40 Jahre Alien: Der Horror ist heute bahnbrechender denn je

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© 20th Century Fox
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25.10.2019 - 09:15 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Vor 40 Jahren lief Alien in deutschen Kinos an. Zu einer Zeit, als das All zum glamourösen Raum verklärt wurde, zeigte er den Horror des menschlichen Entdeckerwahns.

Marie Curie sagte mal: "Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr."

Wenn aber plötzlich Katzen auf Außerirdische starren, ist diese groteske Situation erst mal nur schwer zu begreifen. Gerade deshalb offenbart sich uns wohl eine der verstörendsten Szenen der Filmgeschichte, wenn der Kater Jones bei der von einem außerirdischen Ungeheuer durchgeführten Hinrichtung seines Herrchens Brett interessiert, beinahe ehrfürchtig, zusieht. Als hätte ein kleiner Jäger seinen Meister gefunden.

In dieser Begegnung mit der dritten Art vollzieht der britische Regisseur Ridley Scott etwas Außergewöhnliches: Er richtet seine Kamera im Moment der Gewalt nicht auf das titelgebende Alien, sondern in erster Linie auf dessen Opfer. Es ist vor allem die schiere Furcht in Gesichtern wie das von Brett, oder eben jener unterwürfiger Katzenblick, die sich in unseren Köpfen manifestieren – während das Böse sich nur in extrem flüchtigen Schnitten präsentieren darf. Was bleibt, ist in Alien stets der Schrecken.

  • Heute feiert Alien - Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt sein 40-jähriges Bestehen: Der Titel erschien am 25.10.1979 in den deutschen Kinos.
  • Ridley Scotts Sci-Fi-Horror ist bis heute ein bahnbrechender Genremix, vor allem jedoch ein Plädoyer für das "Nichterforschen" anderer Welten.

Das Böse ist in Alien unergründlich

Ridley Scotts meisterhafte Tour de Force lebt weniger von ihrer vermeintlichen Hauptattraktion, – bedrohliche Monster suchten die Leinwand bereits oft genug in Form von übergroßen Küchenplagen wie Spinnen (Tarantula) oder Ameisen (Formicula) heim – sondern vielmehr von einem ständig währenden Widerspruch zwischen dem Erwartbaren und dem nicht zu Definierenden.

Unvergesslich: Statt aufs Alien schneidet Scott in vollem Format auf Mietze Jones

Wenn der Mechaniker Brett nach etwa einer Filmstunde die Nostromo nach dem Kater Jones durchsucht, ahnt der Zuschauer den Schrecken voraus, ohne ihn genau zu kennen. Denn Ridley Scott inszeniert den Horror in einer für uns enervierenden Geduld, da er anstatt das Biest zu zeigen, lieber in aller Seelenruhe in weiten Winkeln in klaustrophobisch enge Gänge blickt. Und alles, was zu hören ist, ist ein gespenstisches Hallen in den verlassenen Frachträumen.

Ebenso das unaufhörliche Piepen und Brummen der Bordtechnik, die den Raumfrachter fast selbst zu einem lebenden Organismus reifen lassen. Verschwindet der Xenomorph dann in den Schatten dieser verkanteten Architektur, scheint die Kreatur fast gänzlich mit ihrer artifiziellen Umgebung zu verschmelzen.

Ist Alien in Wirklichkeit eine Weltraum-Satire?

Wenn auch noch selbst der passend "Mutter" getaufte Schiffscomputer die Crew, quasi seine Kinder, erst liebevoll aus dem Kryoschlaf holt, dann im Kampf um Leben und Tod aber nicht helfen kann, vermittelt der Regisseur ein effizientes Gefühl der Isolation und Hilflosigkeit.

Scott gelang es mit seinem neben Blade Runner vermutlich einflussreichsten Werk nicht nur, das Verständnis des Science-Fiction-Kinos, sondern mitunter auch das Sinnbild des menschlichen Forscherdrangs zum Wanken zu bringen. Gerade heute, wo Filmemacher plötzlich wieder ihre Antworten im großen Kosmos suchen (Aufbruch zum Mond oder Ad Astra), scheint Alien genau diese zu liefern.

Die Nostromo vermischt metropolitanische Architektur mit Industrie-Charme (Szene aus Alien Isolation

Alien lief auf hiesigen herbstlichen Leinwänden vor vier Dekaden an, seine Premiere hatte der Film in den USA allerdings bereits im Mai – pünktlich und sicher nicht zufällig zum anstehenden zehnjährigen Jubiläum der ersten bemannten Mondlandung. Die war bekanntlich viel mehr als nur ein kleiner Schritt für einen Menschen.

Mit "viel mehr als nur ein Film" wurde auch Alien beworben. Der prätentiöse Slogan mag eine Anspielung gewesen sein, vielleicht aber auch die einzige Option – der bis dato noch unbekannte Regisseur hielt der Post-Apollo 11-Gesellschaft nichtsdestotrotz einen Zerrspiegel vor und bot einen radikalen Gegenentwurf zur heroisch geprägten Sci-Fi-Erzählung, wie man sie damals etwa mit Krieg der Sterne pflegte.

