zeigt der Königsweg seinen golden Pfad mit all seinen Surrealitäten. Die Regentropfen am Fenster bahnen sich ihren Weg, so wie die Gedanken, die über Jahrzehnte schlummerten und jetzt auf sehr dringliche Weise Aufmerksamkeit fordern.

Das dissoziative Leben, seziert mit chirurgischer Präzision ist augenscheinlich von Erfolg gekrönt, jedoch bei genauer Betrachtung ein sehr unerfülltes in der Isolation. Die Stille ohne Gnade entpuppt sich als pure Einsamkeit. Das schmerzhafte Lächeln vermag den Verlust des nicht Gelebten nicht gänzlich auszudrücken und doch spricht dieser kurze Ausflug in die doch präsente Gefühlswelt eines offenbar leeren, erfolgsträchtigen Fassadenträgers Bände. Die Leichtigkeit hatte sich nie in seinem Leben niedergelassen. Die Kränkung und die starre Ordnung taten ihr Bestes dafür. Dem gerecht zu werden, was er zielstrebig erreichen wollte, ließ nicht viel Platz für Menschliches, - oder das Leben. Doch langsam kommt etwas zum Vorschein.

Hegt mich, versteht mich, verzeiht mir.

Es ist eine Reflexion durch Begegnung und Traum. Der Blick in den narzisstischen Spiegel schürt die Angst vor dem Tod. Es ist die Erlösung, die er sucht. Als lebendig-tot bezeichnet er sich, doch allmählich erwacht er aus dem Schlaf der Isolation. Die Manifestation der Liebe rettet ihn und die Wiedergeburt scheint zum Greifen nah.

Wenn wir einsam sind, dann benötigen wir mehr als nur ein schmerzerfülltes Lächeln, das wir der Welt zeigen können, um die versöhnliche Erlösung zu finden. Doch die Erkenntnis allein ist schon ein Anfang. Und dann vielleicht offeriert das Leben eines Tages seinen süßlichen Geschmack, aber mit ziemlicher Sicherheit, wenn der Winter endlich dem Frühling gewichen ist.

***

Dies war mein erster Ausflug in die Welt Bergmans, der wie ich finde, nicht besser beginnen hätte können. Ich hatte mir schon längst vorgenommen einen seiner Filme zu sehen, doch irgendwie hatte ich nie den richtigen Ansporn oder vielmehr fehlte die Lust. Zu seinem Jubiläum dachte ich mir, wäre ein idealer Zeitpunkt gekommen. Es dauerte sicherlich etwas, bis sich die momentane Wertung formte, aber je länger ich mich mit dem Film beschäftigte, umso mehr wurde ich angezogen und blieb fasziniert. Aus psychoanalytischer Sicht lässt der Film einiges an Interpretationsmöglichkeiten zu, ebenso die Symbolik der Erdbeere. Obgleich die Geschichte nicht wirklich neu ist, hat sie in ihrer Erzählstruktur einiges zu bieten. Es sind einfach Themen, die immer aktuell und daher niemals uninteressant werden dürften. Ich bin gespannt auf weitere Werke und vielen Dank für dein Vermächtnis, Herr Bergman.

Amarawishs Kommentar zum Film findet ihr auch hier.


VisitorQ über "Nahe dem Leben" (1958)

Wenn ich doch nur weinen könnte...

Dass "Nahe dem Leben" noch nicht einmal ein Filmposter auf Moviepilot hat, ist so traurig wie faszinierend. Bergmans Film aus den späten 50er Jahren scheint sich bis heute keiner wirklich großen Beliebtheit zu erfreuen. Sind es doch vor allem die Filme ab den 60ern, die dem Schweden zurecht den Ruf eines absoluten Meisterregisseurs eingebracht haben. Doch darf man die Kraft einiger seiner früheren Werke nicht unterschätzen. "Nahe dem Leben" ist eine recht unbekannte Perle Bergmans, die den Zuschauer mit ungeahnter Wucht trifft und von der Intensität her sogar an spätere Werke wie "Herbstsonate" oder "Schreie und Flüstern" heranreicht.

