Babylon Berlin: Kurz vorm Finale zeigt die Serie ihren wahren Bösewicht

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Babylon Berlin
01.11.2018 - 22:00 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Die Geschichte von Babylon Berlin spitzt sich zu, als die Schwarze Reichswehr zum Putschversuch gegen die Weimarer Republik ansetzt. Dabei trumpfen Folge 13 und 14 als erstklassige Thriller-Unterhaltung auf - obwohl Gereon zur falschen Zeit ziemlich high wird.

Die Verschwörung geht in höchste politische Kreise. Das ist das vernichtende Urteil der 13. und 14. Folge von Babylon Berlin. Die Weimarer Demokratie stinkt vom Kopf her, nicht nur in der Serie. In den neusten Episoden wird ein Anschlag und Putschversuch der monarchistischen Rechten vereitelt. Es wird erstklassiges Beweismaterial gegen General Seegers und für die illegale Aufrüstung vorgelegt. Doch das alles nützt nichts, wenn das Staatsoberhaupt den Ermittlern in den Rücken fällt. Wie sagt Matthias Brandts Benda am Schluss der 14. Folge so gefasst und doch niedergeschlagen: "Wir haben verloren." Zwei Folgen von Babylon Berlin liegen allerdings noch vor uns in dieser Staffel, die zur Zeit im Ersten läuft. Sie werden es schwer haben, die straff erzählte Hochspannung zu übertreffen, die hier geboten wird. Wenn Bruno Wolter mit einem Scharfschützengewehr auf einen Kohl und den Kopf von Gereons Neffen zielt - und das noch eine der kleineren Szenen ist - dann haben wir es mit bester Babylon Berlin-Unterhaltung zu tun. Nur Charlottes Zwischenmiete im Kühlraum des Armeniers zieht sich allzu auffällig hin.

Drei wichtige Fragen nach Folge 13 und 14 von Babylon Berlin

  • Gab es den Putschversuch wirklich? "Operation Prangertag" heißt der Putschversuch aus der obersten Heeresleitung. Der Plan: Die Ermordung von Außenminister Gustav Stresemann und seinem französischen Kollegen Briand soll den Startschuss für die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch das Militär geben. Die Demokratie soll zerstört und Kaiser Wilhelm II. aus dem Exil in den Niederlanden geholt und wieder auf den Thron gesetzt werden. In Wirklichkeit gab es den Putschversuch in dieser Form nicht. Gerade die Anfangsjahre der Weimarer Republik waren gebeutelt von Putschversuchen, darunter der Kapp-Lüttwitz-Putsch (1920), der Hitler-Putsch (1923) und der Küstriner Putsch (1923). Letzterer wurde von der Schwarzen Reichswehr geplant und richtete sich gegen die Regierung des damaligen Kanzlers Stresemann. An einigen Putschversuchen war General Erich Ludendorff beteiligt, der von den Verschwörern in Babylon Berlin als Reichskanzler eingesetzt werden soll. Ebenso präsent waren politische Morde. Prominente Politiker wie Walter Rathenau und Matthias Erzberger wurden von der rechtsextremen Organisation Consul ermordet. Attentatsversuche auf Gustav Stresemann sind ebenso verbürgt.
Benda und Seegers in Babylon Berlin
  • Wie erfährt Gereon von dem Putsch? Für manche schaltet Gereon in Babylon Berlin vielleicht zu schnell, als er nach seinem eher unpraktischen Rausch erwacht, Radio hört und die Weimarer Demokratie rettet (Was man eben so macht den ganzen Tag). Gereon weiß vom Begriff Prangertag, weil Benda diesen bereits in der Serie erwähnt hat. Dank des ermordeten Lippenlesers Stephan wissen die beiden, dass "Prangertag" für die Schwarze Reichswehr von besonderer Bedeutung ist, nur wie die konkret aussieht, blieb ein Rätsel. Bis Gereon im Radio hört, dass sich Stresemann und Briand am Prangertag, also an Fronleichnam treffen, um einer Aufführung von Bertolt Brechts und Kurt Weills Dreigroschenoper beizuwohnen. Gereon Rath, Blitzmerker par excellence.
  • Warum fährt der Zug wieder nach Russland? "Verloren" haben Gereon Rath und August Benda nicht nur, weil sie Generalmajor Seegers trotz überzeugender Beweise gehen lassen müssen. Auch der Zug mit dem illegalen Giftgas soll ohne Untersuchung zurück in die Sowjetunion fahren. Verantwortlich dafür ist niemand Geringeres als Reichspräsident Paul von Hindenburg. In Babylon Berlin deckt er die illegale Aufrüstung der Heeresleitung. Hindenburg hatte seit dem Ersten Weltkrieg den Nimbus des Kriegshelden und großen Generals inne. Auch er verbreitete die Propaganda der Dolchstoßlegende vom im Feld unbesiegten deutschen Heer, er war ein Monarchist und erzkonservativ. 1925 wurde der 77-Jährige zum Reichspräsidenten gewählt. Dabei kam ihm im Verhältnis zum heutigen Bundespräsidenten wesentlich mehr Macht zu, was in ihrer Endphase die Zersetzung der Weimarer Republik förderte.
Hindenburg in Babylon Berlin
  • Und natürlich: Wann geht es mit Babylon Berlin weiter? Nächsten Donnerstag, am 08.11. laufen die letzten beiden Folgen der 2. Staffel. Danach erwartet uns eine lange Pause. Alle Sendetermine von Babylon Berlin haben wir euch an anderer Stelle aufgeführt. Außerdem steht die komplette 2. Staffel in der ARD Mediathek  zur Verfügung.