Eng, kantig, dunkel: Die Kulissen in Alien erzeugen stets Unsicherheit

Im Vergleich zum rasend schnellen Millennium Falken Han Solos gleicht das Raumschiff Nostromo einem schwebendem Kernkraftwerk. Und seine eigennützig veranlagte Besatzung, bei der sich kein Mitglied über den Weg traut, sieht gegenüber den ewig edlen Jedi-Rittern oder Idealisten wie Captain Kirk und Spock aus der damals populären TV-Serie Raumschiff Enterprise alles andere als heroisch aus.

Nein, in Fußstapfen wie die von den amerikanischen Vorzeige-Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond hinterlassenen sollten O’Bannons und Shusetts Figuren wie Brett (Harry Dean Stanton), Ellen Ripley (Sigourney Weaver) oder der androide Ash (Ian Holm) schon gar nicht treten.

Alien: Aufbruch ins Nichts

Ein Jahrzehnt, nachdem die Apollo-Mannschaft auf den Spuren der Star Trek-Legenden William Shatner und Leonard Nimoy wandelte, um die unendlichen Weiten des Weltraums oder wenigstens das erste Stückchen zu ergründen, ließen die Macher von Alien die allgegenwärtige interstellare Aufbruchsstimmung implodieren. Der Ausflug ins All glich plötzlich keiner Errungenschaft mehr, das Einzige, was hier aufbrach, war der Brustkorb von John Hurt alias Officer Kane.

Seit Georges Méliès‘ trickreichem Stummfilm Die Reise zum Mond war in der Filmgeschichte die Unendlichkeit gerne als faszinierende Spielwiese für abenteuerlustige Pioniere gezeigt worden. Kindliche Freude oder wenigstens Optimismus herrschten vor.

Auch in Alien reisen die Menschen auf einen Mond. Auf LV-426, so der Name des Trabanten, geht für sie jedoch der wohl größte Fund der Geschichte zugleich mit ihrem Untergang einher. "Im Weltraum hört dich niemand schreien", lautet der zynische Kommentar zu dieser Space-Odyssee. Man könnte meinen, Ridley Scotts Film misstraut dem Fortschrittsglauben und Raumfahrtoptimismus. Und auch dem Fremden.

John Hurts Kane kann den Blick ins Ungewisse nicht lassen

Auch Stanley Kubricks 2001 warf diesen reaktionären Blick, bot aber schlichtweg viel zu viele Interpretationsansätze, um sein Opus Magnum bloß als kosmischen Fiebertraum zu werten. Im Gegensatz zur bedeutungsschwangeren Sternenoper ist der Konflikt in Alien klar: Es geht ums pure Überleben. Statt sein Publikum mental zu überfordern, vollzieht Scott das über den emotionalen Weg.

Jeder leidet gleich mit, wenn Kapitän Dallas (Tom Skerritt) sich mit dem Monster wie bei Pac-Man in einem Labyrinth aus Luftschächten duelliert. Der Ausgang ist vorhersehbar – aus dem permanenten Wissen, dem Übel nicht Herr zu werden, gewinnt der immersive Horror zugleich eine befremdliche Belanglosigkeit.

Faszininierend und schwer zu verstehen: Gigers Biomechanoide in Alien

Und natürlich ist der Erfolg von Alien dennoch ebenso der Verdienst des 2014 verstorbenen Schweizer Grafikkünstlers H.R. Giger, der für den Film das Alptraummonster entwarf.

Die Verschmelzung des Organischen mit dem Synthetischen war auf der Leinwand eine komplett neue und auch verstörende Erfahrung, die bis heute von ihrer Ambivalenz lebt: Mit den langen schlaksigen Gliedmaßen und den vollen Lippen könnte das Alien doch glatt als unser Ebenbild durchgehen, hätte man ihm nicht einen kokonartigen Schädel, stachelförmigen Schwanz sowie doppelten Kiefer verpasst.

Die kurzen Konfrontationen mit dem Xenomporh enden in der Regel tödlich

Die verschlungenen Muskeln wirken dagegen homogen zur elektrischen Verkabelung des Raumschiffs. Bei Gigers schwer zu greifenden Arbeiten herrscht eine ständige Unsicherheit: Sehen wir hier Mensch, Tier, vielleicht gar etwas Göttliches – oder doch Maschine?

Wie wenig fremd und unmenschlich das Böse hier aber ist, wie sehr es dem Guten entspricht, sollte sich erst Jahrzehnte später offenbaren. Als Ridley Scott Anfang 2017 sich noch einmal dem Alien zuwandte und das Prequel Covenant drehte, entlarvte er die Xenomorphs auf einmal als menschliche Schöpfung. Auch wenn damit das Original wenig elegant entmystifiziert wurde, vollbrachte der Regisseur – mit einer gehörigen Portion Ironie – abermals eine Neujustierung der Perspektive.

Wir sind also nur ins All geflogen, um uns selbst zu finden.

Welche Szene hat euch in Alien am meisten schockiert?

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