Aber worum geht es überhaupt? Der Film beginnt und eine junge Frau namens Cecilia wird auf eine Entbindungsstation gebracht. Sie blutet stark, alle Hilfe kommt zu spät, sie verliert ihr Kind. Am Boden zerstört wird sie anschließend in ein Krankenzimmer mit zwei anderen Frauen gebracht: die junge Hjördis, die vor einiger Zeit vergebends versucht hat eine Fehlgeburt zu erzwingen, und Stina, die sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Jungen zur Welt zu bringen. Und wer die Filme von Ingmar Bergman ein wenig kennt, weiß, dass intensive Gespräche folgen werden. Und somit beginnt der Film dann richtig.

"Nahe dem Leben" haben ich vor einigen Jahren im Rahmen einer Bergman-Retro im Hamburger Metropolis Kino gesehen. Da der Film nicht wirklich bekannt war und ich die früheren Werke von Bergman in der Regel eh etwas "schwächer" (sprich: sehr gut) finde, bin ich ohne riesige Erwartungen in den Film gegangen und wurde schon nach wenigen Sekunden vollkommen überrumpelt. Bergman schmeißt den Zuschauer sofort und ohne Kompromisse in eine unglaublich schmerzhafte und intensive Situation, Cecilias Fehlgeburt geht dem Zuschauer extrem nah, ohne dass der Charakter auch nur ansatzweise eingeführt wurde. Die meisten Filmemacher scheitern daran, den Zuschauer am Ende des Filmes, nachdem man die Charaktere bereits kennt und im besten Fall lieb gewonnen hat, derart zu fesseln. Bergman packt es in den ersten 3 Minuten. Wie er das macht, ist mir beinahe unbegreiflich. Aber durch die Mischung aus dieser verdammt bedrückenden Atmosphäre, der herausragenden Kameraführung und der hervorragenden darstellerischen Leistung Ingrid Thulins ist man sofort drin. Und der Film lässt einem bis zum Ende nicht mehr los.

Besonders mag ich die Filme Bergmans, in denen die Charaktere ihren Emotionen vollkommen freien Lauf lassen. In "Nahe dem Leben" huschen in so kurzer Zeit so krasse Sätze über die Lippen der jungen Frauen, dass man mit dem Atmen kaum hinterherkommt. Wie viele andere Werke Bergmans, geht dieser Film nicht einmal 90 Minuten und schafft es dennoch eine enorme Kraft zu entwickeln, wie man sie in der Geschichte des Kinos nur sehr, sehr selten erlebt hat. "Nahe dem Leben" ist ein verdammt toller und unterschätzter Film. Und er verdient ein Poster auf Moviepilot!


PermanentStranger über "Persona" (1966)

Das Heulen unseres Glaubens und Zweifelns gegen Dunkelheit und Stille ist einer der schrecklichsten Beweise unserer Verlassenheit und unseres erschrockenen, unausgesprochenen Wissens.

Eine Insel als Zufluchtsort, als Paradoxon, irgendwo zwischen der grenzenlosen Freiheit und einem Kammerspiel, dessen Wände immer enger werden. Die Schlinge, die sich zu zieht, wenn nicht der Gegenüber, sondern man selbst gerade in einer Lebenskrise, einer ausweglosen Suche nach sich selbst ist. Schatten und Licht, emotionale Berg- und Talfahrten geben sich die Klinke, hin- und hergerissen wie eine Person die sich langsam entzweit. Persona. Wer sind wir?

Vielleicht lernt man sich erst selbst kennen, wenn man ganz alleine ist – nicht physisch, sondern psychisch. Wenn man das Gefühl hat, dass da keiner ist, mit dem man reden, der einen beeinflussen und seine Meinung äußern kann. Wenn man zwangsläufig anfängt auf sich zu hören, da es die einzige Option ist und einem zunehmend deutlich wird, dass die selbst erdachte Selbstsicherheit nur eine Illusion ist, wenn die Stärke mit den Wellen des Meeres langsam davon schwimmt und uns eine Unruhe überkommt, die uns zunehmend verrückt werden lässt.

