Ryan Reynolds beweist in Free Guy, dass seine Deadpool-Transformation zu weit gegangen ist

Free Guy: Interview mit Ryan Reynolds
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© The Walt Disney Company/20th Century Fox
Ryan Reynolds in Free Guy
16.08.2021 - 14:38 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Ryan Reynolds schadet seinem neuen Film Free Guy mehr als er ihm hilft. Der Marvel-Star und Deadpool-Darsteller ist gefangen in seiner inzwischen lästigen Erfolgsformel.

Seit dem 12. August 2021 läuft Free Guy im Kino. Ryan Reynolds neuer hochgelobter Action-Blockbuster startete überaus erfolgreich, Disney plant nun ein Sequel. Reynolds verkörpert Guy, einen nicht spielbaren Charakter im Online-Game Free City, der im Hintergrund Kaffee trinkt oder sich brav mit erhobenen Händen auf den Boden legt, während Spieler die Stadt in die Luft jagen oder Banken überfallen.

Irgendwann rebelliert Guy und deckt mithilfe der Gamerin "Molotov Girl" (Jodie Comer) einen Skandal auf. Einer der Gegenspieler setzt den Gottmodus ein, womit er die Kontrolle über sämtliche Bestandteile des Spiels erlangt, aber kein natürlicher Teilnehmer mehr ist. Das hat er mit dem Hauptdarsteller gemein: Ryan Reynolds ist in Free Guy ein Schauspieler im Gottmodus.

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Klar, in Free Guy spielt Ryan Reynolds keinen realen Menschen. Aber schon in den letzten Jahren wurde es zu einer Art makabrem Markenzeichen des Hollywood-Superstars, wie sehr Dinge an ihm abprallen, die auf normale Figuren verheerende Auswirkungen hätten. Andere sterben oder sind lebensgefährlich verletzt, haben Angst oder empfinden irgendwelche anderen tiefgehenden Emotionen. Reynolds grinst stattdessen mit amputierten Armen/Händen/Fingern in die Kamera: "Haha, ist das nicht voll lustig und eklig?" Egal, wie schlimm es um ihn steht, er behält die Kontrolle.

Free Guy zeigt, dass Ryan Reynolds der unnatürlichste Superstar der Gegenwart ist

Er steht immer eine Ebene über der Handlung, den anderen Darsteller:innen und seiner eigenen Figur. Ryan Reynolds ist in Free Guy weniger Schauspieler und mehr Moderator, der den Raum um sich vollständig beherrscht und im direkten Kontakt mit den Zuschauenden steht. Dabei hilft, dass es praktisch keine Trennlinie mehr gibt zwischen der öffentlichen Person Ryan Reynolds und den Figuren, die er spielt. Die Twitter-Gags , die er abfeuert, könnte problemlos auch Deadpool aufsagen.

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In Free Guy liefert er sich selbst die Stichwörter für Meta-Gags. Einmal unterbricht er einen ganzen Handlungsstrang, damit er eine muskulöse, strunzdumme Version seiner selbst anmoderieren und sich mit ihr auseinandersetzen kann. Alles ist irgendwie ironisch verzerrt, nichts fühlt sich wirklich dringlich an.

5 Jahre nach dem Marvel-Eintritt: Will Ryan Reynolds überhaupt noch ein Schauspieler sein?

Das ist nicht unbedingt schlecht, vielmehr zeigt sich in dem Disney-Blockbuster, was den Mittvierziger in der gegenwärtigen Filmindustrie einzigartig macht: ein furchtloser Verzicht auf schauspielerische Tiefe zugunsten maximaler Ausbeutung der Marke Ryan Reynolds. Eine Balance, die etwa Dwayne Johnson besser hält.

In Free Guy wird mehr als je zuvor deutlich, dass Ryan Reynolds die herkömmliche Schauspielerei mehr oder weniger aufgegeben hat. Er hat einen eigenen Weg gefunden, Blockbustern seinen Stempel aufzudrücken.

Wo ist das Problem? Free Guy ist ein unterhaltsamer Film mit einer interessanten Grundidee, sympathischen Figuren und vielen witzigen Momenten. Die gehen häufig auf das Konto von Ryan Reynolds, was allerdings auch das Mindeste ist, was man von ihm erwarten darf. Es mag viele Filme geben, die von Reynolds einzigartigen Fähigkeiten profitieren. Free Guy hingegen wäre besser ohne Ryan Reynolds.

