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1940 - Vom Winde verweht revolutioniert Oscars

26.03.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Hattie McDaniel ist Mammy Waters in Vom Winde verweht
© Warner Bros. / moviepilot
Hattie McDaniel ist Mammy Waters in Vom Winde verweht
Preisverleihungen ziehen nicht erst im Zeitalter der HD-Liveübertragung vom Roten Teppich in aller Herren Länder die Aufmerksamkeit auf sich. 1940 gab es viel Presse wegen des ersten Oscars für eine schwarze Schauspielerin: Hattie McDaniel.

„Als sie meinen Namen nannten, hatte ich das Gefühl, ich könne halb Amerika rufen hören: ‚Oh Nein, wieso schon wieder sie?‘.“ Meryl Streep konnte das Kokettieren nicht lassen, als sie vor einigen Wochen auf die Bühne des Kodak Theatres in Los Angeles stieg, um sich den Academy Award für ihre Rolle der Margaret Thatcher in Die Eiserne Lady abzuholen. Denn trotz einer Gesellschaft ausgezeichneter Mitnominierter – irgendwie war doch klar (und meiner Ansicht nach auch in höchstem Maße verdient), dass die lebende Schauspiellegende das Rennen machen würde. Als vor rund siebzig Jahren eine andere Frau mit einem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde, war das weit weniger selbstverständlich.

Auf den ersten Blick liest sich diese Geschichte wie ein in die Realität versetztes Märchen. Eine angehende, kränkelnde Journalistin schreibt einen Tausend-Seiten-Wälzer, erhält dafür ewig währenden Weltruhm und den Pulitzer Preis, die Story wird verfilmt und zum US-amerikanischen Dramenepos schlechthin, das alle nur erdenklichen Preise gewinnt und Rekorde bricht. Und zu guter Letzt ist da noch der erste Oscar für eine schwarze Frau. Was für eine Geschichte. Aber der Reihe nach.

Tränendrüsenstimulation der Superlative
Die halbe Welt kennt Vivien Leigh als Scarlett O’Hara, die Frau, die immer wieder zwischen Clark Gable und Leslie Howard schwankt und in den Wirren der kriegsüberschatteten Südstaaten ihren Mann steht. Auch nach Jahrzehnten entlockt der von Victor Fleming auf die Leinwand gebannte Bestseller von Margaret Mitchell noch Tausenden Zuschauern Tränen und gilt mit einem Einspielergebnis von guten 3,8 Milliarden US-Dollar als das bis heute kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte.

Auch technisch war Vom Winde verweht ein echter Meilenstein. Das damals gerade neu entwickelte System Technicolor kam hier zu vollster Entfaltung und sahnte sogar einen eigens ersonnenen Sonderoscar für seine Farbeffekte ab. Der Ticketpreis im Kino des Vertrauens wird sich in gleich mehrfacher Hinsicht gelohnt haben, war das Drama doch mit knappen vier Stunden Laufzeit der bis dahin längste Film. Das Publikum jedenfalls liebte den Streifen und auch die Academy prämierte ihn mit insgesamt zehn der begehrten Trophäen, womit Vom Winde verweht immerhin ganze zwanzig Jahre den Rekord hielt.

Und plötzlich wird ein Film zum Politikum
Ein Award war es dann aber ganz besonders, der die Aufmerksamkeit auf sich zog: der Oscar für die beste Nebendarstellerin. Für die Rolle der Mammy in Vom Winde verweht setzte sich Hattie McDaniel in einem Casting gegen Elizabeth McDuffie, die Haushälterin der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt, durch und das offensichtlich zu recht.

Nicht die gesamte Zuschauerschaft des Filmes konnte sich allerdings mit der Performance der zuvor eher weniger bekannten Schauspielerin anfreunden. Sie erfülle in ihrer Rolle alle Vorurteile gegen Schwarze und ziehe damit die afroamerikanische Bevölkerung ins Lächerliche, lautete ein Vorwurf. Überhaupt zeigte sich das Establishment der Filmbranche nicht gerade von seiner sympathischsten Seite. Denn weder Hattie McDaniel noch andere afroamerikanische Darsteller der so beliebten Literaturverfilmung wurden zur Premiere nach Atlanta eingeladen. Sogar das Erscheinen einer Kinozeitschrift, auf deren Rückseite die Schauspielerin abgebildet wurde, verhinderte die feine Gesellschaft.

Doch zu guter Letzt…
Die goldene Statue als beste Nebendarstellerin bekam sie dann aber doch überreicht, und wurde so „nicht nur die erste Schwarze, die einen Oscar gewann, sondern auch die erste, die überhaupt bei einem Bankett der Academy saß“, so schrieb damals die Daily Variety. Fay Bainter war es schließlich, die die Preise für die besten Nebendarsteller vergab und mit den Worten „dies ist eine Ehre für ein Land, in dem die Menschen frei sind, bemerkenswerte Leistungen unabhängig von Glauben, Rasse oder Farbe zu honorieren“, Hattie McDaniel auf die Bühne holte. Sie konnte gerade noch versprechen „ihrer Community alle Ehre zu machen“, bevor sie in Tränen ausbrach.

Letztlich ist es nicht nur der Film Vom Winde verweht selber, der in Erinnerung bleibt. Hattie McDaniel kann einen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood ihr Eigen nennen und wurde 2006 sogar postum in die Black Filmmakers Hall of Fame aufgenommen. Und dann ist da natürlich noch ihre bemerkenswerte schauspielerische Leistung, auf Zelluloid gebannt, die die Menschen vor den Bildschirmen und Leinwänden fesseln wird, solange es Filme gibt. Ein ganz klein wenig märchenhaft ist es schon.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1940 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
04. Februar 1940 – George A. Romero, Zombieregisseur von Die Nacht der lebenden Toten
10. März 1940 – Es ist nicht möglich, dass Chuck Norris einen sterblichen Vater hat. Die plausibelste Theorie über seinen Vater ist, dass Chuck Norris in der Zeit zurückgereist ist und sich selbst gezeugt hat.
25. April 1940 – Al Pacino, Vitos Jüngster in Der Pate

Drei Filmleute, die gestorben sind
25. Mai 1940 – Joseph De Grasse, Regisseur und Gründungsmitglied der Motion Picture Directors Association
20. Juni 1940 – Charley Chase, Komödien-Pionier aus Das Haus der tausend Freuden
02. Juli 1940 – Guido Seeber, Kameramann und Gründerväter des Filmstudios Babelsberg

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Vom Winde verweht von Victor Fleming (Bester Film, Regisseur, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin)
Venedig – Der Postmeister von Gustav Ucicky (Bester ausländischer Film)
New York Film Critics Circle Award – Früchte des Zorns von John Ford

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Pinocchio von Walt Disney
Fantasia von Walt Disney
Rebecca von Alfred Hitchcock

Drei wichtige Ereignisse der Filmwelt
03. April bis 19. Mai 1940 – Massaker von Katyn
15. Mai 1940 – Eröffnung des ersten McDonald’s-Rastaurants in San Bernardino, Kalifornien
Wegen des Krieges finden keine Olympischen Spiele statt

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