"Persona" ist Filmkunst am Zenit mit einem erschreckend tiefgreifenden Blick in das eigene Selbst, wenn man plötzlich da sitzt und sich fragt, was eigentlich gerade in diesem Film und mit einem selbst passiert. Wenn rauschartig die Bilder vorbeifliegen, wie eine Diashow unzusammenhängender Aufnahmen aus einem Leben, die sich vor dem inneren Auge noch einmal wiederspiegeln. Erinnerungen und Gedanken quälend werden, man sich selbst auf andere projiziert und man erkennt, dass man viel zu lange viel zu wenig man selbst war.

Doch noch immer rauscht das Meer und wehen die Bäume und auch morgen wird man weitermachen wie bisher, weil es aussichtlos ist, man in alte Schemen und Muster verfällt, der Spiegel in den man morgens schaut, noch immer den selben Menschen zeigt wie am Tage zuvor. Und wer bist du?


Sigmund über "Szenen einer Ehe" (1973)

Wir lernen eine ganze Menge über die Backenzähne der Eichhörnchen, die Schwellkörper im Penis, die Wurzel aus Pi und ich weiß nicht was. Aber wir lernen nicht das Geringste über unsere Seelen.

- Ingmar Bergman

Im Grunde ist es kaum zu fassen: Das bedeutendste Filmfestival der Welt beschließt aus all den großen Regisseuren der über 100jährigen Filmgeschichte einen herauszustellen – und ihn mit der Palme der Palmen zu küren, zum größten Regisseur aller Zeiten. So geschehen 1997 in Cannes. Eine singuläre Ehre, die wem zuteil wurde? Genau.

Was macht gerade Ingmar Bergman so herausragend? Eine Frage, auf die man sicher viele Antworten geben kann. Eine davon offenbart sich, wie ich finde, in "Szenen einer Ehe". Dabei ist dieser lange (und in seiner TV-Fassung wirklich sehr, sehr lange) Film nicht gerade visuell. Seine Bilder beschränken sich weitgehend auf Talking Heads. Ausgerechnet! Und doch gelingt ihm etwas Seltenes. Die Qualität von künstlerischen Werken bemisst sich unter anderem daran, ob es gelingt auf direkte oder auch ganz indirekte Art etwas nachhaltig Beeindruckendes über die Beschaffenheit der Welt und letztlich auch des Menschen zu erzählen. Das mag auf dem Papier wie ein bedenklich subjektives Kriterium klingen. In der Praxis trennt sich die künstlerische Spreu vom künstlerischen Weizen dann meistens doch recht spürbar und konkret. Wenigstens auf lange Sicht.

"Szenen einer Ehe" durchleuchtet die etwa 15jährige Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Dabei schaut der Film mit einem erstaunlich hellsichtigen und unbestechlichen Blick auch dorthin, wo es wehtut. Wo (Selbst-)Lügen schmerzlich zutage treten, wo Sehnsüchte und Idealvorstellungen abgeglichen werden mit der Wirklichkeit.

Auch wenn ungeschminkte Wahrheiten zunächst oft grausam anmuten, sie bringen einiges an Schönheit mit sich und die Chance auf einen gereiften Neubeginn. So geht auch das bürgerliche Paar Marianne und Johan teils durch die Hölle, und wir begleiten sie durch ihr ganz eigenes Schicksal mit den mal hässlichen, mal schönen Momenten, die ihrer Liebe und auch ihrem Hass Ausdruck geben – und all den anderen Widersprüchen, die bei genauerem Hinschauen langjährige Beziehungen eben ausmachen. Vielleicht liegt es daran, dass dieser sehr eigenständigen Geschichte einer Scheidungsanwältin und eines Universitätsprofessors eine derart universelle Kraft innewohnt.

Es heißt, der begnadete Beobachter Bergman habe hier vieles aus seinem Privatleben einfließen lassen, was in seinem Umfeld wiederum polarisiert haben soll, zwischen mutig und rücksichtslos. Was auch immer man aber von Bergman halten mag – so wahrhaftig und klug wie in diesem Film aus dem unscheinbaren Jahr 1973 ist wohl noch nie über die partnerschaftliche Liebe erzählt worden.