Wie Ryan Reynolds Free Guy schadet

Reynolds hat verlernt, wie man echte Menschen spielt. Was Free Guy vor allem deswegen schadet, weil es in dem Film bei aller Debatte um künstliche Intelligenz und Algorithmen genau darum geht. Die Videospielfigur Guy entwickelt ein Bewusstsein und lotet aus, was es bedeutet, ein echter Mensch zu sein. Guy wendet sich gegen die Regeln seiner digitalen Welt. In dem brutalen Open-World-Game im Stil von GTA V tut er nur noch Gutes. Er verliebt sich. Er küsst. Er genießt. Er will Freiheit.

Ryan Reynolds in Free Guy

Das sind alles sehr ernste, wichtige Motive. Der Film erzählt eine Geschichte von existenzieller Tragweite, auch wenn virale Marketing-Videos anderes vermuten ließen. Reynolds bestreitet die Herausforderungen allerdings entweder gefühllos oder penetrant überdreht. Zwar gibt er den anderen tollen Nebenfiguren viel Raum. Aber die tolle Jodie Comer als Millie aka Molotov Girl muss dann eben mit einem Hauptcharakter interagieren, der selbst in extrem bedrohlichen Situationen blöd rumgluckst. Das mag unterhaltsam sein, schadet insgesamt aber dem Anliegen des Films.

Eine Rolle wie die des Guy verlangt mehr Sensibilität als Reynolds ihr geben kann. Wenn sich Guy innerlich und äußerlich bewegen müsste, bleibt Reynolds in seiner Komfort-Rolle des Klassenclowns. Es wirkt, als wäre Reynolds als Schauspieler unfähig, Emotionen zuzulassen. Wie ist es dazu gekommen?

Ryan Reynolds' Deadpool-Masche war immer begrenzt anwendbar

Ryan Reynolds' größter Karriere-Erfolg Deadpool erhielt eine Fortsetzung und die Marke wird irgendwann wohl auch Bestandteil des MCU. Aber das wahre Franchise, das aus dem Deadpool-Erfolg hervorging, war Reynolds selbst und seine in Selbsthass-Humor getränkte Star-Persönlichkeit, mit der er nicht nur in seither allen seinen Filmen leicht abgewandelt auftritt. Er bewirbt auch seine vielen Unternehmen mit dem desinteressierten Charme des Marvel-Antihelden.

Jeder Reynolds-Charakter bekommt den Deadpool-Anzug übergestülpt – egal ob das zu dem Stil des betreffenden Films passt oder nicht. In Free Guy ersetzt er den Deadpool-Zynismus mit übertriebener, in Ironie kippender Euphorie. Doch die Distanz zum Innenleben der Figur und zu seiner Umgebung teilen sämtliche Reynolds-Figuren mit dem Marvel-Helden. Selbst Pikachu, Reynolds' vielleicht noch aufrichtigste Schauspielarbeit der letzten Jahre. Dem Pokèmon lieh er allerdings nur seine Stimme.

Das hat Folgen, die unmittelbar während seiner – wie gesagt: unterhaltsamen – Filme nicht auffallen. Die Effekte bzw. ausbleibenden Effekte sind eher langfristig.

Über den letzten Ryan Reynolds-Blockbuster vor Free Guy, 6 Underground, hat der Netflix-Film-Chef Scott Stuber vor kurzem etwas sehr Interessantes gesagt  und damit wahrscheinlich unbewusst das Problem von Ryan Reynolds vermeintlicher Strahlkaft ziemlich gut auf den Punkt gebracht: "Wir verspürten einfach nicht diese tiefe Liebe zu den Figuren oder zur Welt von 6 Underground." Deshalb werde es keine Fortsetzung geben.

Reynolds war der mit Abstand größte Star in dem Film. Das harte Urteil trifft also vor allem ihn. Er hat sich seit Deadpool zu einem der beliebtesten Schauspieler der Gegenwart entwickelt. Doch in den 5 Jahren nach dem Erfolg spielte er nur noch blasse, unpersönliche Deadpool-Phantome. 6 Underground mag vielleicht auch deswegen keine Fortsetzung bekommen haben, Free Guy ist aber das bisher eklatanteste Beispiel für diese Entwicklung.

Free Guy im Podcast Leinwandliebe

Podcast-Moderator Sebastian Gerdshikow, FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen und Ryan-Reynolds-Skeptiker Pascal Reis diskutieren in der neuen Folge Leinwandliebe über Free Guy mit Ryan Reynolds. Kino für Noobs oder Wohlfühl-Blockbuster des Jahres?
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