Babylon Berlin macht den Putschversuch zur Thriller-Sequenz

Ein Attentats- und Putschversuch findet in der 14. Folge von Babylon Berlin statt, ohne Konsequenzen nach sich zu ziehen. So sehen Gereon Rath (Volker Bruch) und August Benda (Matthias Brandt) am Ende dieses Folgen-Doppels aus wie pessimistische Versionen eines Davids, der den Goliath der Schwarzen Reichswehr nicht zu Fall bringen kann. Gereon rettet den Tag, aber eben nur so lang. Alles kann am nächsten Morgen wieder von vorne losgehen. Insofern fasst Babylon Berlin das Kräfteverhältnis im Kern seiner Seriengesellschaft in einer anderen Szene zusammen: Da stolziert Benno Führmanns Oberst Wendt ins Büro des Polizeipräsidenten (Thomas Thieme) und haut ihm zwei runter, als weise er ein Kind mit der Härte der preußischen Erziehung zurecht. Ich kann mich nicht erinnern jemals gesehen zu haben, wie jemand den einschüchternden Thomas Thieme so abwatscht.

Das Aquarium wird repariert!

In diesen beiden Folgen zeigt sich auch, wie Babylon Berlin eine Art konzentrierte Fassung der Weimarer Republik für seinen Plot plündert. Die relative Stabilität des Staates vor der Weltwirtschaftskrise 1929 wird mit den von Putschen geplagten frühen Jahren der Republik vermengt, angereichert mit realen Ereignissen wie der brutalen Niederschlagung der Mai-Demonstrationen. Heraus kommt ein Thriller-Plot, dessen Umsetzung an eine spiegelverkehrte Variante von Bryan Singers Operation Walküre bzw. Jo Baiers Stauffenberg erinnert. Wir blicken den Putschisten der Schwarzen Reichswehr in ihrem Gefängnis-Domizil über die Schulter, erhalten einen Abriss des Plans. Aus Sicht von Peter Kurths Attentäter Bruno Wolter wird wenig später die Umsetzung in die Tat geschildert. Während Gereon zum Ort des Attentats hastet, bleiben wir an Brunos Seite. Es ist ein Erzählpanorama, das auf knapp zwei Staffeln Vorbereitung baut. Das große und vor allem starke Ensemble von Babylon Berlin zahlt sich in Szenen wie diesen aus, in denen Helden und Schurken uns gleichermaßen nah sind. Die parallele Montage zwischen diesen beiden Kräften entwickelt ihre Reibung, weil wir beide Seiten so gut kennen.

Babylon Berlin: Alle Serien-Weichen werden auf Staffelfinale gestellt

Weniger gut funktioniert das im Fall der entführten Charlotte. Die Geschichte um den Armenier scheint mir primär dazu zu dienen, Gereon so lang wie möglich von dem roten Büchlein zu distanzieren. Der Putsch will vorbereitet werden. Was an für sich kein Problem wäre. Jedoch verspielt das Drehbuch von vornherein das Einschüchterungspotenzial des Armeniers. Diese Recaps sollen ja nicht blutdürstig klingen, aber in dem der Armenier (Misel Maticevic) den jungen Bahnarbeiter am Leben lässt, wird die reale Gefahr für Charlotte (Liv Lisa Fries) zu früh im Keim bzw. der Kühlkammer erstickt. Der Fleischer mag sein Messer schwingen, aber erst der späte, unheimliche Auftritt von Charlottes kleiner Schwester als unwissender "Gast" des Armeniers eröffnet einen kleinen Gefahrenradius. Da ist es schon zu spät. Andererseits wäre es vermutlich ein Gangster-Klischee sondergleichen gewesen, hätte der Armenier den Bahnarbeiter erschossen. Jedenfalls: Weniger Kühlkammer ist mehr.

Babylon Berlin
Darüber hinaus bleibt es jedoch äußerst befriedigend zu sehen, wie sich nach zwei Staffeln der Plot von Babylon Berlin zusammenzieht, also sowohl der der Schwarzen Reichswehr als auch der der Serie. Gereon trifft zum ersten Mal die russische Gräfin und wir erfahren von ihrer Familiengeschichte und der Herkunft des Goldes. Zudem gibt sich das Drehbuch mit der erwarteten Abfahrt des Zuges in die Sowjetunion eine Deadline. Nach der Verschwörung der Schwarzen Reichswehr wird der Fokus damit auf das Gold verlegt. Der Zug wird wieder Hauptaugenmerk von Babylon Berlin, aber auch auf den Nebenschauplätzen wird die Lage verschärft. So muss Hausmädchen Greta mit ansehen, wie ihr Freund Fritz ermordet wird. Die politische Polizei soll Schuld sein und damit ihr Arbeitgeber Benda.

Die 14. Folge endet mit dem rauchenden Bruno Wolter. Der ist zum Bösewicht herangewachsen, probt mit dem kleinen Moritz das Schießen wie Der Schakal. Gleichzeitig bleiben die Autoren seiner Vielschichtigkeit treu. Mit Gereon sucht er nach Charlotte - Mordverdacht hin oder her. Darauf folgt sein bedrückend ehrlicher Abschied von der alkoholkranken Ehefrau. Ohne Bruno wäre die Schwarze Reichswehr nur eine Sammlung von Karikaturen in Uniform (die zufällig aussehen wie Benno Führmann). In mancher Hinsicht ist Bruno der wahre Bösewicht dieser ersten beiden Staffeln von Babylon Berlin. Ein fürsorglicher Kollege, der dir kalt in den Kopf schießt, ein Polizist, der seinen Staat zu Fall bringen will. Das Finale kann kommen.

Wenn Walter Ruttmann einen Attentatsversuch inszeniert


Alle Recaps zu Babylon Berlin

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