MurmelTV über "Fanny und Alexander" (1982)

Darum lasst uns glücklich sein, solange wir glücklich sind. Lasst uns freundlich, großzügig, liebevoll und gut sein. Es ist notwendig und keineswegs beschämend, sich an der kleinen Welt zu erfreuen.

Seit nun sechs Jahren begeistere ich mich für die Kunst des Films, seit über fünf Jahren bin ich hier auf Moviepilot aktiv, und vor fast vier Jahren sah ich meinen ersten Bergman. Übermüdet saß ich damals im kühlen Seminarraum und die Weihnachtszeit war bereits angebrochen, weshalb unsere Dozentin uns auch unbedingt eben dieses Werk, "Fanny und Alexander", als einzigen Bergman im Seminar zum skandinavischen Kino präsentieren wollte. Im Nachhinein eine fragwürdige Entscheidung, denn mit der gekürzten Fassung seines letzten großen Spielfilms in die filmische Welt Bergmans einzutauchen erwies sich als äußerst strapaziös. So kam es, wie es kommen musste. Meine schläfrigen Augen fielen immer wieder zu, und meine Lust, Bergmans restliche Filmografie zu durchstöbern, sank infolgedessen so stark, dass es abermals auf sich warten ließ, bis ich mich erneut an den alten Großmeister wagte.

Doch früher oder später führt kein Weg an ihm vorbei, denn zu groß ist sein Name im Filmgeschäft, zu bedeutend anscheinend seine beinahe einschüchternde Anzahl an Filmen, und zu groß die Versuchung zu prüfen, ob die vielen Lobeshymnen gerechtfertigt sind. Doch auch mein zweiter Anlauf wollte nicht so richtig zünden, nicht jeder seiner Filme stoß direkt bei mir auf Zustimmung, Treffer und Nieten wechselten sich zu stark ab, was schnell ermüdend wurde; bis mich dann "Persona" endlich aus den Schlaf zerren konnte, und ich mir einen zweiten Versuch, mich "Fanny und Alexander" ein weiteres Mal zu nähern, prompt vornahm – und am zweiten Weihnachtstag 2016 war es dann eben so weit; Tee wurde aufgesetzt, einige Snacks vorbereitet, und endlich die Langfassung seines Magnum Opus abgespielt. Dieses Erlebnis bleibt bis heute unvergesslich. Ein Trip voller Magie, Staunen, und purer Euphorie. Die epochale Geschichte rund um die Familie Ekdahl zog mich über die kompletten fünf Stunden in den Bann; so sehr, wie es nur sehr wenige Filme vorher geschafft hatten. Als sei der Kontrast zwischen der herzerwärmenden Weihnachtsfeier, sowie dem zauberhaften Leben in der Welt des Theaters, und der winterlichen Kälte des religiösen Fanatismus, der die liebgewonnen Familie in die Knie zwingt, und zerbrechen zu droht, noch nicht beeindruckend genug, nein, hier werden so viele wunderbare kleine Momente, Details, und Charaktere vorgestellt, dass es einem den Atem raubte.

Ich möchte hier aber erst gar nicht wagen, einen ausführlichen Kommentar zum Film zu schreiben, in dem ich die Genialität Bergmans versuche herauszukristallisieren. Das überlasse ich klügeren Köpfen. Ich belasse es lieber bei dieser kleinen Geschichte, die ich mit Ingmar Bergman verbinde, und die noch nicht zu Ende erzählt ist, denn es warten noch so viele seiner Filme darauf, von mir gesichtet zu werden. 100 Jahre ist er nun alt, dieser unsterbliche Künstler, und es würde mich wundern, wenn seine Werke im kommenden Jahrhundert plötzlich aufhören würden, weitere Leben zu bereichern, sowie zu begleiten.


* * *

Im Rahmen des Schreibzusammenschlusses "Textgeschenke zum Geburtstag" sind bereits einige tolle Artikel zusammengekommen. Eine Übersicht läßt sich in einer Liste finden. - Neue Autoren und Mitschreiber sind natürlich immer gerne willkommen. Kontaktiere einfach Amarawish oder Stefan Ishii! Oder schaue in unsere Planungsliste!

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